Feiern? Keine Zeit

Die Geschichte im Lukasevangelium (Lk 14,16-24*), die Jesus erzählt, könnte aus unseren Tagen stammen: keine Zeit. Ich habe keine Zeit, das ist einer der häufigsten Sätze heute. Einer hat einen Acker erworben, ein anderer fünf Paar Ochsen gekauft, der dritte hat geheiratet. Klar, dass sie da alle nicht kommen können. Klar, dass sie da nicht feiern können. Sie sind beschäftigt.

Ich habe einen Acker gekauft, entschuldigt sich der erste Gast. Ackern heißt doch, hart arbeiten, sich abmühen. Wenn jemand das Feld, das er beackert, wenn jemand sein Arbeitsfeld vergrößert und sich damit noch mehr Arbeit aufhalst, kann er nicht gleichzeitig zum Fest kommen. Ein vergrößertes Arbeitsfeld kann man sich erkämpfen oder erkaufen, eine Festwiese ist solch ein Acker noch lange nicht. Besitzvermehrung, Leistung, Rivalität und das Gerangel um mehr Entscheidungsbefugnis und einflussreichere Positionen, das sind doch heute Hauptthemen, und sie dienen als Begründung dafür, nicht innehalten zu können.

Ich habe fünf Ochsengespanne gekauft, entschuldigt sich der zweite, also etwas, mit dem er sein Arbeitsfeld noch besser beackern kann. Er hat sich etwas angeschafft, was ihm die Arbeit erleichtern soll: Werkzeuge mit neuen Funktionen, vernetzte Haushaltgeräte,  Auto, Smartphone. Sie alle sollen das Leben verbessern und verschönern. Ich habe fünf Ochsengespanne gekauft, und ich gehe jetzt hin, sie zu besehen. Ich muss mich mit der arbeitserleichternden Technik beschäftigen, mich mit ihrer Funktionsweise befassen, sie pflegen, Zubehör bestellen und sie reparieren. Den Computer einrichten, Programme installieren, Daten übertragen, Updates herunterladen, Fehlern auf die Spur kommen.
Was eigentlich Arbeit abnehmen und das Leben erleichtern soll, frisst wieder Kraft und Zeit. Je mehr wir haben, desto mehr müssen wir uns damit befassen. Die Technik soll Zeit sparen, und das tut sie oft auch. Aber manchmal droht sie auch ein Eigenleben zu führen und kann dann doch wieder daran hindern, Zeit dafür zu haben, dass das Leben ein Fest sein soll.

Der dritte hat eine Partnerschaft begonnen: Ich habe mir eine Frau genommen. Damit zieht er sich erst einmal zurück. Er ist jetzt weg vom Fenster. Aber wie glücklich er jetzt ist, das bekommen die anderen gar nicht mit. Wie seine Frau ihn sicherlich verändert hat, wie sie seinen Horizont verändert, was sie auch anders denkt als er, das kriegt niemand mit. Er schottet sich ab. Ich kann nicht kommen.
Seine neue Partnerschaft erweitert und verändert und bereichert nicht die Beziehungen, die er vorher schon hatte. Sondern sie tritt an die Stelle der anderen. Wie es wohl weitergehen wird mit den beiden? Ob es sich nicht irgendwann totläuft, ein Beziehungsghetto wird? Und wenn sich alle in ihr privates Glück zurückziehen, was wird dann aus unserem Gemeinwesen?

Keine Zeit. Neue Arbeitsfelder, neue Technik, neue Beziehung. So schlagen die Leute ihre Einladung zum Feiern aus. In der Geschichte von Jesus bringen die Sklaven die Einladung weiter, nach draußen: „Geh schnell hinaus auf die Straßen und Gassen der Stadt und führe die Armen, Verkrüppelten, Blinden und Lahmen hinein. … Geh hinaus auf die Landstraßen und an die Zäune und nötige sie hereinzukommen … (Lk 14,21+23) Die Auslegungstradition hat die Geschichte oft auf das Abendmahl bezogen.

