Kohelet – Bilder für das Altern

Wie sprechen wir über das Altwerden? Welche Bilder haben wir dafür? Einen alten Baum verpflanzt man nicht, fällt mir ein. Oder „zum alten Eisen gehören“. Da ist dann jemand nutzlos. Ich finde es interessant, welche Bilder das Buch Kohelet verwendet. Wir wissen nicht, wann Kohelet lebte und wer „Kohelet“ überhaupt war.

Ist es  ein Name oder eine literarische Figur, spricht ein Mann oder eine Frau? Bedeutet Kohelet eine Funktion – Versammler*in oder Predigerin*? Und wann hat er oder sie die 12 Kapitel verfaßt, aus denen das Buch besteht? Es gehört zur Weisheitsliteratur der Bibel und entstand  als eins der letzten Bücher des Ersten Testaments, vielleicht um 250 v.u.Z. Es war lange umstritten, ob es in die Bibel aufgenommen wird, denn es ermutigt, das Leben zu feiern und das Glück zu suchen. Wohl deshalb wird es in der Synagoge auch zum Laubhüttenfest gelesen.
Kohelet sinniert viel nach und regt an, nach dem Sinn des Lebens zu graben. Alles hat seine Zeit, gebären und sterben, weinen und lachen (Koh 3). Ist es besser allein zu leben? Oder sind die Menschen nicht eher auf Liebe angelegt, für Beziehung: Wenn zwei beieinander liegen, wärmen sie sich gegenseitig, und eine dreifache Schnur reißt nicht leicht entzwei (4,11f.). Kohelet preist die Lebensfreude und weiß doch, wie begrenzt alles ist. Und so findet er Bilder für das Altwerden und auch für das Sterben.

Wir sind eine Gesellschaft, die zunehmend älter wird. Die Bedürfnisse der Älteren sind mehr im Blick als vor 30 oder 50 Jahren. Die Wohnungsgenossenschaft baut Häuser mit Fahrstuhl und großen Türen. Sozialstationen sorgen dafür, dass Menschen zuhause gepflegt werden können.  Die Branchen für Hilfsmittel für das Alter boomen: Seniorengerechte Telefone, Sitzerhöhung für die Toilette, Hilfen zum Anziehen oder zum Greifen. Auf der einen Seite sind die „fitten“ Senior*innen, die Geld für Reisen ausgeben und zum Wirtschaftsfaktor werden. Auf der anderen Seite sind die Gebrechlichen, die Hochbetagten und Vereinsamten, die auf Hilfe angewiesen sind. Dieses Jahr bin ich einem jungen Mann begegnet, ein Student Anfang 20, der seinen Großvater gepflegt hat. Er hat mit seinem  Studium pausiert und hat ihn bis zum Ende gepflegt, zusammen mit einer Tante. Meistens sind es die Frauen, die nacheinander Väter, Schwiegerväter, Männer pflegen. Es wurde oder wird von Frauen selbstverständlich erwartet, daß sie ihre Karriere oder ihre Interessen zurückstecken. Daß dieser junger Student für seinen Großvater da war, hat mich sehr berührt.

Auch Kohelet muß sich viel mit Älteren unterhalten haben. Er kennt die Beschwerden, die sich mit den Jahren einstellen. wenn der Körper nicht mehr so spannkräftig ist wie in jungen Tagen: Die Augen versagen – „die Sonne und das Licht verfinstern sich“. Die Ohren werden schlecht „die Türen zur Straße werden geschlossen, so dass das Knirschen der Mühle schwindet, und alle Lieder verstummen“. Die Arme und Beine wollen nicht mehr: „die Hüter des Hauses erzittern und die starken Männer krümmen sich“. Die Zähne fallen aus „müßig stehen die Müllerrinnen, weil es so wenige geworden sind“. Das Gehen strengt an und jede Anhöhe wird zur Qual. Am Ende kommt der Trauerzug und der Tod, das silberne Seil zerreißt. Wie fühlt es sich an, alt zu werden? Kohelet denkt sich in sie hinein und findet Vergleiche aus ihrer Perspektive, aus ihrem Inneren.

Inzwischen ist die Welt eine andere geworden. Wir müssen heute unsere eigenen Worte und Bilder finden. Ich wünsche mir, dass es uns gelingt, so respektvoll und berührend über Altwerden und Sterben zu reden. Dazu können Kohelets Worte anregen.

Predigt am 20. Sonntag nach Trinitatis über Kohelet 12,1-7
Andere Predigten in der Trinitatiszeit
Andere Predigten im Jahreslauf

Kohelet 12,1-7  Bedenke in den Tagen deiner Jugend, wer dich geschaffen hat, bevor die schlechten Tage kommen und die Jahre herannahen, von denen du sagen wirst: »Ich habe keinen Gefallen an ihnen«, bevor sich die Sonne und das Licht verfinstern wie der Mond und die Sterne, und die Wolken nach dem Regen wiederkehren – an dem Tag, da die Hüter des Hauses erzittern, die starken Männer sich krümmen, die Müllerinnen ihre Arbeit einstellen, weil sie wenig geworden sind, und es denen finster wird, die durch die Fenster sehen, wenn die Türen zur Straße geschlossen werden, so dass das Knirschen der Mühle schwindet, hoch wie das Zwitschern der Vögel klingt, und alle Lieder bald verstummen. Wenn man vor Höhen sich fürchtet und sich ängstigt auf dem Weg! Dann blüht der Mandelbaum, die Heuschrecke schleppt sich ab, und die Kaper platzt auf. Fürwahr, die Menschen gehen nach Hause für immer, und die Trauernden gehen auf der Straße umher – bevor die silberne Schnur zerreißt, die goldene Schale zerbricht, der Krug an der Quelle zerschellt, das Schöpfrad zerbrochen in den Brunnen fällt, der Staub zur Erde zurückkehrt, so wie er gewesen, und der Atem, den Gott gegeben hat, zu Gott zurückkehrt. (BigS und Luth)

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