1917: Glocken für den Krieg

Wenn abends um sechs die Glocken läuteten, mussten wir heimkommen, erzählte mir eine alte Frau. Und wenn es nachmittags läutete, wussten wir: auf dem Friedhof wird jemand beerdigt. Glocken begleiten das Leben vieler Menschen. Wenn sie zur Taufe und zur Konfirmation, zur Hochzeit und am Grab läuten, teilen sie die schönen und die schweren Stunden einer einzelnen Familie dem ganzen Dorf oder der ganzen Stadt mit. Und umgekehrt nehmen sie die einzelnen in das hinein, was die Allgemeinheit betrifft, Frieden und Krieg, Feuer, Gefahr und Befreiung. Weiterlesen

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Ein Licht anzünden – Barbara und Andreas Gutkes

Ihr seid das Salz der Erde, ihr seid das Licht der Welt. Das Ehepaar Gutkes** hat ein freundliches Licht angezündet, und es strahlt weit über ihr Leben hinaus. Sie haben nicht nur an sich und an ihre Familie gedacht. Ihre Stiftung hat mehrere hundert Jahre junge Leute erfreut, Studierende, junge Paare, die sich geliebt haben und die mit ihrer Hilfe eine Partnerschaft beginnen und eine gemeinsame Existenz aufbauen konnten. Sie haben dazu beigetragen, da die Jungen dieser Stadt unterrichtet werden konnten von pädagogischen Mitarbeitern, die ihr Auskommen hatten. Weiterlesen

Tschernobyl: Gräber für die Ewigkeit

Die ägyptischen Pharaonen wollten auch im Tod ungestört ruhen. Schließlich gab es schon im Altertum Grabräuber. Selbst die Pyramiden blieben davon nicht verschont. Im Tal der Könige tüftelten die geschicktesten Konstrukteure, damit die Gräber am Nil zu Festungen für die Ewigkeit werden. Als Tutanchamun 1325 v.u.Z. starb, wurde sogar ein Fluch eingesetzt. Auf einer Tontafel warnte er jene Grabräuber, die schon vor dem Ziel standen.
Die Vorsorge hat sich gelohnt. 1922 fand man Tutanchamuns Mumie unversehrt – und die Welt staunte über die unermeßlichen Schätze, die den dreifachen Sarg umgaben. Freilich starben kurz hintereinander mehrere am Fund beteiligte MenschenBis heute spekulieren manche über den Fluch des Pharao.
Was werden unsere eigenen Nachfahren in 3000 Jahren finden, wenn sie nach der heutigen Kultur graben? Pyramiden bauen wir nicht mehr, aber Gräber haben wir auch. In Salzstöcken vergraben wir strahlenden Wohlstandsmüll. In einem Betonsarkopharg haben wir den Reaktor von Tschernobyl versiegelt. Weiterlesen

Catharina und ihre Gäste

Catharina und ihre Gäste – Szenische Gottesdienste zur Eröffnung und zum Abschluss der Wanderausstellung „Frauen der Reformation in der Region“
Ähnlich wie die Friedliche Revolution von 1989 war auch die Reformation nicht nur das Werk von Martin Luther oder einiger bekannter Namen wie Justus Jonas, Johannes Bugenhagen oder Johannes Calvin. Sie wurde stattdessen von vielen Menschen aufgenommen, getragen und vorangetrieben. Die Ausstellung zeigt einige, wenige der vielen Frauen, die in der Zeit der Reformation ebenso mutig, beharrlich und durchsetzungsstark gehandelt haben wie die Männer und dazu beigetragen haben, daß die Reformation sich durchsetzen konnte. Solche Frauen haben auch hier, in und um Sangerhausen, in unserem Landkreis, gelebt und gewirkt. Sie kommen aus Liedersdorf, Allstedt oder Stolberg. Aber bis jetzt hat kaum jemand Notiz von ihnen genommen. Die Ausstellung rückt die Frauen aus dem Schatten in unser Bewußtsein und korrigiert unser Bild von Reformation als Heldengeschichte. Weiterlesen