Ein Pfarrer hat das kurz nach der Friedlichen Revolution für unsere Kirchen in Sachsen-Anhalt so formuliert: Die „Ausgegrenzten gehören in unsere Gemeinden. Sie alle finden Platz an Jesu Tisch. Die von den Hecken und Zäunen, die Straßenkinder und Haftentlassenen, die Asylbewerber und Langzeitarbeitslosen – sie dürfen nicht draußen vor unseren Türen liegen bleiben, wie der arme Lazarus vor der Tür des reichen Mannes. Die Abendmahlstische in unseren Kirchen und Gemeindehäusern haben etwas zu tun mit den Tischen im Gefängnis, im Obdachlosen- oder Frauenhaus, im Asylbewerberheim und mit den Steinen, von denen Straßenkinder unter Brücken oder in Abbruchhäusern essen.
Je kälter und härter es in unserer Gesellschaft wird, umso wärmer, umso einladender und freundlicher müssen sich unsere Gemeinden nach außen öffnen und dafür ihre Häuser und Grundstücke und Gärten zur Verfügung stellen.“ (Helmut Hartmann 1995, Superintendent in Halle / Saale 1978-1986)

In unseren Märchen wird immer erzählt, dass alle am Schluss miteinander feierten. Wenn alle Mühen durchgestanden sind, alle Gefahren überwunden, dann feiern sie fröhlich miteinander. Das Abendmahl ist so ein Fest. Das ganze Leben soll eins sein. Das Fest steht am Ende, als Lohn und Preis, es ist das Ziel. Es ist ein Fest, dass die Aufgaben bewältigt sind, die Lebensaufgaben. Dass die Helden zu sich gefunden haben, dass alles heil und ganz ist. Und es kann nur gemeinsam gefeiert werden, mit vielen Gästen.

Jesus sagt, ihr seid in eurem Leben zu Fest eingeladen. Das heißt: wir können zusammenkommen, und wir können ankommen. Wir sollen heil und ganz werden, wir können uns selbst und Gott finden und spüren: das Leben beschenkt uns reich. Das gilt für alle. Der Tisch der Welt soll für alle gedeckt sein. Das Abendmahl ist ein Sinnbild dafür. Das Leben auf unserer Erde soll rund werden, soll ein Fest sein. Ein Fest für alle. Dafür lohnt es sich, Zeit zu haben.

Predigt am 2. Sonntag nach Trinitatis über Lukas 14,16-24
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Ich habe in den ersten Absätzen der Predigt (zu Acker und Ochsengespannen) wesentliche Gedanken bis hin zu wörtlichen Formulierungen der Auslegung  von Hannelore Morgenroth entnommen. Ich habe die Zitate um der besseren Lesbarkeit willen nicht gekennzeichnet, weise aber ausdrücklich darauf hin, daß sie nicht meiner eigenen geistigen Arbeit entspringen.
Hannelore Morgenroth. Den Brunnen aufschließen. Selbstentdeckungen mit biblischen Geschichten. 2. Aufl. München 1990, S. 16 – 21: Einladung zum Fest. Das Gleichnis vom großen Festmahl

 

* Lukas 14, 16-24  Jesus  sprach zu ihm: Es war ein Mensch, der machte ein großes Abendmahl und lud viele dazu ein. 17 Und er sandte seinen Knecht aus zur Stunde des Abendmahls, den Geladenen zu sagen: Kommt, denn es ist schon bereit! 18 Da fingen sie alle an, sich zu entschuldigen. Der erste sprach zu ihm: Ich habe einen Acker gekauft und muss hinausgehen und ihn besehen; ich bitte dich, entschuldige mich. 19 Und ein andrer sprach: Ich habe fünf Joch Ochsen gekauft und ich gehe jetzt hin, sie zu besehen; ich bitte dich, entschuldige mich. 20 Wieder ein andrer sprach: Ich habe eine Frau geheiratet; darum kann ich nicht kommen. 21 Und der Knecht kam zurück und sagte das seinem Herrn. Da wurde der Hausherr zornig und sprach zu seinem Knecht: Geh schnell hinaus auf die Straßen und Gassen der Stadt und führe die Armen und Verkrüppelten und Blinden und Lahmen herein. 22 Und der Knecht sprach: Herr, es ist geschehen, was du befohlen hast; es ist aber noch Raum da. 23 Und der Herr sprach zu dem Knecht: Geh hinaus auf die Landstraßen und an die Zäune und nötige sie hereinzukommen, dass mein Haus voll werde. 24 Denn ich sage euch: Keiner der Männer, die eingeladen waren, wird mein Abendmahl schmecken.

 

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