Heiligabend: die Hebamme

Die Hebamme hat Bereitschaftsdienst. Ein Baby kann jederzeit kommen, zwei Wochen zu früh oder zehn Tage nach dem Termin. Es richtet sich nicht nach Schichtplänen oder freien Wochenenden. Ein Kind kommt genau dann, wenn seine Zeit da ist. Dann will es geboren werden, und dann muss sie da sein. Eine Hebamme ist immer im Dienst. Sie sieht, ob das Kind richtig liegt. Sie beruhigt die Mutter. Sie hält ihre Hand, wenn die Wehen kommen. Ihre Hände sind die ersten, die das Baby auf dieser Welt empfangen. Sie halten es, wenn es den ersten Schrei tut. Sie hüllen es ein und übergeben es der Mutter, sie legen das Baby an, damit es trinken kann. Eine Hebamme betreut Mutter und Kind nach der Geburt in den ersten Tagen und Wochen.

Sie kennt sich aus mit den Gefahren für Mutter und Kind. Dass eine Geburt ohne Komplikationen verläuft und das Baby gesund ist, liegt nicht nur in ihrer Hand. Sie weiß, was alles schiefgehen kann. Eine Hebamme sieht auch, wenn die Mutter verstümmelt wurde.
Früher waren Hebammen die einzigen, die raten konnten, wenn eine Frau mit verweinten Augen vor ihr stand und nicht weiterwusste. Oder die ein Tränklein wußte, damit eine Frau endlich guter Hoffnung sein konnte. Eine Hebamme ist immer im Dienst.

Maria bekommt ein Baby. Ihr erstes. Das ist aufregend. Und ein bisschen unheimlich. Wie wird die Geburt?

Sie sind unterwegs. Die Wehen kommen. Maria kann nicht mehr weitergehen. Sie muss sich jetzt hinlegen. Das Kind ist wichtiger als der Weg, das Versteck. Maria braucht eine Hebamme. Jesus braucht eine Hebamme.

Sologesang: Nun wandre, Maria (Hugo Wolf)

Erst wurden die Versicherungsprämien so unverschämt hoch, dass die meisten freiberuflichen Hebammen aufgegeben haben. Als ob es eine Garantie gäbe für eine schnelle Geburt, ein fehlerloses Baby und ein sorgenfreies Leben. Inzwischen schließen immer mehr Krankenhäuser ihre Geburtsstationen, weil es so wenig Hebammen gibt, dass die Kliniken keine Dienstpläne mehr aufstellen können. Aber wo soll Maria hingehen, wenn die Wehen immer häufiger kommen?

Die Bibel berichtet nicht, wie Maria die Geburt überstanden hat. Wenigstens musste sie ihr Kind wohl nicht im Freien bekommen oder am Straßenrand. Vielleicht haben ihr auch andere Frauen geholfen. Oder Josef hat das Neugeborene abgenabelt. Auf mittelalterlichen Gemälden hält er manchmal einen Suppentopf in den Händen. Josef kocht die Wochensuppe, die Maria neue Kraft geben soll.

Bei der Geburt sind Mutter und Kind am verletzlichsten. Wenn keine Hebamme da ist, müssen andere einspringen. Sie müssen das Kleine behüten und alles, was noch unfertig ist und unsicher und sich erst noch entwickeln will. Sie müssen beschützen, die verletzlich sind in unserer Mitte, die ihren Platz nicht gefunden haben oder herumgeschubst werden. Wir brauchen viele Hebammen. Auch für das Verletzliche und Unfertige in unserem eigenen Inneren. Für Gefühle, Fragen, Gedanken, die in uns reifen und die uns verändern wollen. Solche Hebammen können alle sein, Männer, Frauen, Kinder. Und manchmal wissen sie es selbst nicht, dass sie gerade als Geburtshelferinnen unterwegs sind.

Als Jesus später unter Schmerzen starb, wandelte Gott sich ihm zur Hebamme – zu der Hebamme, die er als Baby vielleicht nie gehabt hat. Gott, warum hast du mich verlassen, rief er. In diesem Gebet heißt es weiter: Gott, du hast mich aus dem Leib meiner Mutter gezogen, du ließest mich geborgen sein an der Brust meiner Mutter (Psalm 22,10). Jesus braucht eine Hebamme. Zu Weihnachten. Als er stirbt. Am Karfreitag wird Gott selbst eine.

„Ob wir wollen oder nicht – wir bekommen ein Kind. Das ist Weihnachten“, schreibt Ilse Junkermann, unsere Bischöfin [Weihnachtsbotschaft 2017].  Die Hebammen des Lebens sorgen dafür, daß es geboren werden kann. Eine Hebamme ist immer im Dienst, ob für das göttliche Kind, das Kind in uns oder die Kinder um uns herum.

 

Weitere Predigten in der Advents- und Weihnachtszeit: hier

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