Gott* wird

Was für ein Name: Ich bin, der ich bin. Oder: Ich werde sein, die ich sein werde. Das ist eher ein Nicht-Name. Gott hat einen Nicht-Namen. Gott heißt nicht Allmächtiger. Oder Herr. Oder Jehova, was eine phantasierte Deutung der 4 hebräischen Buchstaben „Jahwe“, des Tetragramms darstellt. Als Mose am brennenden Dornbusch fragt, gibt Gott sich selbst einen Namen, der kein Name ist und der auch ganz verschieden aus dem Hebräischen übersetzt werden kann: Ich bin, ich werde sein, ich bin für euch da. Ich werde sein, die ich sein werde (2. Mose 3,14).
Ein Name ist immer etwas Festes und gibt einer Person ein Gesicht. Hinter ihrem Namen blitzt das Wesen einer Person auf. Davon waren die Leute früher überzeugt, und wenn sie den Namen herausbekamen, erfuhren sie zugleich, wie er oder sie ist. Wolfgang etwa, wie ein Wolf. Oder Traugott.
Gott gibt sich keinen festen Namen. Ich bin, der ich sein werde, das lässt Raum für Veränderung. Ich bin offen. Ich bin noch nicht fertig. Ich entwickle mich. Das irritiert. Denn es ist das Gegenteil davon, wie Gott in den Gesangbüchern besungen wird als der Allmächtige, Unnahbare und Unveränderliche. „Wie du warst vor aller Zeit, so bleibst du in Ewigkeit“ (Großer Gott, wir loben dich, EG 331). Die Bibel zeichnet ein anderes Bild. Gott ist nicht unveränderlich, sondern lässt sich erschüttern und ist beweglich.

Wenn wir uns bewegen, bewegt sich auch Gott. Das ist übrigens auch der Anlass für Gott, mit Mose am Dornbusch zu sprechen. Die Israelit*innen leiden unter der Sklaverei des Pharaos in Ägypten. Und Gott leidet mit. Gott reagiert: Ich habe ihr Elend gesehen, ich habe ihre Schreie gehört, ich habe ihr Leiden erkannt. Und ich bin herniedergefahren, sie zu erretten. (Ex 3,7+8) Ich bin, der ich bin, ich werde sein, die ich sein werde. Ich bin da. Es gibt keinen festen Namen. Es gibt kein jederzeit gültiges Bild von Gott. Es gibt keine ewigen Wahrheiten. Nicht einmal Gott ist unveränderlich.

Bei den Zehn Geboten hat Martin Luther das 2. Gebot weggelassen. Es lautet: Du sollst dir kein Bildnis machen. In der Antike wimmelte es nur so von Göttern und Gottesbildern. Zeus, Athene, Kybele, Dionysos, Isis. Doch bei dem kleinen und kulturell wenig entwickelten jüdischen Volk gab es keine Götterbilder, keine Statuen, keine Tonfiguren für den Hausaltar zuhause. Es gab lange nicht einmal einen Tempel, sondern nur ein Zelt. Das konnte aufgestellt und abgebrochen und an anderer Stelle wieder aufgebaut werden. Und als dann irgendwann doch einen Tempel errichtet wurde, war der leer. Eine bilderlose Religion, ein heimatloser Gott, der mit den Leuten umherwanderte. Das war einzigartig in der Antike, und es war fremd. Sehr fremd. Vielleicht erschien es der bilderfreudigen Umgebung sogar ein wenig unheimlich: ein Gott, der / die sich in kein Schema pressen ließ, der keine klaren Zuständigkeiten kannte, der kein Zuhause hatte und nicht anschaulich, nicht berechenbar war. Ich werde sein.

An der Stelle, wo wir in unseren Luther-Bibeln „HErr“ lesen, stehen im Hebräischen vier Buchstaben. Vier Konsonanten, ohne Vokale dazwischen. יהוה. Niemand weiß, wie es einmal geklungen haben könnte. Denn seit Urzeiten wurde das Wort von jüdischen Menschen nicht gesprochen. Das zweite Gebot, das Bilderverbot, bedeutete, dass auch Gottes Name heilig ist. Beim Vorlesen aus der Bibel wurden die vier Buchstaben für Gott niemals ausgesprochen, sondern immer umschrieben. Adonai, ha-schem, der Name, die Himmel, der Ort, ha-makom, der Eine. Die Bibel in gerechter Sprache knüpft daran an. Sie unterlegt „Gott“ grau und schlägt in einer Zeile oben verschiedene Varianten für das Lesen vor. Heutzutage wird in jüdischen Predigten oder Aufsätzen Gott manchmal mit Apostroph geschrieben, vertraut und fremd zugleich: G’tt.

Die christliche Theologie deutet die vier Buchstaben als „Jahwe“, die Barockzeit hat das zu Jehova popularisiert, in den Bibelübersetzungen steht meistens Herr. Aber das führt in die Irre, denn bei „Herr“ denken die meisten an einen Mann. Mann aber ist Gott ganz gewiss nicht. Und wenn männlich, dann genauso auch weiblich oder irgendetwas dazwischen oder darüber hinaus.

