Lazarus – die Armen werden sichtbar

Armut ist nicht sichtbar. Die Frau, die auf der Bank vor der Jacobikirche die Sonnenstrahlen genießt, hat sich sorgfältig geschminkt. Niemand soll auf die Idee kommen, daß sie sich am Ende des Monats bei der Tafel anstellen wird, weil das Geld nicht mehr für das Essen reicht. Auch Reisegruppen werden eher die Schokoladenseiten eines Landes vorgeführt. Die Einkaufsstraßen sind fein herausgeputzt, Sehenswürdigkeiten liegen selten in den staubigen Vorstädten voller Geröll. Weiterlesen

Freude in Corona-Zeiten

Der Sonntag Lätare heißt „Freut euch!“ Genau in der Mitte der Fastenzeit fordert dieser  Sonntag dazu auf. Sich freuen? Es sind doch so viele Leute genervt von Corona! Oder haben sich gestritten. Oder fühlen sich einsam.  Doch ich finde: gerade jetzt brauchen wir die kleinen Freuden besonders. Weiterlesen

Haus-Traum

Ihr seid Gottes Bau. Ein jeder, eine jede sehe zu, wie sie baut.* Solide bauen, wie Paulus es schreibt, das bleibt für viele ein schöner Traum. Qualität hatte schon immer ihren Preis. Gold, Silber und Edelsteine oder Holz, Heu und Stroh, diese Frage stellt sich nicht für Leute, die jeden Cent, jeden Denar dreimal umdrehen müssen, damit die Kinder satt werden. Diese Frage stellte sich damals nicht und heute auch nicht. Ein ordentliches Fundament ist teuer. Auch bei uns können sich nicht alle eine Unterkellerung leisten. Weiterlesen

Krank? Selbst schuld!

Wer hat gesündigt, er oder seine Eltern, dass er blind geboren wurde? *  Ich habe mich früher immer über diese Frage gewundert. Was hat denn Sünde damit zu tun, dass jemand krank ist? Wie rückständig ist das denn? Damals wussten die Menschen eben noch zu wenig über die Krankheiten und haben sie auf übernatürliche Ursachen zurückgeführt.

Inzwischen denke ich anders, wenn ich mich durch Gesundheitszeitschriften blättere. Im Gegenteil, die Frage scheint mir hochaktuell zu sein. Weiterlesen

Keine Zaungäste

So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremde, sondern Mitbürgerinnen der Heiligen …  * Wer ist Bürgerin, wer hat alle Bürgerrechte, wer darf dazugehören? Das sind spannende Fragen in einem vereinten Europa. Im Frühjahr haben wir erlebt, wie Grenzen auf einmal dichtgemacht wurden. Weiterlesen

Das Kind und die Brote

Ich habe mich die ganze Zeit gefragt, wo das Kind herkommt. Einer der Schüler von Jesus, Andreas, hat es offensichtlich beobachtet. Es hat fünf  Brote bei sich und zwei Fische. Ist das das Essen für die Familie? Gerstenbrot ist das Brot für die Armen, die Fische gelten als Beilage. Da fällt das Abendbrot wohl nicht so üppig aus – vermutlicherweise die einzige Mahlzeit am Tag. Und heute fällt sie ganz aus. Vielleicht arbeitet das Kind aber auch und trägt Brote aus in Häuser, also eine Art Semmeljunge oder Semmelmädchen. Weiterlesen

Sorgt nicht – Lockerungen im Mai

Beobachtet die Vögel, freut euch an den Blumen. Macht euch keine Sorgen (Matth. 6)**. Die meisten sind froh, dass sie wieder heraus können. Familien haben es wochenlang in engen Wohnungen miteinander ausgehalten. Selbständige haben gebangt, dass sie nicht Insolvenz anmelden müssen. Geschäftsleute drängen, dass sie Läden und Gaststätten wieder aufmachen können. Endlich Mai. Endlich Sonne und Luft. Freiheit schmeckt süß. Viele Menschen haben neu gemerkt, wie wertvoll – und verletzlich – demokratische Rechte sind: Freizügigkeit, Versammlungs- und Demonstrationsrecht. Weiterlesen

Familiengottesdienst: Franziskus damals und Franziska heute – Fridays for Future

Zwei Franzis treten auf: Franziskus damals und Franziska heute. Beide steigen aus. Beide sind auf der Suche nach neuen Lebensentwürfen, so wie viele junge (und ältere) Leute heute. Franzi will ehrlich leben, gerecht, im Einklang mit der Umwelt. Der Familiengottesdienst eignet sich nicht nur zum Schuljahresende.

Da kommen noch zwei Eltern. Sie haben sich verspätet. Hier am Rand ist noch Platz. Sie unterhalten sich über die Zeugnisse, die es bald gibt. Lauter Einsen.  (Sehr stolz:)
Mutter: Franzi hat nur ausgezeichnete Zeugnisse.
Vater: Wir erwarten nichts anderes von Franzi.
Mutter: Die Welt steht Franzi offen.
Vater: Wir können Franzi alles bezahlen.
Mutter: Was wird Franzi einmal werden?
Vater: Nach dem Studium muß Franzi die Firma übernehmen. Weiterlesen

Steine zu Brot

Jesus fastet in der Wüste und wird danach versucht. „Sprich, dass aus diesen Steinen Brot wird.“ (Matthäus 4,3)  Der Hunger macht ihn wehrlos. Wenn Menschen halbverhungert sind, sind sie zu fast allem bereit. Bei Jesus waren es 40 Tage. Da schreit jede Faser nach Brot. Wenn die Armut und das Elend in den Ecken hocken, folgen die Menschen jedem, der ihnen verspricht, sie da herauszuholen. Hunger  und Not sind große Künstler, die Sinne zu vernebeln. Glücksritter und Volksverführer finden willige Gefolgschaft. So stimmen die Abgehängten für Parteien, die Wohlstand und Aufschwung versprechen. An den Rand Gedrängte bejubeln Wortführer, die gegen Minderheiten hetzen. So übermächtig ist ihre Hoffnung, dass sie sogar alle verjagen, die sie zur Vernunft mahnen. Dass der Reichtum keineswegs den Armen winkt, sondern im Gegenteil auf ihre Kosten erkauft wird, wollen sie nicht hören. Sie können es nicht hören. Hunger kann den Verstand vernebeln. Weiterlesen