Martha – die Heilige mit Kochlöffel und Drachen

Mit Kochlöffel und Drachen, so wird Martha auf mittelalterlichen Altären dargestellt. Kochlöffel oder Schöpfkelle der Hausfrau und Drachen als Bezwingerin des Bösen, das sind Marthas Attribute. Wenn sie denn dargestellt wird. Denn Martha-Kirchen gibt es nicht viele. In Deutschland stehen sie in Nürnberg, Berlin, Augsburg, Bautzen und Niedernhausen in Hessen. Doch Martha-Häuser gibt es mehr, in Halle oder Dessau, Hamburg oder Leipzig.

Im 19. Jahrhundert wurden Martha-Häuser für Dienstbotinnen gegründet. Sie sollten „die religiös-sittliche Hebung der weiblichen Dienstboten, die Erziehung derselben zur Gottesfurcht und zum Fleiße, zur Ehrerbietung, zum Gehorsam und zur Treue gegen ihre Dienstgeber“ anstreben, wie die Satzung des Marthahausvereins in Frankfurt 1866 bekundet. In den Martha-Häusern fanden junge Frauen Unterkunft und Ausbildung. Auf untadelige Lebensführung wurde besonders geachtet, Herrenbesuch war selbstredend verboten. Heute haben sich diese Martha-Häuser oft zu Pflegeheimen oder Hotels gewandelt.
Martha stand zwischen 1890 und 1915 ganz oben auf der Hitliste der beliebtesten Mädchennamen und spielte bis 1930 noch eine große Rolle, auch heute ist der Name wieder im Kommen.

Martha, die Schutzheilige der Dienstbotinnen, Kellnerinnen, Wäscherinnen, Köchinnen und Hausfrauen. Dabei heißt Martha im Aramäischen ursprünglich Herrin oder Gebieterin. Jesus ist mit ihr und ihrer Schwester Maria befreundet. Bei der Auferstehung des Lazarus ergreift sie die Initiative. Sie spricht ein Christusbekenntnis, das dem des Petrus gleichkommt. „Ja, Herr, ich glaube, daß du der Messias bist, der Sohn Gottes, der in die Welt kommen soll. (Johannes 11,27). In den ersten Gemeinden wird sie eine leitende Rolle gespielt haben, getreu ihrem Namen – Herrin, Gebieterin. Später wird sie in der Tradition immer gegen ihre Schwester Maria ausgespielt und ihr die untergeordnete Rolle zugeschoben. Das Küchenmädchen, die Frau aus dem Volk. Maria ist die gelehrte, religiös interessierte Frau. Aber der Erfurter Mystiker und Theologe Meister Eckardt (um 1300) schätzt sie sehr. Martha ist weiter als Maria. Maria muß erst noch lernen, was Martha schon praktisch umsetzt, befindet er.

Martha war ganz beschäftigt mit „großem Dienst“ oder „vom vielen Dienst beunruhigt“, heißt es im Lukasevangelium. Als Dienst, Diakonia, beschreibt Lukas, was sie tut. Dienen, diakonein, ist ein Schlüsselwort für Jesus.

Unmittelbar bevor er zu Maria und Martha kommt, erzählt er eine seiner wichtigsten Geschichten vom Dienen, die Geschichte vom Barmherzigen Samariter. Der nimmt einen Überfallenen und Zusammengeschlagenen auf und pflegt ihn. Der Barmherzige Samariter ist zur Schlüsselerzählung für die Diakonie geworden. Martha setzt um, was Jesus verlangt, sie tut „großen Dienst“.
Während Jesus kurz vorher in einem Dorf abgewiesen wurde (Lukas 9,53), öffnen Martha und Maria ihre Türen. Während Jesus keine Bleibe gefunden hat, nehmen sie ihn auf. Über nächtlichen Besuch auf der Durchreise erzählt Jesus im nächsten Abschnitt, gleich nach dem Vaterunser mit der Bitte um das tägliche Brot. Es ist kein Krümelchen zu essen im Haus. Der bitterarme Gastgeber muß erst die schlafenden Nachbarn wecken und sich Brote ausborgen. Der bittende Freund ist sprichwörtlich geworden. Wie arm er war und daß er selbst hungrig war, habe ich mir bisher nie bewußt gemacht. Was mag bei Marta und Maria auf dem Tisch gestanden haben, und sind sie halbwegs satt zu Bett gegangen? „Wer euch aufnimmt, nimmt mich auf“, erklärt Jesus seinen Schüler*innen mehrmals.
Dient einander, fordert er immer wieder. Er selbst kniet sich beim Essen hin und wäscht seinen Schüler*innen die Füße. Wer groß sein wird, sei euer Diener, euer Sklave, eure Sklavin. Kehrt das Unterste zuoberst, kehrt die Herrschaftsverhältnisse um!

