#offengeht. Interkulturelle Woche 2021

#offengeht lautet das Motto der Interkulturellen Woche 2021. Um Offenheit geht es, dass sie möglich ist, dass wir eine offene Stadt, ein offener Landkreis, eine offene Gesellschaft sind. Und zugleich: dass wir es werden. Es geht. Es geht voran. Wir treiben es voran. #offengeht, das ist ein Prozess, in den wir hineingezogen werden und bei dem wir mitmachen. Eine offene Stadt, ein offener Landkreis werden wir nicht von alleine. Es sind immer wieder Leute nötig, die Impulse weitergeben. anstoßen und nachstoßen. #offengeht, so hat Gott sich auch die Welt gedacht, als offene Welt, als Lebens-Raum, in dem für alle Platz ist und alle gut leben können, auch die, die im Schatten stehen.

Flucht und Vertreibung sind kein neues Thema. Durch die Geschichte hindurch wurden immer wieder Menschen und ganze Völker vertrieben und versklavt. Die Bibel erzählt, wie das dem jüdischen Volk um 600 v.u.Z, geschah, also vor mehr als 2500 Jahren. Die Babylonier unter König Nebukadnezar eroberten die Hauptstadt Jerusalem und zerstörten alles. Teile der Bevölkerung mussten ihr Land verlassen. Die Babylonier verschleppten sie nach Babylon und siedelten sie dort an als Zwangsarbeiter*innen. Da saßen die jüdischen Leute  nun. Sie hatten zwar überlebt. Aber sie waren traumatisiert. Sie hatten die Heimat verloren, den Mut, den Glauben, ihre Identität. Alles war fremd. Was sollten sie hier, in dem verhassten Babylon? Wovon sie träumten, das war die Vergangenheit. Eine Zukunft, eine gute Zukunft sahen sie nicht für sich, für ihr Volk.
Vertrieben sein, geflohen, sich in einem fremden Land wiederfinden, davon könnten auch heute viele Menschen erzählen. Wie es ist, wenn die Wurzeln wie abgeschnitten sind. Wie es ist, von einer fremden Mehrheitskultur umgeben zu sein, die allem widerspricht, was sie bisher gelernt und gelebt haben. Wie lange es dauert, heimisch zu werden.

Für die jüdischen Vertriebenen im Exil in Babylon vor zweieinhalbtausend Jahren kam das nicht in Frage. Sich anzupassen, das erschien ihnen wie Verrat am ihrem Glauben. Da erreichte sie ein Brief aus der Heimat, aus Jerusalem. Ein Prophet, der nicht mit verschleppt wurde, schrieb ihnen von zuhause. Dieser zweieinhalbtausend Jahre alte Brief ist in der Bibel überliefert. Lesung Jer 29,1-4.7 **
Baut Häuser, pflanzt Gärten gründet Familien. Suchet der Stadt Bestes und betet für sie. Wie mag das das angekommen sein bei den verschleppten Jüdinnen und Juden im fernen Babylonien? Wie klingt das in den Ohren von Menschen, die ihre Heimat verloren haben? Damals hat es tatsächlich Mut gemacht, sich mit der Situation zu arrangieren. und anzukommen in der fremden Welt. Sie haben mit der Zeit auch ihren Glauben verändert. Aufgegeben haben sie ihn nicht. Sie blieben jüdisch. Aber in ihrem Glauben tauchten neue Gedanken auf. Sie haben sich damit auseinandergesetzt, was die babylonische Bevölkerung glaubte, haben die Schöpfungsgeschichte neu geschrieben, viele ihrer Überlieferungen in neuem Licht gesehen, haben sie umgeschrieben. Überhaupt haben sie angefangen zu schreiben.

Der Brief von Jeremia hat hier in Deutschland, als sich eine Mauer durch das Land zog, den Kirchen im Osten, den Menschen in der DDR Mut gemacht. Als Deutschland vor 50, 60 Jahren geteilt war und der DDR-Staat den Kirchen feindlich gegenüberstand, haben sich die Kirchen auch nur in die Vergangenheit zurück geträumt, wo es keine Genossen gab, keine Staatsbürgerkunde, keinen Wehrkundeunterricht, keine Lippenbekenntnisse zum Sozialismus. Sich anzupassen, erschien auch ihnen ein Verrat am Glauben. Suchet der Stadt Bestes und betet für sie, dieser Satz wurde damals wichtig. Er baute eine Brücke, sich in die DDR-Gesellschaft einzubringen und sie mitzugestalten, ohne dass sie sich aufgeben oder die Kritik verbieten lassen. Darauf konnten sie sich einlassen: das Beste für die Stadt, für die Allgemeinheit suchen, über Lösungen für ungelöste Probleme der DDR-Gesellschaft ins Gespräch kommen.

