Johannis: Elisabeth und Zacharias bekommen ein Kind

Warum feiern wir Johannistag und was ist das? Wir wollen es euch erzählen. Es geht mit einem Liebespaar los. Elisabeth und Zacharias sind schon sehr lange zusammen. So lange, daß sie zusammen alt geworden sind. Und sie lieben sich innig. Nach so vielen Jahren kannten Elisabeth und Zacharias einander in- und auswendig. Sie ertrugen ihre Macken. Sie unterstützten sich gegenseitig. Und in der letzten Zeit kam es öfter vor, daß sie einander stützen mußten. Ja, sie wurden langsam alt, und sie waren glücklich miteinander. Aber einen Wehmutstropfen gab es: Wie gern hätten sie ein Kind. Um sie herum wimmelte es von Kindern. Alle ihre Bekannten übertrafen sich vor Begeisterung, wenn sie von ihrer Familie  erzählten. Meine Enkelin hat fünfmal den ersten Preis gewonnen. Meinem Sohn wurde schon wieder eine Stelle im Ausland angeboten, aber er bleibt lieber hier. Die Leute tragen ziemlich dick auf, fand Elisabeth. Sie und Zacharias brauchten keine Kinder, um mit ihnen anzugeben. Mit Leihmüttern oder ähnlichem hatten sie es auch nicht versucht. Sie hatten das Leben genommen, wie es kam, und dankten Gott dafür. Trotzdem hätte Elisabeth gern ein Baby an ihrer Brust gewiegt. Und wer sollte einmal das Priestergewand von Zacharias erben? Manche Träne kullerte Zacharias über die Wange, wenn er den langen Weg nach Jerusalem wanderte. Er arbeitete als Priester im Tempel, brachte Opfer dar oder segnete die Menschen.

Eines Tages passierte ihm im Tempel etwas Seltsames. Rechts neben dem Altar erschien ein Engel. Zacharias erschrak. Doch der Engel sprach ihn an: Fürchte dich nicht. Gott hat eure Gebete erhört. Elisabeth wird ein Kind bekommen. Es wird ein ganz besonderer Junge. Er wird nie einen Tropfen Wein trinken. Er wird sich nie die Haare schneiden lassen. Aber Gott wird aus ihm sprechen. Wenn Eltern ihm zuhören, werden sie ihre Kinder besser verstehen. Das Herz wird ihnen aufgehen, und sie wenden sich wieder ihren Kindern zu. Selbst ungerechte Menschen werden sich durch ihn ändern. Der Junge soll Johannes heißen. Zacharias wunderte sich. Woran soll ich merken, daß das stimmt? Wir sind beide schon alt. Du wirst stumm sein, bis all dies geschieht, antwortete der Engel und verschwand. Zacharias wandte sich um und trat hinaus, um die Leute zu segnen. Sie warteten schon ungeduldig auf ihn. Doch er brachte kein Wort hervor. Er konnte tatsächlich nicht mehr sprechen und schickte sie mit seinen Händen weg. Als er endlich den Tempel verlassen konnte und den langen Weg nach Hause zurückeilte, mußte er Hände und Füße zu Hilfe nehmen, um Elisabeth alles zu erklären. Bald merkte Elisabeth, daß sie ein Kind bekam. Sie freute sich unendlich und dankte Gott. Ihr Bauch wuchs und wuchs.

Ein halbes Jahr später erschien der Engel ein zweites Mal. An einem anderen Ort. Zu einer anderen Zeit. Für eine andere Person. Diesmal kam er zu einem Mädchen, zu Maria in Nazareth. Und Maria erschrak genauso, als sie hörte: Du wirst ein Baby bekommen, und du wirst es Jesus nennen. Ein Kind? Maria hatte noch gar keinen Mann. Vielleicht fuhr ihr durch die Glieder: Was werden meine Eltern nur sagen? Ich bin doch gar nicht verheiratet. Und wird Josef bei mir bleiben? Er wird bald merken, daß das Kind nicht von ihm ist.
Jedenfalls: Maria lief von zuhause weg. Weit weg. Und noch weiter. In die Berge. In eine andere Provinz. Sie lief weg zu Zacharias und Elisabeth.

