Ohne Uhr leben

Am 19. Juni hat um 21.22 Uhr der Blitz in die Turmhaube eingeschlagen und unsere Uhr lahmgelegt. Seitdem habe ich erst gemerkt, wie sehr sie mir fehlt und wie viele Male am Tag ich nach ihr schaue. Jedes Mal, wenn ich aus dem Fenster blicke oder die Treppe hoch- und heruntergehe, schaue ich nach der Zeit, während mir im selben Moment durch den Kopf fährt, daß die Uhr schon vor vier Wochen stehengeblieben ist. Wenn ich auf der Straße in Eile bin, drehe ich mich automatisch nach oben, wieviel Zeit mir noch bleibt. Wenn es 18 Uhr nicht läutet, fühlt es sich leer und unvollständig an. Die Gliederung, die die Glocken dem Tag gegeben haben, fehlt. Wie sehr sind wir auf die Zeit angewiesen, wie sehr prägen uns Uhren und Zeit?

Den Großteil der Menschheitsgeschichte sind die Menschen ohne Uhren ausgekommen. Das Tageslicht bestimmte ihre Aktivitäten. Sie kannten nur den Rhythmus von Tag und Nacht, und sie beobachteten den Rhythmus des Jahres. Die Himmelsscheibe von Nebra oder das Sonnenobservatorium von Goseck erzählen davon, wie wichtig ihnen dieser Rhythmus war und welches Geschick sie dabei entwickelten, ihn zu erkennen und zu nutzen. Uhren für den Tag brauchten sie nicht. Die Natur lehrte sie ihr eigenes Maß. Sie schliefen, wenn sie müde waren. Sie standen auf, wenn sie tatsächlich munter und ausgeschlafen waren, wenn ein Kind weinte oder wenn sie etwas wahrnahmen. Hunger, ein Geräusch, die Wärme der Sonne oder eine Gefahr.

Auch die Schöpfung in der Bibel kennt keine Stunden. „Gott sprach: Es werde Licht. Gott trennte das Licht von der Finsternis. Gott nannte das Licht ‚Tag‘ und nannte die Finsternis ‚Nacht‘. Es wurde Abend und wurde Morgen – Tag eins.“ (Gen 1,3.4a.5) Hell und dunkel, Tag und Nacht, die Gliederung der Tage zur Woche, das ist der Rhythmus, den Gott der Schöpfung einschreibt. Die Vorstellung, daß die Zeit aus Stunden und Minuten besteht, daß sie gleichmäßig abläuft, daß Minuten und Sekunden gleich lang sind, diese Vorstellung haben die Menschen erfunden, zusammen mit den Verrichtungen, sie zu messen. Noch im Mittelalter waren die Stunden des Tages ungleich lang. Im Sommer dauerten sie länger, im Winter kürzer. Der Tag wurde von Sonnenauf- bis –untergang gemessen. Die 12 Stunden dazwischen waren im Sommer länger und im Winter kürzer. Erst um 1300 kamen Uhren mit Räderwerk auf und Turmuhren, die präziser gingen. Zeitmessung wurde wichtig für Kaufleute, für den Verkehr und für Handwerk. Auf einmal kostete die Zeit etwas. Die Stechuhr hat der Kapitalismus erfunden.

Im Juni ging eine Meldung von einer kleinen norwegischen Insel ganz weit im Norden durch die Medien. Auf dieser Insel geht die Sonne im Sommer mehr als 2 Monate nicht unter. Leute streichen nachts die Fassaden ihrer Häuser, Kinder spielen draußen. Wozu also, so hieß es, brauchen die Menschen noch Uhren, wenn es ständig hell ist.
„Wenn du im Norden Norwegens lebst, macht es keinen Sinn, über Zeiten fürs Abendessen oder irgendeine andere Zeit zu reden.“ „Uns wird beigebracht, abends ins Haus zu gehen und um 21 Uhr Fernsehen zu gucken. Wir denken darüber gar nicht nach. Aber warum soll man um 17 Uhr essen, wieso nicht erst um 22 Uhr? Lasst uns um Mitternacht Fußball spielen, warum nicht?“ „Die Mitternachtssonne macht Uhren bei uns überflüssig.“*  Also sollte die Insel zur ersten zeitfreien Zone der Welt werden.

Die Meldung stellte sich als Fake heraus, ausgedacht von einer Tourismusagentur, um Reisende in den Norden zu locken. Dennoch lohnte es sich, darüber nachzudenken. Sicherlich brauchen wir Uhren, um uns zu verabreden und um Arbeitsabläufe aufeinander abzustimmen. Trotzdem: ist unsere Art, Zeit zu denken und mit ihr umzugehen, die einzig richtige, und tut sie uns gut? Ich habe keine Zeit, klagen viele. „Wir haben mehr und mehr darüber diskutiert, wie unsere Uhr uns Zeit nimmt, anstatt sie uns zu schenken“, hieß es aus Sommarøy.*

Also: wie wäre es, wenn wir keine Uhren hätten und uns kein Wecker morgens aus dem Schlaf reißt? Wecker brauchen wir nur, damit wir gegen unsere innere Uhr leben, die uns sagt, wenn wir genug Kräfte geschöpft und ausgeschlafen sind.
Wenn es also keine Uhr gäbe – wann würden wir aufstehen, wann essen, wann wären wir kreativ und tatkräftig, wann müßten wir Pausen einlegen? Die Zeit läuft nicht gleichmäßig „wie ein Uhrwerk“ ab. Die moderne Physik hat uns gelehrt, daß auch die Zeit relativ ist.

Die Bibel erzählt von bösen und guten Zeiten, Glück und Unglück. Jesus spricht von Zeiten des Mißtrauens, der Entfremdung, der Gewalt und Unterdrückung. Und er redet von der Geburt, der Angst und den Schmerzen der Frau, und den Wehen als Vorzeichen der Veränderung, Geburt als einer Zeit des Wandels. (Joh 16,21) Die Bibel beflügelt unsere Sehnsucht nach einer erfüllten Zeit, in der Gott und die Menschen zueinander finden. Eine Zeitlang ohne Uhr leben ist eine Chance. Wir müssen nicht jede Minute ausnützen. Vielleicht entdecken wir, daß Gott ein inneres Wissen in uns hineingelegt hat, was wichtig ist im Leben und wann wir es tun müssen.

Turmuhr Jacobi SangerhausenDaß wir auch „nach dem Mond leben“ können, das zeigt uns unsere Mondkugel. Übrigens befindet sich seit 499 Jahren eine Uhr auf unserem Kirchturm. Die Stadtgeschichte berichtet, daß der Rat 1520 eine Turmuhr angeschafft hat. Seit wann wir die Mondkugel haben, ist unbekannt. 1674 wurde sie ausgebessert und neu vergoldet und hat also davor schon viele Jahrzehnte ihren Dienst getan. Auf die Reparatur der Uhr und der Glocken werden wir noch einige Zeit warten müssen. Amen.

*Neue Osnabrücker Zeitung noz.de 19.6.2019

Textvorschlag: Prediger 3: Alles hat seine Zeit

Hier: Predigten in der Trinitatiszeit
Hier: Predigten zur Jacobikirche und zu Sangerhausen

 

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