Glück. Predigt zu Philipper 3,12

Nicht, dass ich’s schon ergriffen habe oder schon vollkommen sei; ich jage ihm aber nach, um es zu ergreifen (Phil. 3, 12)
Ja, renn nur nach dem Glück / doch renne nicht zu sehr / denn alle rennen nach dem Glück / das Glück rennt hinterher. (Bertolt Brecht, Dreigroschenoper)
Wie ist das mit dem Glück? Sind Sie glücklich? Was für eine persönliche Frage, eine indiskrete dazu! Was ist überhaupt Glück? Es gilt als etwas Privates. Im Politik- und Wirtschaftsteil taucht es in der Zeitung kaum je auf, eher auf den hinteren Seiten, wo vom häuslichen Glück berichtet und geklatscht wird. Da ist vom wilden Glück die Rede und manchmal auch vom stillen oder späten. Trautes Heim, Glück allein? Ist es eine Trutzburg gegen die rauen Winde der Welt? Das Private gegen das Öffentliche? Dort regieren die Statistiken mit Zahlen und Diagrammen. Jedes Prozent Wachstum bedeutet Fortschritt: Wirtschaftswachstum, Zunahme von Mobilität, Außenhandelsbilanz.
Doch, diese Zahlen haben sehr viel mit Glück zu tun. Fortschritt und Wachstum bedeuteten einen Gewinn an Lebensqualität, heißt es. Wir wären freier, hätten mehr Möglichkeiten, könnten uns mehr leisten, als einzelne und als Gesellschaft: mehr Wohlstand, weiter verreisen, die neueste Handyversion, Klamotten nach dem neuesten Schrei. Die Statistiken mit den Zahlen stehen für das Glück, das wir uns erträumen und das wir auf diese Weise doch nicht erreichen können. Im Gegenteil, das Wachstum zwängt uns ein rasendes Tempo auf, das uns kaputt macht und die Schöpfung ruiniert. Es spaltet die Welt in eine wachsende Zahl von Armen und in wenige, die immer reicher werden. Unsere Anstrengungen um Geld und steigenden Wohlstand sind im Grunde ein Versuch, gute Bedingungen für das Glück zu schaffen, auf dass wir’s festmachen. Ein hungriger Magen singt im allgemeinen keine fröhlichen Lieder. So haben wir uns daran gewöhnt, zuerst für den gedeckten Tisch zu sorgen. Und das Warum vergessen. Es geht nicht um den Tisch, sondern um das fröhliche Herz. Gerhard Schöne hat es in ein Lied gekleidet:
Es sitzt sich weich auf unserm Sofa. Gemütlichkeit im ganzen Haus.
Geschmackvoll wählten wir die Bilder zur Farbe der Gardinen aus.
Wir schließen nachts die Jalousien, hab´n neue Schlösser in der Tür.
Das Glück soll sich doch sicher fühlen als Dauermieter, dachten wir.
Da hat´s das Bündel schon geschnürt.
Ich glaub´, es wohnt nicht gern möbliert
und scheint die Sicherheit zu meiden.
Versprechen, die vergißt es prompt,
und daß es niemals pünktlich kommt,
kann ich nicht leiden. (Das Glück, Die sieben Gaben Nr. 14)

Paulus rennt. Nicht, dass ich’s schon ergriffen habe oder schon vollkommen sei; ich jage ihm aber nach, um es zu ergreifen ( V. 12) Ja, ich glaube, es geht um Glück, wie es überhaupt in der Bibel um Glück geht – nicht nur, aber auch. Wir haben’s auch oft vergessen oder trauen uns nicht, die Bibel so zu sehen. Doch, die Bibel redet vom Glück, auch wenn sie andere Worte benutzt oder vielmehr Luther damals im 16. Jahrhundert, als die Sprache noch eine andere war und es den Begriff vom Glück so, wie wir ihn heute verwenden, noch nicht gab.
Gott hat die Schöpfung aus Glück geboren und die Menschen, dass sie sich freuen und sich lieben, lachen und weinen können und nicht ihr ganzes Leben lang stocksteif und ernst durch die Welt stolzieren und Höflichkeitsfloskeln oder Wichtigkeiten austauschen. Gott hat uns aus Glück und Liebe geboren, damit wir übersprudeln vor Lebendigkeit und uns damit anstecken. Gott hat gewollt, dass wir verrückt und tiefschürfend und zärtlich und weiß ich alles sein können und Erfüllung und Sinn finden in unserem Dasein und Miteinander.
Ein Blick in die Realität – oder auch auf uns selbst – zeigt, wie schnell Träume zerbrechen und zu Albträumen werden können, in denen wir viele Rollen spielen, Hauptrollen und Nebenrollen. Titel: Das Glück auf Kosten anderer. Mach mich glücklich. Hauptsache ich.
Wenn die Bibel Glück meint, steht in unseren (Luther-)Übersetzungen oft „selig“. Selig sind die Barmherzigen oder die nach Gerechtigkeit hungern, selig, die Jesu Wort hören und tun. Und auch Paulus, als er im Gefängnis in Ephesus sitzt und der Gemeinde in Philippi schreibt, erzählt vom Glück: wie er’s gefunden hat und trotzdem immer während weiter sucht. Die Prioritäten sind für ihn klar: das Glück, das in Jesus liegt, ist für ihn so überschäumend, dass er dafür alles aufgibt und sein ganzes Leben umkrempelt. Es gibt ihm solche Kraft, dass er selbst im Gefängnis davon erzählt.
„Alles aber, was mir früher gewinnbringend zu sein schien, das habe ich nun um Christi willen als nachteilig erkannt. Ja, wahrlich: Ich halte das alles für ein Verlustgeschäft, … für einen feuchten Dreck, damit ich Christus gewinne und als zu Christus gehörend erkannt werde. … Nicht dass ich es schon ergriffen hätte oder schon zum Ziel gelangt wäre, ich laufe aber auf das Ziel zu, um es zu ergreifen, weil ich selbst von Jesus Christus ergriffen bin. Meine Schwestern und Brüder, ich schätze mich selbst nicht so ein, dass ich es schon ergriffen hätte. Eins aber tue ich: Ich vergesse, was hinter mir liegt, und strecke mich aus nach dem, was vor mir liegt; ich laufe auf das Ziel zu, um den Siegespreis zu erlangen. Das ist die Berufung zum ewigen Heil, die Gott uns schenkt, wenn wir uns auf Jesus Christus vertrauensvoll einlassen.“ (Übersetzung: Bibel in gerechter Sprache)

