Führe uns nicht in Versuchung?

Und führe uns nicht in Versuchung. Papst Franziskus würde diese Bitte aus dem Vaterunser lieber anders formulieren. Die französischen Bischöfe haben sich schon länger auf eine neue Fassung geeinigt. Zum 1. Advent wurde in den katholischen Kirchen unseres Nachbarlandes das Vaterunser revidiert. Seitdem beten die Katholik*innen dort, frei übersetzt: “Lass uns nicht in Versuchung geraten”*. Die katholische Kirche in der französisschsprachigen Schweiz wird sich zu Ostern anschließen.

Führe uns nicht in Versuchung. Vielleicht haben Sie beim Vaterunser an dieser Stelle auch schon Schwierigkeiten gehabt.  Führt Gott Menschen etwa aufs Glatteis, stellt ihnen einen Hinterhalt? Schickt er ihnen Böses? Mutet Gott ihnen mehr zu, als sie überhaupt ertragen können? Lauert Gott sogar auf Fehltritte, ja ergötzt sich schadenfreudig daran?
Papst Franziskus – und vor ihm zahlreiche andere – findet die deutsche Fassung der Bitte problematisch. In einem Interview im Herbst hat er stattdessen vorgeschlagen: Lass uns nicht in Versuchung geraten.

Das Vaterunser ändern – das hat ziemlichen Wirbel hervorgerufen. Schließlich sprechen wir es im Gottesdienst schon immer so. Oder? Dabei ist der Gedanke gar nicht so neu. Genau diese Bitte wurde 1971 schon einmal verändert, beim zweiten Teil. Wenn wir selbstverständlich beten: Erlöse uns von dem Bösen, hieß es seit Martin Luther “und erlöse uns von dem Übel”.

Das Vaterunser geht wahrscheinlich auf jüdische Gebete zurück. Jesus hat sie übernommen und umformuliert und erweitert. Überliefert ist es im Neuen Testament zweimal, in der Bergpredigt im Matthäusevangelium (6,9-13) und etwas kürzer im Lukasevangelium (11,2-4). Wir kennen nur die griechischen Worte. Aber Jesus hat aramäisch gesprochen. Was mag er ursprünglich gesagt haben, in Aramäisch? Niemand weiß es. Die Evangelien sind außerdem erst weit über ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod aufgeschrieben worden, um 80 oder 90.
Interessant ist es, veschiedene aktuelle Übersetzungen zu vergleichen. Lass uns nicht in die Gefahr kommen, dir untreu zu werden, sondern rette uns aus der Gewalt des Bösen (Gute Nachricht). Führe uns nicht in Versuchung, sondern befreie uns von dem Bösen (Neue Evangelistische Übersetzung). Führe uns nicht zum Verrat an dir, sondern löse uns aus dem Bösen (Bibel in gerechter Sprache).

Der zweite Teil ist eindeutiger. Herausgerissen aus dem Gewaltbereich des Bösen mögen wir werden.** Aber die erste Hälfte? Meint Jesus wirklich, daß Gott die Menschen zum Bösen verführt? Im Evangelium haben wir eben gehört, wie Satan ihn verführt. Satan und nicht Gott. Satan ist der Verführer und Verdreher. Die Bibel schildert dagegen in tausend Farben, wie Gott die Menschen liebt und an ihnen hängt. Gott schenkt Kraft zum Guten, belebt die Menschen mit göttlichem Atem, lädt sie ein, die Erde zu gestalten und die Schöpfung zu vollenden. Gott spiegelt sich in ihnen wider und begabt sie mit Kreativität, mit Mut, Liebe und Beharrlichkeit. Wieso sollte Gott sie also in Abgründe locken?
Stattdessen bestärkt er sie immer wieder, gegen das Böse anzugehen. Gott selbst geht voran, wenn Prophet*innen Unrecht und Strukturen der Gewalt beim Namen nennen und die, die dafür verantwortlich sind, zur Umkehr rufen, zu Frieden und Gerechtigkeit.

