Pilatus weißgewaschen

Was ist Wahrheit? (Joh 18,38) Pilatus stellt diese Frage mitten in einem Verhör. Das ist eine perfide Taktik. Der Ermittler „plaudert“ mit dem Angeklagten. Das kennen wir. Aus politischen Prozessen. Gehirnwäsche heißt es in China. Und um einen politischen Prozeß geht es hier ja. Wer ist König im Land? Bist du etwa ein König? Wo ist dein Reich? Wer hat die Macht? Da läuten bei jedem Geheimdienst die Alarmglocken. Für so eine Vernehmung nimmt sich die Staatsmacht alle Zeit der Welt. Weiterlesen

Wenn das Leben aus den Fugen gerät

Rezka wollte immer nur eins: malen. Aber als Kind in einer Bauernfamilie blieb dafür nicht viel Zeit. Sie waren sieben Geschwister. Rezka sah zu, daß sie einen guten Schulabschluß schaffte. Sie wurde Physiotherapeutin, heiratete, bekam zwei Söhne. Und dann wurde sie krank. Ihre Augen wurden immer schwächer. Sie konnte nicht mehr allein Fahrrad fahren. Sie sah die Buchstaben in der Zeitung nicht mehr. Mit 46 war sie arbeitsunfähig. Ihr Leben war aus den Fugen geraten. Da kam ein heftiger Sturmwind auf, und die Wellen schlugen ins Boot, so dass es voll Wasser lief (Markus 4,37).

Oder Friedrich. Weiterlesen

Weihnachten: Von Tannen und Bäumen

Rupfi ist in diesem Jahr der am meisten bedauerte Weihnachtsbaum Deutschlands. Rupfi heißt der Weihnachtsbaum auf dem Erfurter Weihnachtsmarkt. Er hat eine eigene Facebookseite und 6200 Follower (24.12.2018). Es ist ihm anzusehen, wie der trockene Sommer seinen Zweigen und Nadeln zugesetzt hat. Doch Spott und Hohn über die „lichte Fichte“ sind längt umgeschlagen. „Wir lieben ihn, weil er nicht perfekt ist“, heißt es im Internet. Inzwischen fotografieren sich die Leute vor dem Baum, kaufen Rupfi-Anstecker, deren Erlös dem Kinder-Hospiz in Tambach-Dietharz zugutekommt, und diskutieren im Facebook über innere Werte. „Zu Weihnachten muss nicht alles perfekt sein. Das Leben hat Brüche. Und Rupfi eben auch.“ Der Klimawandel ist auf dem Weihnachtsmarkt angekommen. Weiterlesen

17. Juni 1953 und die Normerhöhungen in Ägypten

Ein 9-jähriger Junge schreibt auf, was er am 17. Juni 1953 in Sangerhausen erlebt hat.* Der Junge heißt Einar Schleef. Er wird malen, fotografieren, Stücke schreiben, inszenieren, anecken, die DDR verlassen und doch zeitlebens an Sangerhausen kleben. Mit dem 17. Juni 1953 beginnt er, Tagebuch zu schreiben. Der 17. Juni gräbt sich tief in den 9-jährigen ein und wird zum Schlüsselerlebnis, das er mehrfach wiederholt und noch Jahrzehnte später ergänzt, umarbeitet, nebeneinanderstellt.
Wer später im Osten „1953“ sagte, dachte vieles mit, was in den Monaten und Wochen drumherum passierte. Weiterlesen

Wasser hat keine Balken

Bis zu ihrem Lebensende soll meine Urgroßmutter, Tante Marta aus Kontopp, sich beharrlich geweigert haben, ein Boot zu betreten. Wasser hat keine Balken, sagte sie. Das nasse Element war ihr zu unsicher, wo sie nicht auf ihre eigenen Füße und Körperkräfte vertrauen und sich notfalls retten konnte. Sie soll auch eine sehr praktische Frau gewesen sein. Vielleicht – es war um 1930 – steckte ihr auch noch der Untergang der Titanic im Hintergrund und der Schreck, dass auch modernste und teuerste Technik den Naturgewalten nicht gewachsen sein kann. Außerdem war man im bodenständigen, bäuerlichen Schlesien. Weiterlesen

Im Nachhinein

Mose erlebt Gott. Im Nachhinein. Gott geht ganz nah an ihm vorbei. Mose kann hinter ihm herschauen, der Abglanz Gottes fällt auf ihn. Aber er sieht ihn erst hinterher, sieht nur seine Spur. In dem Moment selbst bleibt Gott ihm verborgen. Er kann ihn erst im Nachhinein erkennen. Und fängt an zu strahlen.

So ist das auch im Leben. Vieles erschließt sich erst im Nachhinein. Im Moment selbst bleibt es verborgen. Dann sagen wir: Wenn ich das damals gewußt hätte! Weiterlesen