Haus-Traum

Ihr seid Gottes Bau. Ein jeder, eine jede sehe zu, wie sie baut.* Solide bauen, wie Paulus es schreibt, das bleibt für viele ein schöner Traum. Qualität hatte schon immer ihren Preis. Gold, Silber und Edelsteine oder Holz, Heu und Stroh, diese Frage stellt sich nicht für Leute, die jeden Cent, jeden Denar dreimal umdrehen müssen, damit die Kinder satt werden. Diese Frage stellte sich damals nicht und heute auch nicht. Ein ordentliches Fundament ist teuer. Auch bei uns können sich nicht alle eine Unterkellerung leisten.
Die Häuser der Reichen sind solide. Ihre Tempel, Paläste, Loggien brechen nicht so schnell zusammen. Die Wohnviertel der Armen, an den Stadträndern gebaut, sacken bei Erdrutschen als erste zusammen. Nicht die Wellblechhütten der kleinen Leute überdauern die Geschichte, sondern die Steinbauten der Mächtigen und ihre Monumente, die von ihrem Einfluss und Wohlstand künden.

Ein jeder, eine jede  sehe zu, wie er baut. Paulus hat selbst anderthalb Jahre in Korinth gelebt. Er kannte die Stadt, ihre Bauten und ihre Viertel. Korinth, das war die Akropolis, die Geschäftsviertel, die Hafenkneipen, die Handwerkerviertel, die Agora, die Bibliothek, die marmornen Herrenhäuser mit den Innenhöfen, in denen sich Bürger – Männer – bei prächtigen Gastmählern vergnügten und die Versklavten flitzen ließen, Sklav_innen auch aus der Gemeinde, die erst zum Gottesdienst kommen konnten, wenn die letzten Teller abgewaschen waren.

Ein Haus ist ein Traum. Michael Gorbatschow hat davon geträumt. Ein gemeinsames Haus Europa, mit vielen Türen und Fenstern. Das war 1987 und hat die Augen zum Leuchten gebracht. Im Haus Europa können unterschiedliche Systeme friedlich miteinander leben. Dieser Traum war wie eine Bresche in der Mauer.

Inzwischen möchten manche Länder das Haus zur Festung umbauen, in Ungarn etwa oder in Polen. Sie wollen ihre Wohnungen absperren und eigene Hausordnungen einführen. Freier Geist und gleiche Rechte für alle gehören für sie nicht dazu. Und plötzlich wird das gemeinsame Haus Europa wieder zum Traum: dass der Wind der Menschenrechte weht, dass der Geist der Demokratie den dumpfen Muff wegbläst, der sich auszubreiten und die Freiheit zu ersticken droht.

Ehemalige Mädchenschule in Sangerhausen

Ihr seid Gottes Ackerland und Gottes Bau. Seht zu, wie ihr baut. Die Bilder bei Paulus verschwimmen. Wir sind göttlicher Ackerboden, wir bauen, wir sind selbst ein wundervolles Gebäude, Bausteine Gottes. Was wir tun, erzählt davon, wer wir sind, wie wir sind. Unsere Städte und Dörfer erzählen von uns. Unsere Kirchen erzählen von uns. Unsere Gefängnisse, unsere Psychiatrien und Pflegeheime. Die Frauenhäuser und Flüchtlingslager, die Fleischfabriken und Schlachthöfe, die Slums ohne Licht und Wasser im Globalen Süden und die Einkaufstempel. Sie alle erzählen von uns. Was ist daran abzulesen über uns? Wer sind wir?

Paulus träumt: Gott wohnt in einem Haus, wir selbst gestalten und errichten dieses Haus, ja wir sind selbst Bausteine, sind selbst Hütte Gottes. Das Bild vom Haus kann für uns heute ein Hoffnungsbild sein, das Bild vom gemeinsamen Haus Europa, das Bild vom Haus der Welt. Ein Haus mit Türen und Fenstern, mit verschiedenen Eingängen und Wohnungen, ein Haus, in dem ganz unterschiedliche Mieter, Völker, Kulturen zusammen sein können, ein Haus, das viel Platz hat und dennoch allen ein Dach bietet. Ein solches Haus, das könnte wirklich Gottes Hütte bei den Völkern sein. Ob wir Menschen zu Bauleuten des Friedens werden können?
Lied: Komm, bau ein Haus, das uns beschützt

 

Predigt am 12. Sonntag nach Trinitatis über 1. Kor. 3,9-16
Andere Predigt über 1. Kor. 3,9-15
Hier: andere Predigten in der Triniatiszeit

* 1. Kor. 3,9-15:

Wir sind Gottes Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen; ihr seid Gottes Ackerfeld und Gottes Bau. Mit Gottes Gnade habe ich als kluger Baumeister das Fundament gelegt; ein anderer baut darauf. Ein jeder aber sehe zu, wie er darauf baut.  Einen andern Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, nämlich Jesus.  Wenn jemand auf den Grund weiterbaut mit Gold, Silber, Edelsteine, Holz, Heu, Stroh,  so wird es zum Vorschein kommen. Der Tag des Gottesgerichts wird es ans Licht bringen; denn mit Feuer wird es offenbar. Und von welcher Art eines jeden Werk ist, wird das Feuer erweisen. Wird jemandes Werk bleiben, das er darauf gebaut hat, so wird er Lohn empfangen.  Verbrennt aber sein Werk, so wird er Schaden erleiden; er selbst aber wird gerettet werden, freilich wie durch Feuer hindurch. Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und Gottes Geist in euch wohnt?

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