Diesmal passierte Elisabeth etwas Seltsames. Als Maria hereinkaum, wurde sie unendlich glücklich. Sogar das Baby in ihrem Bauch strampelte vor Freude. Gottes Geist durchströmte sie warm. Sie umarmte Maria und rief: Maria, du bist gesegnet, Gottes Kind wächst in dir. Und dann begann Maria zu singen.
Maria: Meine Seele erhebt den Herren … (gesungen)

Meine Seele erhebt den Herren. Dieses Lied von Maria haben die Menschen seitdem immer wieder gesungen, mit alten und neuen Melodien. Aber Elisabeth hat es zuallererst gehört. Bestimmt hat sie es auch von Maria gelernt, denn Maria blieb ein ganzes Vierteljahr bei ihnen. Als Maria endlich nach Hause aufbrach, konnte Elisabeth sich schon kaum noch bewegen, weil ihr Bauch so kugelrund war.
Eines Tages setzten die Wehen ein. Elisabeth gebar ihr Kind. Es war ein Junge. Die ganze Nachbarschaft freute sich mit und kam zum Gratulieren. Dann warteten alle auf das Fest am 8. Tag, die Beschneidung. Bei der Beschneidung bekam das Baby seinen Namen, auch wenn der schon vorher feststand. Er ist der Sohn von Zacharias, sagten die Leute, also heißt er Zacharias. Doch Elisabeth widersprach: Nein, er soll Johannes heißen. Johannes, schüttelten die Leute ihre Köpfe? Niemand in deiner Verwandtschaft heißt Johannes. Der Vater ist damit bestimmt nicht einverstanden, behaupteten sie und holten Zacharias. Zacharias ließ sich eine Schreibtafel geben. Gespannt schauten die Leute ihm über die Schulter, was er mit dem Griffel auf die Tafel ritzte: Er soll Johannes heißen.
Der Junge wurde beschnitten und bekam den Namen Johannes. In dem Augenblick konnte Zacharias wieder sprechen. Elisabeths und Zacharias‘ Traum hat sich erfüllt. Genau ein halbes Jahr später brachte auch Maria einen kleinen Jungen zur Welt, Jesus. Beide Kinder hatten ungewöhnliche Mütter: die eine war eigentlich zu jung und hatte keinen Mann. Die andere war schon zu alt.
Wir wissen nicht genau, an welchem Tag Jesus Geburtstag hat. Aber wir feiern seinen Geburtstag am 24. Dezember, wenn die Nächte am längsten sind und wir uns am meisten nach dem Licht sehnen. Und weil die Bibel erzählt, daß Johannes ein halbes Jahr früher geboren wurde, begehen wir am 24. Juni seinen Geburtstag. Heute, am Johannistag, ist es genau umgekehrt: die Sonne steht hoch und die Nächte sind kurz.
Kanon 456 Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang

Alles, was der Engel angekündigt hatte, traf ein. Johannes wurde ein ungewöhnliches Kind. Auch als er erwachsen war, schnitt er sich nie die Haare. Er trug einen Umhang aus Kamelhaaren und einen Ledergürtel, er aß Honig und Heuschrecken. Er zog in eine verlassene Gegend an den Fluß Jordan. Viele Menschen besuchten ihn dort. Was er sagte, bewegten sie so, daß sie sich änderten. Sie teilten miteinander, sie gingen gerechter miteinander um. Johannes taufte sie im Jordan. Er redete kritisierte die Ungerechtigkeit der Herrschenden hart und wurde dafür verfolgt. Als eines Tages ein junger Mann vor ihm stand und sich im Jordan taufen lassen wollte, spürte er: das ist Jesus, und von ihm wird noch viel mehr ausgehen. Johannes sagte: Er muß wachsen, ich aber muß abnehmen. So wie die Sonne am Johannistag am höchsten steht und dann wieder sinkt. Er muß wachsen, ich aber muß abnehmen. Er muß sich entfalten, ich muß mich zurücknehmen.

Ihre erste Begegnung hatten die beiden aber, als sie noch nicht einmal geboren waren, sondern noch im Bauch ihrer Mütter waren. Diesen Moment hat ein Maler auf dem Bild auf eurem Liedblatt aufgemalt. Es ist in der Sangerhäuser Jacobikirche auf der Rückseite vom Altar zu sehen. Maria steht links und streckt ihren Arm zu Elisabeth auf der rechten Seite aus. Elisabeth kommt ihr entgegen und ist dabei, ihre Hand auf den Bauch von Maria zu legen, dorthin, wo das Baby Jesus zu wachsen beginnt. Elisabeth freut sich so, daß der kleine Johannes in ihrem Bauch strampelt.Wann wart ihr schon einmal so glücklich, daß ihr vor Freude zerspringen konntet? Als ihr eine große Überraschung erlebt habt? Als ihr in völlig verlassen und verzweifelt wart und dann kam jemand und hat euch gerettet? Oder als etwas wahr wurde, wonach ihr euch lange gesehnt habt und ihr es kaum fassen konntet? Es gibt Momente, da sind wir unendlich glücklich und spüren, daß Gott ganz nahe ist, in uns. Gottes Geist durchströmte die Frauen, heißt es von Maria und Elisabeth. Niemand sagte: die Frauen reden nur dummes Zeug.Sondern was sie sagen, kommt von Gott selbst.