Suchet der Stadt Bestes und betet für sie, diesen Satz hat ein Jude geschrieben. Und er ist von jüdische Menschen immer beherzigt worden, nicht nur im Exil in Babylon, sondern in den vielen Exilen der jüdischen Geschichte später. Immer wieder sind Jüd*innen vertrieben und verjagt worden. Immer wieder mussten sie Mut zum Neuanfang finden. Immer wieder haben sind sie dort, wohin es sie verschlagen hat, mitgestaltet – die Städte, die Landschaft, die Wissenschafts-und Wirtschaftslandschaft. Auch in Sangerhausen waren sie Teil der Stadtgesellschaft. Wir begehen in diesem Jahr 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland. Jüdische Kaufleute lebten in Köln, lange bevor es so etwas wie Deutschland gab. Sie waren Kaufleute und gestalteten die Politik mit. In Sangerhausen ist jüdisches Leben seit dem 14. Jahrhundert belegt. Wir wissen, wo sie wohnten, wo das Ghetto war – die Jacobstraße – , sie zahlten Steuern, wurden immer wieder des Landes verwiesen. 1942 wurden die letzten nach Halle deportiert und am 3. Juni 1942 in Sobibor ermordet.  Zur Interkulturellen Woche gehören sie dazu, auch wenn ihr Platz leer bleibt. Jüdisches Leben gibt es anderswo in Deutschland und Antisemitismus geht von unserem Landkreis aus. Der Rechtsextremist, der die Synagoge in Halle angriff, stammt aus Benndorf.

Baut Häuser, pflanzt Gärten, gründet Familien. Suchet der Stadt Bestes und betet für sie zu Gott. Was würde wohl der Prophet Jeremia heute schreiben, wenn er einen Brief verfassen würde an die vielen Exilgemeinden unserer Tage, nicht nur die jüdischen, sondern auch die syrischen, die iranischen, die afghanischen, die jesidischen, somalischen. Die allermeisten dieser Menschen versuchen Tag für Tag, anzukommen – also genau das, was Jeremia rät. Und ihre größten Probleme sind eher, dass sie sich keine sichere Existenz aufbauen können, dass sie schlecht behandelt werden und dass sie abgelehnt werden – von Aufenthaltsbehörden und von der ansässigen Bevölkerung. Ein Brief an diese Menschen drumherum – was würde Jeremia da wohl hineinschreiben?
#offengeht lautet die Interkulturelle Woche in diesem Jahr. Vielleicht würde Jeremia genau darüber sprechen. Und vielleicht würde er uns berichten, dass sein Brief von den Leuten in Babylon tatsächlich gelesen wurde. Einer von denen hieß Ezechiel. Der wurde auch verschleppt und ist nie zurückgekehrt. Aber dieser Ezechiel hat Jeremias Gedanken weitergedacht und seinerseits Hoffnungsworte aufgeschrieben: „Gott spricht: Ich will euch ein neues Herz und einen neuen Geist in euch geben. Das Herz aus Stein will ich aus eurem Körper herausnehmen und euch ein Herz aus Fleisch geben. Mein Geist wird in euch wohnen und ihr werdet voller Gerechtigkeit leben.“ Ezechiel 36,26f.
Statt steinerner Herzen lauter Herzen aus Fleisch und Blut – so geht #offengeht weiter, und das wünsche ich uns in unserem Landkreis, in unserer Stadt. Amen.

Predigt zur Interkulturellen Woche 2021 #offengeht über Jeremia 29, 4-7
Andere Predigten zu Gerechtigkeit, zu Erntedank und zur Friedensdekade

** Jeremia 29, 1.4-7
So lautet der Brief, den der Prophet Jeremia aus Jerusalem an die Exilierten in Babylon sandte, die der König Nebukadnezar nach Babylon verschleppt hat:
So sagt Gott zu allen in der Verbannung, die ich aus Jerusalem in die Verbannung nach Babylon geführt habe:
Baut Häuser und wohnt darin.
Pflanzt Gärten und esst ihre Früchte.
Heiratet und bekommt Söhne und Töchter.
Verheiratet eure Söhne und Töchter, so dass auch sie Söhne und Töchter bekommen.
Vermehrt euch dort, werdet nicht weniger.
Suchet der Stadt Bestes, in die ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zu Gott; denn wenn’s ihr wohlgeht, so geht’s auch euch wohl.

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