Maria und Martha zeigen beispielhaft, wie Menschen Jesus nachfolgen. Die beiden leben als unabhängige Frauen miteinander.
Und so wie sie Jesus beherbergt haben, werden sie später ihr Haus für die ersten Christ*innen geöffnet und eine Hausgemeinde gegründet haben. Die Apostelgeschichte erzählt von vielen Frauen, die Gemeinden um sich versammelt und geleitet haben, z.B. Maria und Rhode in Jerusalem oder Lydia und die Frauen von Philippi.

Von Küche, von Kochen oder Auftischen fällt übrigens kein Wort. Es gab damals auch keine Wohnung mit Küche und Wohnzimmer, wie wir sie kennen. Das Leben spielte sich in den Innenhöfen ab. Ziemlich wahrscheinlich saßen oder lagerten sie dort zu dritt beieinander. Lukas berichtet, Maria saß auch zu Füßen von Jesus. Auch, bedeutet das nicht, daß beide dabei waren – und Maria eben auch? (Heilig 136, folgend der Auslegung von Schneider / Ruschmann)
Zu dritt haben sie sich unterhalten. Nur: Martha war eben noch zusätzlich in Anspruch genommen, in Gedanken woanders, mit dem „großen Dienst“ beschäftigt. Jesus spielt die Schwestern nicht gegeneinander aus. Maria hat das gute Teil erwählt, sagt er, nicht das bessere.

Diakonie kann auch auffressen. Ehrenamtliche, Pflegekräfte oder Sozialarbeiter*innen wissen, wie der viele Dienst beansprucht. Vorstandsmitglieder müssen Entscheidungen treffen und sind manchmal überfordert, Leitungskräfte verhandeln Pflegesätze, stellen Weichen und schlagen sich mit der Verantwortung herum. Für Diakonie brennen und im vielen Dienst ausbrennen, sich alleingelassen fühlen, darüber klagt Martha. Ehren- und Hauptamtliche brauchen es, daß sie sich vom Dienst ausklinken, sich „zu Füßen von Jesus“ setzen, zuhören, darüber sprechen, was sie bewegt, sich um sich selbst kümmern. Maria hat das gute Teil erwählt, sagt Jesus. Das gibt Kraft und ist genauso wichtig wie der große Dienst.

Zu Marthas Attribut sind Kochlöffel und Schöpfkelle geworden, auch wenn vom Kochen beim Besuch von Jesus keine Rede ist. Martha steht in der Tradition für die, die sich ums Praktische kümmern. Ich denke an die Frauen in den Gemeindeküchen, ohne die in vielen Kirchengemeinden kein Seniorennachmittag, keine Goldene Konfirmation oder Gemeindefest stattfinden könnte. Die Geschichte von Martha rückt sie ins Licht.
Sie erinnert an die vielen Frauen, die Kinder nähren, Alte pflegen, den Tisch decken und Netze der Solidarität knüpfen. Es wurde und wird selbstverständlich erwartet, daß sie sich ohne Bezahlung oder gar Altersvorsorge kümmern, oftmals sogar ohne Anerkennung und ein Dankeschön.