Der Tod tröstet. Predigt zum Totensonntag mit einem Bild von Käthe Kollwitz

Eine junge Frau geht nach Berlin, in die Hauptstadt, wo etwas los ist. Sie heiratet dort. Ihr Mann hat Medizin studiert. Nach 1 Jahr kommt ein Kind, ein Sohn, 4 Jahre später ein Geschwisterchen. Die junge Familie zieht in den Prenzlauer Berg. Ihr Mann eröffnet eine Arztpraxis. So lernt auch sie die Leute kennen, einfache Leute. Sie sieht auch viel Elend. Das prägt sie. Sozialkritisch sei sie, wird ihr nachgesagt. Als sie mit 31 Jahren für eine Auszeichnung vorgeschlagen wurde, verhindert das die Regierung: zu unangepasst sei sie, nicht gesellschaftsfähig. Weiterlesen

Erschossene Teenager, tote Kinder, verwaiste Eltern – der junge Mann aus Nain Lk 7,11-13

[Der Predigttext wird erst während der Predigt verlesen.]
„Chicago ist eine Stadt voller Mauern. Wenige von ihnen sind sichtbar. Einige sind fühlbar, man kann sie erahnen wie ein Hologramm im Dämmerlicht. Sie schlängeln sich durch Bezirke und zwischen Bezirken, grenzen weiße von schwarzen und Latinovierteln ab, die reichen von den armen. Die unsichtbaren Mauern sehen nur jene, die in unmittelbarer Nähe leben.“ [Rieke Havertz: Eine Knarre für 200 Dollar. taz 23.8.2013] Weiterlesen

Christus im Gefängnis. Osterpredigt

Sie haben ihn ins Gefängnis geworfen. In ein schwarzes, gähnendes Loch, zu den Ratten, die durch das vermodernde Stroh huschen, zu den Elenden und Vergessenen, denen die Augen trüb geworden sind und die Haare verfilzt und verlaust. Wenn hier jemand überlebt, ist es die Hoffnungslosigkeit.
Sie haben ihn ins Gefängnis geworfen. So malt ihn Johannes Rosenau 1445, im stolzen Hermannstadt oder Sibiu, der prächtigen Hauptstadt Siebenbürgens, weit im Osten der christlichen Welt. Weiterlesen

Totensonntag: Stadt der Träume (Offb 21,1-7)

Liebe Gemeinde, wo ist der Nabel der Welt? Wenn wir einen Juden oder eine Jüdin fragen würden, was die Stadt der Städte ist, würde sie antworten: Jerusalem. Nicht New York, nicht London, Paris oder Berlin, sondern Jerusalem. Dorthin hat Gott sie geführt, dort ist der Berg Zion, der Gottesberg, dort regierten David und Salomo, sind die Zinnen des Tempels und heute noch die berühmte Westmauer. Dort, im Tal Kidron, wird die Auferstehung der Toten beginnen. Abraham opferte Isaak auf dem Felsen Moria. An dieser Stelle stand einst der Tempel und heute der Felsendom, die Omar-Moschee. Nach einer Vision fuhr von dort der Prophet Mohammed gen Himmel. Weiterlesen

Gottesdienst zum Tag gegen die Todesstrafe

Haben Sie mitbekommen, welcher Gedenktag gestern war? Nein?? Am 10. Oktober ist weltweiter Tag gegen die Todesstrafe. Kaum jemand weiß das. Auch ich habe es nur erfahren, weil auf dem Weimarer Kirchentag ein kleiner Stand war von Christinnen und „Christen für die Abschaffung der Folter“ (ACAT). Das gehört wohl dazu. Über Folter und Todesstrafe wird nicht gern geredet. Es ist ein Thema, über das wir schweigen. Und auch ihre Opfer werden verschwiegen. Weiterlesen