Lazarus – die Armen werden sichtbar

Armut ist nicht sichtbar. Die Frau, die auf der Bank vor der Jacobikirche die Sonnenstrahlen genießt, hat sich sorgfältig geschminkt. Niemand soll auf die Idee kommen, daß sie sich am Ende des Monats bei der Tafel anstellen wird, weil das Geld nicht mehr für das Essen reicht. Auch Reisegruppen werden eher die Schokoladenseiten eines Landes vorgeführt. Die Einkaufsstraßen sind fein herausgeputzt, Sehenswürdigkeiten liegen selten in den staubigen Vorstädten voller Geröll. Weiterlesen

Worte wie Samenkörner

Worte sind wie Samenkörner. Sie gehen auf und wirken weiter. Aus Worten werden Taten, im Guten wie im Bösen.
Was im Internet gehetzt wird, hinterläßt Spuren. Die Saat des Hasses geht auf. Wir haben das nicht nur beim Sturm auf das Kapitol in Washington gesehen. Gruppen, die keine Lobby haben, erleben das jeden Tag am eigenen Leib, wenn auf ihre Kosten Witze gerissen werden, auf ihnen herumgetrampelt wird, auf sie eingeprügelt wird. Obdachlose können davon erzählen, Menschen mit nicht-weißer Hautfarbe. Im Jahr 2020 wurden 350 Transsexuelle ermordet. Weiterlesen

Geschenke – symbolisch und real

Was schenke ich bloß? Darum dreht es sich meistens in der Adventszeit. In diesem Jahr hieß die wichtigste Frage: Wie wird es zu Weihnachten. Werden wir zusammenkommen können, mit wem werden wir feiern können? Diesmal stehen nicht die Geschenke im Mittelpunkt, sondern das Fest. Das Fest ist das Geschenk.
Anlaß ist ein Kind – so wie auch sonst oft die Kinder Anlaß für unsere Feste sind: Taufe, Einschulung, Konfirmation. Weiterlesen

Jom Kippur und Mansfeld-Südharz

Ein Jahr ist der Anschlag von Halle jetzt her. Am 9. Oktober 2019 griff ein junger Mann aus unserem Landkreis die Synagoge an, tötete zwei Menschen und verletzte andere. Den Tag hatte er bewußt gewählt: Jom Kippur, der höchste jüdische Feiertag. Er hat sich intensive mit dem jüdischen Glauben beschäftigt. Aber nicht, um Brücken zu schlagen, sondern aus Haß. Der Antisemitismus, den christliche Kirchen Jahrhundert um Jahrhundert gepredigt haben, wirkt weiter. Weiterlesen

Haus-Traum

Ihr seid Gottes Bau. Ein jeder, eine jede sehe zu, wie sie baut.* Solide bauen, wie Paulus es schreibt, das bleibt für viele ein schöner Traum. Qualität hatte schon immer ihren Preis. Gold, Silber und Edelsteine oder Holz, Heu und Stroh, diese Frage stellt sich nicht für Leute, die jeden Cent, jeden Denar dreimal umdrehen müssen, damit die Kinder satt werden. Diese Frage stellte sich damals nicht und heute auch nicht. Ein ordentliches Fundament ist teuer. Auch bei uns können sich nicht alle eine Unterkellerung leisten. Weiterlesen

Die Sache mit der Rippe

Ach wenn die Herren Päpste und Kirchenväter doch einmal nachgeschaut hätten, was in der Bibel wirklich steht. Von einer Rippe ist nicht die Rede, jedenfalls nicht im hebräischen Urtext. Doch die Vorstellung, daß Frauen aus der Rippe des Mannes gemacht sind, ist bequemer und hat etwas mit Macht zu tun. Sie untermauert die herr-schende Ordnung bzw. Unterordnung. Unzählige Maler haben das Bild seitdem in Szene gesetzt, und so geistert die Rippe weiter durch die Köpfe, bis ins 21. Jahrhundert und die neue Luther-Übersetzung. Weiterlesen

Krank? Selbst schuld!

Wer hat gesündigt, er oder seine Eltern, dass er blind geboren wurde? *  Ich habe mich früher immer über diese Frage gewundert. Was hat denn Sünde damit zu tun, dass jemand krank ist? Wie rückständig ist das denn? Damals wussten die Menschen eben noch zu wenig über die Krankheiten und haben sie auf übernatürliche Ursachen zurückgeführt.

Inzwischen denke ich anders, wenn ich mich durch Gesundheitszeitschriften blättere. Im Gegenteil, die Frage scheint mir hochaktuell zu sein. Weiterlesen

Segen, eine jüdische Tradition

Welche Teile des Gottesdienstes sind den Leuten besonders wichtig, wenn sie sonntags  die Kirche besuchen? Darum ging es in einer Umfrage, über die ich vor längerer Zeit gelesen habe. Schöne Lieder, gemeinsam beten, natürlich die Predigt – diese Favoriten hatte ich erwartet. Einer hat mich jedoch überrascht: der Segen am Schluss. Weiterlesen