Ohne diese Frau hätte Jesus seinen zweiten Namen nicht: Jesus Christus. Oder Messias. Oder Gesalbter. Denn sie hat ihn gesalbt. Messias ist hebräisch und Christus ist griechisch und heißt Gesalbter.
Diese Frau ist nicht devot oder verhuscht, sie macht sich nicht klein. Sie tritt selbstbewußt auf. Sie hat ein unvorstellbar teures Öl aufgetrieben. Narde. Das wird aus Indien importiert. So eine Glasphiole kostet quasi so viel wie ein Kleinwagen. Dieses Öl träufelt sie Jesus auf den Kopf und salbt ihn. Salbt ihn zum Messias. Es duftet. Nach Luxus.
Aber das ist nicht das Flair der oberen Zehntausend. Es ist das Haus Simons des Aussätzigen. Hier haben sich Kranke, Arme, Abgeschriebene versammelt. In diesem Haus kommen Menschen zusammen, die nicht mehr können. Vielleicht haben sie nicht einmal was zu essen. Es heißt, daß sie liegen. Aber nicht, daß es etwas zu essen gibt.
Das Haus Simons des Aussätzigen. Mit Aussätzigen will niemand zu tun haben. Sie werden in Felsspalten weitab jeder menschlichen Behausung verbannt Sie dürfen sich niemandem nähern und müssen mit Rufen und Rasseln andere warnen, die zufällig vorbeikommen.
Im Lukas-Evangelium wird Simon, der Aussätzige, als Pharisäer bezeichnet, also als frommer, in der Schrift bewanderter Mann (Lk 7,36-50).
Er hat sich also wieder aufgerappelt, und der Aussatz ist abgeheilt. Die Haut ist wieder gesund und er ist nicht mehr ansteckend. Er lebt, und er darf wieder in der Gemeinschaft von Menschen leben. Das ist zwar ein halbes Wunder. Aber der Schatten der Krankheit klebt immer noch an ihm. Alle wissen es. Er ist und bleibt Simon der Aussätzige. Auch wenn er ein Auskommen hat und ein Haus. Auch wenn er als frommer und gerechter Mensch gilt. Simon weiß, was es heißt, anders zu sein. Simon ist das Sinnbild eines Menschen, der anders ist. Oder besser: der zu einem „anderen“ gemacht wird. In den Sozialwissenschaften gibt es dafür einen Begriff: andern. Menschen werden geandert. Auf der einen Seite sind die Meisten, die der (behaupteten) Normalität entsprechen. Wer davon in einem Punkt ein klein wenig abweicht, bekommt schnell ein Etikett aufgeklebt: Fremder. Behinderte. Ausländerin. Schwuler. Schwarze. Dieses Etikett überdeckt alles, was eine Person noch so ist. Mag sein, daß jemand zugewandert ist. Aber gleichzeitig ist sie ja noch viel mehr: sie hat vielleicht Kinder zur Welt gebracht, hat spezielle berufliche Qualifikationen, engagiert sich fürs Fahrradfahren, bringt Leute zum Lachen oder liebt Vögel. Oder auch nicht. Also eine Person mit vielen Facetten. Und die verschwinden, wenn an ihr erst einmal so ein Etikett klebt: Fremd. Oder behindert. Oder Lesbe. Da kommen die Leute gar nicht mehr auf die Idee zu schauen, was in ihr noch alles steckt. Mit dem Etikett ist alles über den Menschen gesagt, und im Kopf spult sich ab, was sich mit „fremd“ verbindet. Etwa ungebildet, zurückgeblieben oder kriminell.
Das meint „andern“. Menschen werden zu „anderen“ gemacht. So geht es auch Simon. Er ist der Aussätzige. Was er sonst noch ist und kann und möchte, spielt keine Rolle.
In Simons Haus versammeln sich Leute, die diese Erfahrung auch kennen. Oder die von solchen Denkweisen genug haben. Vielleicht beides. So wie Jesus. Er hält sich in Simons Haus auf. Er ist Teil dieser Gesellschaft. Er ist bei den Geanderten.
Und dann kommt diese Frau. Sie zerbricht das Glas und läßt das kostbare Nardenöl auf den Kopf von Jesus laufen. Sie salbt ihn zum Messias. Zu dem, der sie alle retten wird. Bei dem alles anders wird.
Predigt am Palmsonntag über Markus 14,1-9
Andere Predigten am Palmsonntag und in der Karwoche
Luzia Sutter-Rehmann hat sich ausführlich mit den vier Salbungsgeschichten befaßt. Ich beziehe mich auf ihre Auslegung. http://www.lectio.unibe.ch/13_1/sutter_rehmann_luzia_olivenoel_als_zuendstoff.html lectio difficilor 1 / 2013
Markus 14,1-9 In zwei Tagen begann aber das Pessachfest und das Fest der ungesäuerten Brote. Die Hohenpriester und Toragelehrten suchten Wege, wie sie ihn mit List festnehmen und töten lassen könnten. 2 Denn sie sagten: »Nicht beim Fest, sonst gibt es im Volk Aufruhr.«
3 Als Jesus sich in Betanien im Haus Simons des Aussätzigen aufhielt und zu Tisch lag, da kam eine Frau, die ein Salbgefäß mit reinem und kostbarem Öl zum Salben bei sich hatte. Sie zerbrach das Gefäß und goss das Öl auf sein Haupt. 4Da waren einige verärgert und sagten zueinander: »Was soll diese Vergeudung des Salböls? 5 Dieses Öl hätten wir für mehr als 300 Denare verkaufen und das Geld den Bettelarmen geben können.« Und sie herrschten die Frau an. 6 Aber Jesus erwiderte: »Lasst sie in Frieden! Warum quält ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. 7 Die Bettelarmen habt ihr immer bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht für immer bei euch. 8 Sie hat getan, was sie konnte. Sie hat meinen Leib im Voraus für mein Begräbnis gesalbt. 9 Ja, ich sage euch: Überall auf der Erde, wo das Evangelium verkündet wird, da werden Menschen auch davon erzählen, was diese Frau heute getan hat – um an sie zu erinnern, werden Frauen, Männer und Kinder davon sprechen.« BigS
Es waren noch zwei Tage bis zum Passafest und den Tagen der Ungesäuerten Brote. Und die Hohenpriester und Schriftgelehrten suchten, wie sie ihn mit List ergreifen und töten könnten. 2 Denn sie sprachen: Ja nicht bei dem Fest, damit es nicht einen Aufruhr im Volk gebe. 3 Und als er in Betanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Glas mit unverfälschtem und kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Glas und goß es auf sein Haupt. 4 Da wurden einige unwillig und sprachen untereinander: Was soll diese Vergeudung des Salböls? 5 Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben. Und sie fuhren sie an. 6 Jesus aber sprach: Lasst sie in Frieden! Was betrübt ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. 7 Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit. 8 Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im voraus gesalbt für mein Begräbnis. 9 Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in aller Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie jetzt getan hat. (Luther)