Der Johannistag erinnert uns an die glücklichen Momente im Leben, wo wir voller Kraft und Freude sind. Und er erinnert uns daran, daß wir auch lernen, loszulassen, uns zurückzunehmen und anderen den Vortritt zu lassen. Beides gehört zum Leben: Es gibt Zeiten, wo wir wachsen, klug und weise werden, wo wir Erfolg haben und Verantwortung übernehmen. Und es ist genauso wichtig zu merken, wann es an der Zeit ist, daß wir zurücktreten und anderen die Nachfolge überlassen, so wie Johannes und so wie die Sonne steigt und abnimmt.

Meine Seele erhebt den Herren. In diesem unbeschreiblich glücklichen Moment hat Maria dieses Lied erfunden. Leider kennen wir nur noch die Worte. Viele Komponisten haben es vertont. Es hat sogar einen lateinischen Namen bekommen: Magnificat. Auf Lateinisch wollen wir es jetzt auch probieren: Magnificat, magnificat, magnificat anima mea dominum.

Erzählung zum Johannistag im Familiengottesdienst
mit pantomimischer Darstellung von Zacharias, Elisabeth, Maria und dem Engel (bis EG 456). Maria singt das Magnificat im Psalmton. Die Stimme des Engels kann von eine*r Sprecher*in durch das Mikrofon übernommen werden.

Hier: Predigt zu Johannes dem Täufer und 70 Jahre Allgemeine Erklärung der Menschenrechte
Hier: Predigt zu Johannes und Gefangenen
Hier: Wie alles begann. Maria und Elisabeth
Hier: Begegnung – Maria und Elisabeth
Hier: Nicht nur Elisabeth und Zacharias: Elternschaft mit Hindernissen
Weitere Predigten in der Trinitatiszeit

Aufbruch der Alten: Abraham und Sara

„Gehe aus deinem Haus und deiner Verwandtschaft in ein Land, das ich dir zeigen will.“ Jugendliche spricht diese Geschichte immer wieder an. Das Lied „Geh, Abraham geh“ war jahrzehntelang ein Hit in der Jugendarbeit. Leute ziehen in die Ferne, weg von zuhause. So etwas wird eher Jugendlichen zugeschrieben, dass sie die Welt erobern, dass sie Ideale im Kopf haben und leben, Alternativen suchen. Abraham und Sara – etwas für junge Leute?
Wenig später erzählt die Bibel, wie alt Abraham und Sara gewesen sein sollen, als diese Story begann: 75 und 65 Jahre! Hey! Stellen Sie sich das heute vor, bei Leuten aus Ihrer Umgebung. Bei einem älteren Herrn über 70, bei einer Dame Mitte 60. Die werden plötzlich mobil, brechen alle Brücken hinter sich ab, fangen etwas Ungewöhnliches an. Weiterlesen

Gott* wird

Was für ein Name: Ich bin, der ich bin. Oder: Ich werde sein, die ich sein werde. Das ist eher ein Nicht-Name. Gott hat einen Nicht-Namen. Gott heißt nicht Allmächtiger. Oder Herr. Oder Jehova, was eine phantasierte Deutung der 4 hebräischen Buchstaben „Jahwe“, des Tetragramms darstellt. Als Mose am brennenden Dornbusch fragt, gibt Gott sich selbst einen Namen, der kein Name ist und der auch ganz verschieden aus dem Hebräischen übersetzt werden kann: Ich bin, ich werde sein, ich bin für euch da. Ich werde sein, die ich sein werde (2. Mose 3,14).
Ein Name ist immer etwas Festes und gibt einer Person ein Gesicht. Hinter ihrem Namen blitzt das Wesen einer Person auf. Davon waren die Leute früher überzeugt, und wenn sie den Namen herausbekamen, erfuhren sie zugleich, wie er oder sie ist. Wolfgang etwa, wie ein Wolf. Oder Traugott.
Gott gibt sich keinen festen Namen. Ich bin, der*die ich sein werde, das lässt Raum für Veränderung. Weiterlesen