Im Zuge der Globalisierung kürzen die Staaten immer mehr öffentliche Mittel. Sie ziehen sich aus der Verantwortung im Sozial- und Gesundheitswesen zurück und überlassen es den Familien, den privaten Initiativen und Wohlfahrtsverbänden, den Kleiderkammern und Tafeln, sich um Arme, Gestrandete und Hilfesuchende zu kümmern. Die Risiken aus der Globalisierung „werden auf direktem Weg in die heimische Küche weitergeleitet“. (Heilig 143) Oft sind es die Frauen, die dann das Überleben der Familien sichern, sich für Ernährung und Gesundheit ihrer Umgebung einsetzen.

Theologinnen messen der Küche eine spirituelle Bedeutung zu: „Küche als heiliger Ort! Gerade in Zeiten, in denen immer mehr Menschen, v.a. Kinder, nicht mehr mit dem nötigsten Essen versorgt werden können, gewinnt dieses Verständnis an hoher politischer und theologischer Bedeutung. Unsere Kirchen müssen Küchen sein, in denen Menschen ganzheitlich genährt werden; Küchen, in denen konspirative Arbeit gegen die bestehende ungerechte Verteilung der Nahrungsmittel dieser Erde stattfinden kann.“ (Heilig 141)

Die Legende hat das Leben von Martha weitergesponnen. In Frankreich soll sie von Menschen zu Hilfe gerufen worden sein, deren Dorf von einem menschenfressenden Drachen terrorisiert wurde. Martha zieht in den Wald, besprengt den Drachen mit Weihwasser und hält ihm ein Kreuz vor. So besiegt sie ihn und bindet ihm ihren Gürtel um den Hals. Diese Frau nimmt nicht die Opferrolle ein. Sie agiert als Heldin. Sie setzt ihre innere Kraft ein. Anders als in der Georgs-Legende verzichtet Martha auf schwere Waffen, auf Lanze oder Spieß. Sie wendet keine Gewalt an. Sie besiegt den Drachen, ohne ihn zu töten. Sie zähmt und bändigt das Böse und bemächtigt sich dadurch seiner Kräfte. Martha erweist sich als die Herrin, wie ihr aramäischer Name sagt.

Diakonie, großer Dienst und Arbeit für eine gerechte Verteilung der Nahrungsmittel dieser Erde – das erfordert manchmal schier übermenschliche Kräfte. Martha gebietet über Kochlöffel und Drachen. Wir brauchen viele Marthas unter uns, bei denen Küchen zu heiligen Orten werden und die vor Kämpfen nicht zurückschrecken.
Beim Abendmahl lädt Jesus die Menschen an seinen Tisch ein. In Martas Haus darf er Platz nehmen. Bei Marta kann er Gast sein.  Ein bekanntes Tischgebet, etwas umgedichtet, erinnert daran: „Komm, Herr Jesus, sei unser Gast und segne, was Du, Marta, uns zubereitet hast.“ (Renate Kirsch, zit. bei Heilig 142)

 

Predigt am 26.2.2017 (Estomihi) über Lukas 10,38-42

Literatur:
Petra Heilig: Die Weisheit beherbergen: Martha und Maria schenken neues Verstehen. Arbeitsbuch zum Weltgebetstag 2008 (Guyana), 131 – 143
Elisabeth Moltmann-Wendel: Ein eigener Mensch werden. Gütersloh 1987, 23-55

Übersetzung Susanne Ruschmann:
38 Es geschah aber, als sie ihres Weges zogen, dass er in ein Dorf kam, und eine Frau mit Namen Marta nahm ihn auf.
39 Und diese hatte eine Schwester, genannt Maria, die auch zu den Füßen des Herrn sitzend seinem Wort zuhörte.
40 Marta aber war ganz beschäftigt mit großem Dienst; innehaltend (oder: hinzutretend) aber sagte sie: Herr, kümmert es dich nicht, dass meine Schwester mich alleingelassen hat zu dienen? Sage ihr doch, dass sie mir helfe!
41 Antwortend aber sagte der Herr zu ihr: Marta, Marta! Vieles geht dir im Kopf herum und beunruhigt dich;
42 eines aber ist notwendig. Maria aber hat den guten Teil erwählt, der ihr nicht genommen werden darf.

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