Sind Sie glücklich? Der Arzt und Kabarettist Eckart von Hirschhausen hält das Glück für so wichtig, dass er vorschlägt, ein Schulfach einzurichten. Lernen, wie wir unser Leben gestalten, Beziehungen pflegen, unsere Stärken erkennen, Krisen meistern, mit Belastungen umgehen und uns an uns selbst freuen können, das ist genauso wichtig wie Wissen ansammeln.
Das kleine asiatische Land Bhutan versucht das umzusetzen. Glück ist zum Staatsziel erhoben. Eine oberste Behörde wurde eingerichtet, die die Gesetze daraufhin untersucht, welche Auswirkungen sie auf das Glück der Menschen haben und wie Leid gemindert werden kann. Neben dem Bruttosozialprodukt wird dort auch das Bruttosozialglück gemessen. Abwegig oder visionär?
Eckart von Hirschhausen ist sich sicher: Glück ist messbar. Es zeigt sich darin, wie die Menschen miteinander umgehen, wie viele sich ehrenamtlich einbringen, wie der Zugang zur Bildung ist, wie viele Kinder es gibt, wie hoch der Anteil psychisch Gesunder ist.
Und es breitet sich aus. Wer glücklich und zufrieden ist, nimmt anderen ja nichts weg, sondern steckt sie eher an, in der Familie oder auf Arbeit. Insofern ist das private Glück nicht etwa ein Rückzug in die eigenen vier Wände, sondern hat Konsequenzen für die Allgemeinheit. Für die Bibel gehört zum Glück dazu, dass alle davon profitieren, die Abgehängten, die Traurigen, die, die nicht auf Kosten anderer leben mögen, die Armen und die, die Gerechtigkeit anmahnen. Schweres und Leiden gehören zu unserer Existenz dazu und fordern uns heraus. Wir brauchen das Schwierige, um zu wachsen – und hoffentlich nicht daran zu zerbrechen. Kann das Glück das Unglück tragen?
Daß wir glücklich werden und unsere Umgebung auch, dazu können wir einiges tun. Das Glück festnageln – der erste beliebte Irrtum – , das können wir nicht. Den zweiten hat Brecht in den 20-er Jahren beschrieben: „ Ja, renn nur nach dem Glück / doch renne nicht zu sehr / denn alle rennen nach dem Glück / das Glück rennt hinterher.“ Die Gnade liegt im Augenblick, wenn wir innehalten und intensiv spüren können. Das gelingt nicht immer. Auch Paulus hatte da so seine Schwierigkeiten. „Ich jage ihm aber nach, um es zu ergreifen…“ Hoppla, lieber Paulus! Glück ist ein Geschenk, da müssen wir wohl alle lernen, Paulus damals und wir heute.
„ Ich fand es mal beim Muschelsuchen. Da gab´s mir sein Geheimnis preis:
’Du rennst mir nach, willst mich erzwingen. Halt inne, schau und sei ganz leis.
Dann wirst du staunend mich entdecken. Dann hörst du meinen Glücksgesang.
Und ich kann dir aus vielen Blicken entgegen schau´n ein Leben lang.
Ich bin im Brotgeruch versteckt,
und wenn dich deine Liebste neckt
im Dunkeln, dann hörst du mich lachen.
Ich warte auf dich jetzt und hier, und wenn du singst, bin ich bei dir,
dich froh zu machen!’“ (Gerhard Schöne)

 

Predigt am 9. Sonntag nach Trinitatis zu Philipper 3,12

Weitere Predigten in der Trinitatiszeit: hier
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