Himmel auf Erden

Heute ist Himmelfahrt. Wenn wir heute auf einem Berg sitzen oder im Freien Gottesdienst feiern, dann ist das schon ein Stück Himmel. Himmel auf Erden. Wir können frei atmen, hören die Vögel und das Rauschen der Blätter. Wir sehen, hören, fühlen die Schönheit der Natur um uns herum. Wenn wir sie mit allen Sinnen aufsaugen, dann staunen wir. Manchmal ahnen wir ein wenig davon, wie diese Erde, wie diese Welt gemeint ist: als Himmel auf Erden. Dann wissen wir wieder, dass die Welt aus einem Traum geboren ist, aus einem kostbaren, wundervollen Traum Gottes und der Menschen, aus einem Traum, der wirklich werden soll. Als Himmel hat Gott sich diese Erde ausgedacht. Das ist das Ziel unserer Welt. Weiterlesen

Haus-Traum

Ihr seid Gottes Bau. Ein jeder, eine jede sehe zu, wie sie baut.* Solide bauen, wie Paulus es schreibt, das bleibt für viele ein schöner Traum. Qualität hatte schon immer ihren Preis. Gold, Silber und Edelsteine oder Holz, Heu und Stroh, diese Frage stellt sich nicht für Leute, die jeden Cent, jeden Denar dreimal umdrehen müssen, damit die Kinder satt werden. Diese Frage stellte sich damals nicht und heute auch nicht. Ein ordentliches Fundament ist teuer. Auch bei uns können sich nicht alle eine Unterkellerung leisten. Weiterlesen

Corona & Pfingsten weltweit

Pfingsten geht es um den Geist, aus dem wir leben, und die Sprache, die wir sprechen. Worte können verbinden. Worte können Hass säen und die Wirklichkeit verzerren. Pfingsten erleben die Menschen in der Bibel, dass sie sich auf einmal verstehen. Weiterlesen

Sorgt nicht – Lockerungen im Mai

Beobachtet die Vögel, freut euch an den Blumen. Macht euch keine Sorgen (Matth. 6)**. Die meisten sind froh, dass sie wieder heraus können. Familien haben es wochenlang in engen Wohnungen miteinander ausgehalten. Selbständige haben gebangt, dass sie nicht Insolvenz anmelden müssen. Geschäftsleute drängen, dass sie Läden und Gaststätten wieder aufmachen können. Endlich Mai. Endlich Sonne und Luft. Freiheit schmeckt süß. Viele Menschen haben neu gemerkt, wie wertvoll – und verletzlich – demokratische Rechte sind: Freizügigkeit, Versammlungs- und Demonstrationsrecht. Weiterlesen

Ohne Uhr leben

Turmuhr Jacobi Sangerhausen

Am 19. Juni hat um 21.22 Uhr der Blitz in die Turmhaube eingeschlagen und unsere Uhr lahmgelegt. Seitdem habe ich erst gemerkt, wie sehr sie mir fehlt und wie viele Male am Tag ich nach ihr schaue. Jedes Mal, wenn ich aus dem Fenster blicke oder die Treppe hoch- und heruntergehe, schaue ich nach der Zeit, während mir im selben Moment durch den Kopf fährt, daß die Uhr schon vor vier Wochen stehengeblieben ist. Wenn ich auf der Straße in Eile bin, drehe ich mich automatisch nach oben, wieviel Zeit mir noch bleibt. Wenn es 18 Uhr nicht läutet, fühlt es sich leer und unvollständig an. Die Gliederung, die die Glocken dem Tag gegeben haben, fehlt. Wie sehr sind wir auf die Zeit angewiesen, wie sehr prägen uns Uhren und Zeit? Weiterlesen

Familiengottesdienst: Franziskus damals und Franziska heute – Fridays for Future

Zwei Franzis treten auf: Franziskus damals und Franziska heute. Beide steigen aus. Beide sind auf der Suche nach neuen Lebensentwürfen, so wie viele junge (und ältere) Leute heute. Franzi will ehrlich leben, gerecht, im Einklang mit der Umwelt. Der Familiengottesdienst eignet sich nicht nur zum Schuljahresende.

Da kommen noch zwei Eltern. Sie haben sich verspätet. Hier am Rand ist noch Platz. Sie unterhalten sich über die Zeugnisse, die es bald gibt. Lauter Einsen.  (Sehr stolz:)
Mutter: Franzi hat nur ausgezeichnete Zeugnisse.
Vater: Wir erwarten nichts anderes von Franzi.
Mutter: Die Welt steht Franzi offen.
Vater: Wir können Franzi alles bezahlen.
Mutter: Was wird Franzi einmal werden?
Vater: Nach dem Studium muß Franzi die Firma übernehmen. Weiterlesen