Die Sache mit der Rippe

Ach wenn die Herren Päpste und Kirchenväter doch einmal nachgeschaut hätten, was in der Bibel wirklich steht. Von einer Rippe ist nicht die Rede, jedenfalls nicht im hebräischen Urtext. Doch die Vorstellung, daß Frauen aus der Rippe des Mannes gemacht sind, ist bequemer und hat etwas mit Macht zu tun. Sie untermauert die herr-schende Ordnung bzw. Unterordnung. Unzählige Maler haben das Bild seitdem in Szene gesetzt, und so geistert die Rippe weiter durch die Köpfe, bis ins 21. Jahrhundert und die neue Luther-Übersetzung.

Im Hebräischen steht das Wort Zela. Das heißt Seite. Es kann auch mit Brett übersetzt werden. Oder mit Seitenflügel. Auf jeden Fall wird Zela an keiner anderen Stelle in der Bibel mit Rippe übersetzt. Und „Adam“ ist an dieser Stelle auch nicht Mann, sondern einfach Mensch. Ein Menschenwesen. Ein geschlechtlich nicht ausdifferenziertes Menschenwesen. Die Bibel denkt die Menschen ursprünglich als androgyn.

Wir wissen nicht, wie viele Zelas, wie viele Seiten das ursprüngliche Wesen hatte, zwei oder drei oder viele. Jedenfalls eine dieser Seiten nimmt Gott heraus und formt sie zur Frau. Erst indem Gott diese Seite zu einer Frau gestaltet, entsteht aus dem ursprünglichen Menschenwesen ein Mann. Sie sind zwei Seiten eines Wesens, das vielleicht noch mehr Seiten hatte. Dies ist Knochen von meinem Knochen und Fleisch von meinem Fleisch, entdeckt Adam. Sie sind einander zugewandt und entdecken, wie ähnlich sie sind. Ähnlich und doch verschieden. Woran erkannt Adam, der erst jetzt zum Mann geworden ist, die Differenz? Was ist anders? Von dieser Schöpfungsgeschichte her gibt es in der Bibel drei Geschlechter: ein androgyn- intersexuelles, ein männliches und ein weibliches. Das intersexuelle ist das ursprüngliche.

Noch ein anderes Wort hat sich 2 Jahrtausende lang falsch durchgeschleppt: das Wort „Gehilfin“, „ezer“. Gott sagt: „Ich will ihm eine Gehilfin machen, die um ihn sei“, übersetzt Martin Luther (Gen 2,18). Eine Gehilfin, da denke ich an Hilfskraft, an eine Person, die angelernt ist oder zuarbeitet. Das spiegelt die traditionelle Rollenverteilung wider. Der Meister beschäftigt eine Gehilfin, die Sekretärin schreibt die Briefe des Direktors, der Arzt läßt sich von der Krankenschwester assistieren. Solche Gehilfinnen können äußerst erfahren und sehr geschickt sein. Zu entscheiden haben sie aber im Zweifelsfall nichts. Das letzte Wort hat der Arzt, der Meister oder Chef; die Gehilfin gehört in die zweite Reihe.

Das ist im Hebräischen gar nicht gemeint. Ezer bedeutet Hilfe, und zwar Hilfe in höchster Not und Gefahr. Ezer meint Hilfe, wenn in auswegloser Situation Rettung naht. Ezer ist meistens auf Gott bezogen (22 Erwähnungen im Ersten Testament, davon 16 für Gott, 2 für die Frau*). Gott rettet die Israelit*innen in Ägypten vor dem Pharao. Gott fährt im Himmel auf den Wolken, um dir zu helfen (Dtn 33,26). Solche Hilfe, die von Gott kommt, ist mit ezer gemeint. Die Frau ist kein untergeordnetes, dienendes Wesen. Die Seite des menschlichen Wesens, die zur Frau wird, kommt mit göttlichen, rettenden Kräften zu Hilfe. Die Bibel bezeichnet sie als „Hilfe, als Gegenüber, das ihm entspricht“. Martin Luther hat in die Bibel hineininterpretiert, wie er sich das häusliche Leben und die Rolle von Frauen vorgestellt hat. „Eine Gehilfin, die um ihn sei“. So sollten Frauen sein. Was hätte wohl seine Käthe dazu gesagt??

Rippe, Gehilfin, die um ihn sei – das sind nicht nur Worte, die noch dazu fehlerhaft übersetzt waren. Sie sind Rollenbildern entsprungen, und sie haben Rollenbilder festgeschrieben, in denen Frauen – und auch Männer –  festgesteckt haben. Die meisten Veränderungen mussten Frauen sich erkämpfen, und die  erbittertsten Widerstände kamen aus den Kirchen. Christlicher Glaube hat wenig dazu beigetragen, dass Frauen selbstbestimmt und gleichberechtigt leben können. Oft wurde das mit solchen Bibelstellen begründet. Deshalb ist es wichtig, dass wir die Bibel genau lesen und uns mit diesen Stellen, mit ihrer Interpretation und mir ihrer Wirkungsgeschichte beschäftigen. Wie können wir die Bibel so interpretieren, dass sie Menschen nicht ausgrenzt, diskriminiert und reglementiert, sondern sie stärkt und ihnen zu ihrer Würde verhilft? Gott ist ein Gott der Freiheit.

Und übrigens findet sich – im 1. Kapitel der Bibel – noch so eine Fehlübersetzung, die gern als Argument benutzt wird: Gott schuf die Menschen nicht als Mann und Frau. Sondern Gott schuf sie männlich und weiblich (1. Mose 1,27). Dieser Unterschied öffnet Tore zur Freiheit.

Predigt zum 15. Sonntag nach Trinitatis über 1. Mose 2, 18-24
Andere Predigten am 15. Sonntag nach Trinitatis über 1. Petrus 5: Demut und Widerstand  und Demut??
Weitere Predigten in der Trinitatiszeit

*Virginia R. Mollenkott: Gott eine Frau? München (Beck) 1985, 78)

  1. Mose 2, 15 – 25 (Übersetzung Luther 1982): 15 Und Gott der HERR nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte. 18 Und Gott der HERR sprach: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei; ich will ihm eine Gehilfin machen, die um ihn sei. 19 Und Gott der HERR machte aus Erde alle die Tiere auf dem Felde und alle die Vögel unter dem Himmel und brachte sie zu dem Menschen, dass er sähe, wie er sie nennte; denn wie der Mensch jedes Tier nennen würde, so sollte es heißen. 20 Und der Mensch gab einem jeden Vieh und Vogel unter dem Himmel und Tier auf dem Felde seinen Namen; aber für den Menschen ward keine Gehilfin gefunden, die um ihn wäre.
    21 Da ließ Gott der HERR einen tiefen Schlaf fallen auf den Menschen, und er schlief ein. Und er nahm eine seiner Rippen und schloss die Stelle mit Fleisch. 22 Und Gott der HERR baute eine Frau aus der Rippe, die er von dem Menschen nahm, und brachte sie zu ihm. 23 Da sprach der Mensch: Das ist doch Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch; man wird sie Männin nennen, weil sie vom Manne genommen ist. 24 Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und seiner Frau anhangen, und sie werden sein ein Fleisch. 25 Und sie waren beide nackt, der Mensch und seine Frau, und schämten sich nicht.

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