Der Papst möchte verhindern, daß Menschen ein falsches Gottesbild bekommen. Es sei nicht Gott, der den Menschen in Versuchung stürze, um zu sehen, wie er falle. „Ein Vater tut so etwas nicht; ein Vater hilft sofort wieder aufzustehen. Wer dich in Versuchung führt, ist Satan.“ Nicht Gott ist es, der die Menschen in schwierige Situationen hinein manövriert – vielmehr „hält er die Hand“, um die Gläubigen aus Not und Verzweiflung heraus zu führen. (Interview des italienischen Fernsehsenders TV 2000 vom 6.12.2017)
Im Jakobusbrief heißt es: Keiner, der in Versuchung gerät, soll sagen: Ich werde von Gott in Versuchung geführt. Denn Gott lässt sich nicht zum Bösen versuchen, er führt aber auch selbst niemanden in Versuchung. Vielmehr wird jeder von seiner eigenen Begierde in Versuchung geführt, die ihn lockt und fängt.  (Jak 1,13+14)

Ich finde es lohnender, darüber nachzudenken, was Versuchungen heute sind. Aus meiner Sich wirken sich zwei Arten von Versuchungen verheerend aus.
Da ist zunächst der Größenwahn, gepaart mit Gleichgültigkeit: Daß wir die Welt im Griff haben und daß wir, global gesehen, so weiterleben können wie bisher.
Genauso zerstörerisch wirkt die Versuchung, sich kleinzumachen. Sie ist in der Kirche besonders beliebt. Demut und Unterordnung wurde viel zu lange gepredigt. Ich bin nicht gut genug. Ich bin nur ein kleines Licht. Ich bin nicht so wichtig. Ich kann nichts tun. Ich kann nichts ändern. Mit solchen Einstellungen lassen sich Menschen außerdem prima verführen, manipulieren und instrumentalisieren.
Zuletzt – und für Sie sicher am wichtigsten – sind da Ihre ganz persönlichen Versuchungen.Sie können ganz unterschiedlich aussehen. Jedenfalls rauben sie Mut und Tatkraft. Sie machen unfähig für Beziehungen und ersticken die Lebensfreude.

Heute ist der erste Sonntag der Passionszeit. Die nächsten Wochen bieten Gelegenheit, darüber nachzudenken und es neu zu wagen. Gott will uns nicht beweisen, wie wir scheitern, sondern uns helfen, daß wir leben. Die zu Gott blicken, strahlen auf vor Freude – oder mit dem Sangerhäuser Übersetzer Hermann Menge „Wer auf Gott blickt, wird heiteren Sinnes“ (Psalm 34,6).

* ne nous laisse pas entrer en tentation
** Wörtlich:  Reiss uns heraus aus der Macht des Bösen (Hans Klein, Artikel „Vaterunser“  auf bibelwissenschaft.de)

Predigt am Sonntag Invocavit über Mathäus 6,13
Andere Predigten in der Passionszeit: hier
Predigten in der Karwoche: hier
Predigten im Jahreslauf: hier

Ein umgekehrtes Schuldbekenntnis

Gibt es nicht manchmal andere Sünden zu bekennen als die,
welche wir den Menschen aufgeschwatzt haben?
Christus, ich bekenne vor dir,
dass ich keinen Glauben
an meine eigenen Möglichkeiten gehabt habe.
Dass ich in Gedanken, Worten und Taten
Verachtung für mich und für mein Können gezeigt haben.
Ich habe mich selbst nicht gleichviel geliebt wie die anderen,
nicht meinen Körper, nicht mein Aussehen,
nicht meine Talente, nicht meine eigene Art zu sein.
Ich habe andere mein Leben steuern lassen.
Ich habe mich verachten und misshandeln lassen.
Ich habe mehr auf das Urteil anderer vertraut
als auf mein eigenes
und habe zugelassen, dass Menschen
gleichgültig und bösartig mir gegenüber gewesen sind,
ohne ihnen Einhalt zu gebieten.

Ich bekenne,
dass ich mich nicht im Maße meiner Fähigkeiten entwickelt habe,
dass ich zu feige gewesen bin,
um in einer gerechten Sache Streit zu wagen,
dass ich mich gewunden habe,
um Auseinandersetzungen zu vermeiden.

Ich bekenne,
da ich nicht gewagt habe zu zeigen,
wie tüchtig ich bin,
nicht gewagt habe, so tüchtig zu sein,
wie ich es wirklich sein kann.

Gott, unser Vater und Schöpfer,
Jesus, unser Bruder und Erlöser,
Geist, unsere Mutter und Trösterin,
vergib mir meine Selbstverachtung,
richte mich auf,
gib mir Glauben an mich selbst und Liebe zu mir selbst.

Lena Malmgren, aus einem Gottesdienst schwedischer Frauen

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