Dietrich Bonhoeffer fragt sich im Gefängnis: Wer bin ich? Der oder jener? Bin ich denn heute dieser und morgen ein andrer? Bin ich beides zugleich? *
Mose fragt am Dornbusch: Wer bist du, Gott? Wir können diese Frage parallel stellen, wie bei zwei Seiten einer Münze. Auf ihrer Rückseite erscheint die Frage: Wer bin ich? Wer bin ich in meinen vielen Facetten, vor 10 Jahren, vor 20 Jahren, als Kind, als Erwachsene? Was ist abgestorben, was wird noch zum Vorschein kommen, was habe ich abgeworfen, wie kann ich mich träumen?

Ich entfalte mich. Ich verkümmere. Ich verändere mich. Es ist noch viel in mir verborgen. Es ist viel Bewegung in mir. Und in Gott. Gott entfaltet sich. Gott verkümmert. Gott irrt sich. Gott verändert sich. Gott blüht auf, Gott hat viel vor. Gott träumt sich weiter. Ich bin niemals fertig mit mir. Und wenn ihr etwas von mir entdeckt habt, bin ich schon wieder weitergezogen. Es steckt noch viel Unbekanntes in mir. Ich werde sein, die ich sein werde.

Eine Übersetzung des offenen Satzes am Dornbusch ist: Ich bin für euch da. Es wäre berührend, wenn das auch über uns gesagt werden könnte. Ich bin für dich da.
Der Schweizer Dichterpfarrer Kurt Marti hat ein Gedicht mit einem einzigen Satz geschrieben, und der kommt für mich dem am nächsten, was sich hinter dieser Gottheit ohne festen Namen verbirgt. Das Gedicht besteht nur aus sieben Worten: Mein Wunsch: Dass Gott ein Tätigkeitswort werde.

Predigt zum Letzten Sonntag nach Epiphanias
Hier: Predigten im Jahreslauf

Mose hütete die Schafe Jitros, seines Schwiegervaters, des Priesters in Midian. Er trieb die Schafe über die Steppe hinaus und kam an den Gottesberg Horeb. 2 Da erschien ihm Gottes Engel in einer Feuerflamme mitten im Dornbusch. Der Dornstrauch brannte lichterloh, aber er verbrannte dabei nicht. 3 Mose sagte: Ich will hingehen und die außergewöhnliche Erscheinung ansehen, warum der Busch nicht verbrennt.
4 Da rief ihm Gott mitten aus dem Dornbusch zu: Mose, Mose! Komm nicht näher heran! Zieh deine Schuhe aus; denn der Ort, auf dem du stehst, ist heiliger Boden! 6 Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs.
Mose bedeckte sein Gesicht; denn er fürchtete sich, Gott anzuschauen.
7 Gott sagte: Ich habe das Elend meines Volks in Ägypten gesehen und ihr Geschrei über ihre Peiniger gehört; ich habe ihre Leiden erkannt. 8 Und ich bin heruntergekommen, damit ich sie aus der Hand Ägyptens rette. Ich will sie aus diesem Lande hinausbringen in ein gutes und weites Land, ein Land, wo Milch und Honig fließt. 10 Auf, ich schicke dich zum Pharao, du wirst mein Volk Israel aus Ägypten herausführen.
11 Mose antwortete Gott: Wer bin ich denn, dass ich zum Pharao gehe und die Israeliten aus Ägypten führen könnte?
12 Er sprach: Ich will mit dir sein.
13 Mose sagte zu Gott: Wenn ich zu den Israeliten komme und ihnen sage: Der Gott eurer Väter hat mich zu euch gesandt! dann werden sie sagen fragen: Wie ist sein Name? was soll ich ihnen sagen?
14 Gott antwortete Mose: „Ich werde sein, der ich sein werde.“ Und sagte: So sollst du zu den Israeliten sagen: „Ich werde sein“, der hat mich zu euch gesandt. 2. Mose 3, 1-14 ( gekürzt)

 

* Dietrich Bonhoeffer: Wer bin ich

Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich träte aus meiner Zelle
gelassen und heiter und fest
Wie ein Gutsherr aus seinem Schloss.

Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich spräche mit meinen Bewachern
frei und freundlich und klar,
als hätte ich zu gebieten.

Wer bin ich? Sie sagen mir auch,
ich trüge die Tage des Unglücks
gleichmütig, lächelnd und stolz,
wie einer der Siegen gewohnt ist.

Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?
Oder bin ich nur, was ich selbst von mir weiß?
Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig,
ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle,
hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen,
dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe,
zitternd vor Zorn über Willkür und kleinlichste Kränkung,
umgetrieben vom Warten auf große Dinge,
ohnmächtig bangend um Freunde in endloser Ferne,
müde und leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen,
matt und bereit, von allem Abschied zu nehmen?

Wer bin ich? Der oder jener?
Bin ich denn heute dieser und morgen ein andrer?
Bin ich beides zugleich? Vor Menschen ein Heuchler
und vor mir selbst ein verächtlich wehleidiger Schwächling?
Oder gleicht, was in mir noch ist, dem geschlagenen Heer,
das in Unordnung weicht vor schon gewonnenem Sieg?

Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott,
Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott. aus: Widerstand und Ergebung

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