Jom Kippur und Mansfeld-Südharz

Ein Jahr ist der Anschlag von Halle jetzt her. Am 9. Oktober 2019 griff ein junger Mann aus unserem Landkreis die Synagoge an, tötete zwei Menschen und verletzte andere. Den Tag hatte er bewußt gewählt: Jom Kippur, der höchste jüdische Feiertag. Er hat sich intensive mit dem jüdischen Glauben beschäftigt. Aber nicht, um Brücken zu schlagen, sondern aus Haß. Der Antisemitismus, den christliche Kirchen Jahrhundert um Jahrhundert gepredigt haben, wirkt weiter. Weiterlesen

Jüdisches Christkind – Heiligabend 2019

Ich habe eine Kippa mitgebracht. Das ist eine kleine, kreisrunde Kappe. In manchen jüdischen Familien tragen die Männer so eine Kippa. Manchmal laufen auch die Jungs schon mit einer Kippa auf dem Kopf herum. Sie wissen: wenn sie groß werden und ihren 13. Geburtstag feiern, veranstalten ihre Eltern ein großes Fest. Bar mizwah heißt es. Zur Bar mizwah bekommen viele jüdische Jungs eine neue Kippa aus glänzendem Stoff. Weiterlesen

Pilatus weißgewaschen

Was ist Wahrheit? (Joh 18,38) Pilatus stellt diese Frage mitten in einem Verhör. Das ist eine perfide Taktik. Der Ermittler „plaudert“ mit dem Angeklagten. Das kennen wir. Aus politischen Prozessen. Gehirnwäsche heißt es in China. Und um einen politischen Prozeß geht es hier ja. Wer ist König im Land? Bist du etwa ein König? Wo ist dein Reich? Wer hat die Macht? Da läuten bei jedem Geheimdienst die Alarmglocken. Für so eine Vernehmung nimmt sich die Staatsmacht alle Zeit der Welt. Weiterlesen

Kirche in der Stadt

Im September war unser Pfarrkonvent in Berlin zur Weiterbildung „Kirche in der säkularen Gesellschaft“. Wir waren zu Besuch bei Generalsuperintendentin Ulrike Trautwein, die in unserem Kirchenblättchen von August / September 2018 auf der Titelseite abgebildet war (jacobigemeinde-sangerhausen.de). Kirche in Berlin – das sind 15 % Evangelische, doch es schwankt stark. 24 % sind es in Charlottenburg-Wilmersdorf, kaum mehr als 7 % in östlichen Bezirken Marzahn, Hellersdorf oder  Lichtenberg. Kirche bewegt sich – genau wie bei uns – in einem säkularen Umfeld, für das Religion eine geringe Rolle spielt.
Und dann hat Ulrike Trautwein erzählt, was Kirche in Berlin alles macht: Gemeinden sind bei Nachbarschaftsinitiativen dabei, unterstützen Stolperstein-Initiativen, bringen sich an Erinnerungsorten ein, unterhalten ein Friedenszentrum im ehemaligen Pfarrhaus von Martin Niemöller in Dahlem. Weiterlesen

Konfirmation: Du Spasti

Du Spast, du Spasti. Ich glaube, das ist immer noch ein Schimpfwort auf Schulhöfen. Ey du Spasti, bist du denn behindert oder was. Das soll heißen: Du bist nicht ganz richtig im Kopf, du hinkst hinterher, du begreifst nicht, worum es geht, du gehörst nicht zu uns. Ein ruppiger Umgangston herrscht auf Schulhöfen oder im Internet. Weiterlesen

Syrien-Rundschau

Rekordverschuldung: 10.000 Talente! Land bankrott. Drohen nun Praktiken wie in Alexandria?
Solche Sorgen haben Gemeindemitglieder umgetrieben, an die das Matthäusevangelium gerichtet war. Die Bibelwoche 2017 beschäftigt sich mit dem Matthäusevangelium. Die fiktive „Syrien-Rundschau“ wirft einen Blick auf die sozialgeschichtlichen Hintergründe. Weiterlesen

Im Nachhinein

Mose erlebt Gott. Im Nachhinein. Gott geht ganz nah an ihm vorbei. Mose kann hinter ihm herschauen, der Abglanz Gottes fällt auf ihn. Aber er sieht ihn erst hinterher, sieht nur seine Spur. In dem Moment selbst bleibt Gott ihm verborgen. Er kann ihn erst im Nachhinein erkennen. Und fängt an zu strahlen.

So ist das auch im Leben. Vieles erschließt sich erst im Nachhinein. Im Moment selbst bleibt es verborgen. Dann sagen wir: Wenn ich das damals gewußt hätte! Weiterlesen

Denk mal

Was ist eigentlich mit der Gefallenen-Gedenktafel in der Jacobi-Kirche, fragten Leute mich vor einiger Zeit.
Ich druckste herum. Natürlich, die drei Soldatenbilder für die Gefallenen des 1. Weltkriegs, in den 20er Jahren gemalt. Von einem Pfeiler blickten sie auf die Gemeinde herab, Sonntag für Sonntag, bis zum Kirchenbrand 1971. Sie erinnerten an die verlorenen Väter, Brüder und Söhne und hielten zugleich die Erinnerung an Schmach und Niederlage wach. „Ich hatt’ einen Kameraden“, das klang lange in den Ohren.
Ob sie die Leute auch zum Frieden gemahnt haben? Ich fürchte, solche Tafeln hatten damals eine andere Funktion. Der nächste Krieg kam bald und mit ihm neue Kämpfer für Volk und Vaterland, neue Tote, neue Bitterkeit. Weiterlesen

Angespuckt

Anfang Mai neben dem Ratskeller.  Ein Jugendlicher fährt auf dem Rad an mir vorbei. Plötzlich spuckt er aus. Kräftig. Aber er zielt nicht auf die Erde. Er spuckt auf die Judengedenktafel, blitzschnell und voller Verachtung. Fassungslos starre ich auf die Tafel am Rathaus. Sie soll an die jüdischen Bewohner erinnern, die aus Sangerhausen vertrieben wurden. Zäh glänzt jetzt Schleim darauf. Er hat die Leute bespuckt, denke ich. Weiterlesen