Ehescheidung verboten?

Für wieviel Bitterkeit hat dieser Bibelabschnitt nicht schon gesorgt! Eigentlich war es nur ein einziger Vers, der herausgepickt wurde: Was Gott zusammengefügt hat, das soll der Mensch nicht scheiden (Markus 10, Vers 9).Bei den Katholischen gilt die Ehe als Sakrament und als unauflöslich. Auch treue Gemeindemitglieder, die neu geheiratet haben, müssen bis heute in der Bank sitzenbleiben, wenn alle anderen nach vorn zur Eucharistie gehen.

Bei unserer Gemeindereise auf die Insel Malta haben wir 2008 erlebt, was es bedeutet, wenn Ehescheidung verboten ist. Denn viele Paare trennen sich trotzdem und leben in einer neuen Beziehung, oftmals jahrzehntelang. Aber eben nicht legal. Die neue Partnerin muß bei Familienfeiern am Katzentisch sitzen, wenn sie überhaupt eingeladen ist. Der langjährige Lebensgefährte bekommt im Krankenhaus keine Auskunft. Die Frau, die ihren zweiten Partner jahrelang gepflegt hat, geht beim Erbe leer aus.
Inzwischen ist nach einem Volksentscheid in Malta seit vier Jahren auch im vorletzten Land Europas die Ehescheidung erlaubt. Weltweit ist sie nur noch in zwei Ländern verboten, im Vatikanstaat und auf den Philippinen.

Die Evangelischen haben von Anfang an für Aufsehen gesorgt, wenn sie anders mit Ehe und Familie umgegangen sind. Daß Pfarrer, Mönche und Nonnen heiraten durften, war damals eine Revolution. Noch mehr: Luther selbst hat einer Dreierbeziehung den Weg geebnet. Ein Ehemann wollte die Beziehung zu seiner Geliebten legalisieren und befragte den Reformator Martin Bucer. Bucer, Melanchthon und Luther berieten sich lange. Schließlich gaben sie den Weg für die Menage á trois frei, Bucer und Melanchthon nahmen sogar an der Hochzeit teil. Freilich, es drehte sich um hochgestellte Personen: Landgraf Philipp von Hessen, seine Frau Christine von Sachsen und die Geliebte Margarethe von der Saale. Die Reformatoren wollten Philipp als Beschützer der Reformation nicht verlieren. Die Reformatoren als Wegbereiter von Polyarmorie?

Aber auch die evangelischen Kirchen haben es Geschiedenen über Jahrhunderte schwer gemacht. Sie haben gesetzliche Lockerungen bekämpft und dazu beigetragen, daß Geschiedene schief angesehen wurden. Doch inzwischen haben sie sich der Lebenswirklichkeit geöffnet. Auf unseren gepolsterten Kirchenbänken rücken alle bequem nebeneinander und es spielt keine Rolle, in welchen Lebensverhältnissen jemand lebt.

Was Gott zusammengefügt hat, das soll der Mensch nicht scheiden. Dieser Satz wurde zum Gesetz oder eher zum Verbot, zum Schlag-Wort. Ein einziger Satz aus einem Gespräch, dessen konkreten Anlaß wir nicht kennen. Darf ein Mann sich scheiden lassen? Darf er seine Frau wegschicken? Darf er sie sitzen lassen, aus einer Laune heraus, ohne Versorgung, quasi als Freifahrtschein in die Armut? Hätte sie auch die Trennung gewollt – davon abgesehen, daß nur der Mann einen Scheidebrief beantragen kann, die Frau nicht. Und was bedeutet „was Gott zusammengefügt hat“? Woran läßt sich erkennen, daß Gott verbindet – und nicht nur ein Rechtsakt? So und noch mehr könnten wir fragen.

Jedenfalls: dieser eine Satz übertönt alles andere an diesem Gespräch. Da fällt auch nicht mehr auf, was Jesus sonst gesagt und gelebt hat in puncto Partnerschaft und Beziehung.
Er selbst ist nie eine Ehe eingegangen. Selbst mit Ende 20 war er noch nicht verheiratet. Aber er war vielen Menschen nah, Männern wie Frauen. Er hat seinen Freund_innen die Füße gewaschen. Ein Mann – der Überlieferung nach Johannes – war sein Lieblingsjünger und hat beim letzten Mahl an seiner Brust gelegen und hat seine Haut gespürt. Jesus hat die Hände der Frau nicht zurückgewiesen, die ihn zum Messias gesalbt hat. Er hat die Tränen gespürt, die eine Frau zu seinen Füßen weinte, und sich von ihren Haaren abtrocknen lassen.

Er hat nie viel von Familienleben gehalten, jedenfalls nicht für sich selbst, hat stattdessen Geschwister und Mutter weggeschickt. Das beruhte offensichtlich auf Gegenseitigkeit. Die Seinen haben ihn für verrückt erklärt: Er ist von Sinnen (Mk 3,21). Er hat Menschen dazu bewogen, ihr Zuhause zu verlassen und sich selbst unumstößlichen Familienpflichten einfach zu entziehen: Laß die Toten ihre Toten begraben. Aber er hat von einer neuen Art von Familie gesprochen jenseits von leiblicher Abstammung oder traditioneller Zugehörigkeit. Gottes neue Welt schenkt uns eine Familie, die sich nicht auf Verwandschaftsbeziehungen gründet. Ihr seid meine Freundinnen, ihr seid meine Freunde, sagt Jesus.

Noch am Kreuz hängend begründet Jesus eine solche neue Familie. Das ist dein Sohn, sagt er zu Maria. Das ist deine Mutter, weist er Johannes zu ihr. Sterbend hinterläßt er ein neues Mutter-Sohn-Paar, eine Adoptivfamilie, die den Trennungsschmerz des Todes zu tragen vermag und Karfreitag und Ostern verbindet.

Familie ist, wo Menschen Verantwortung füreinander übernehmen, heißt es. Familienstrukturen sind im Wandel. Die Familiensynode der katholischen Kirche in Rom ist eine deutliche Reaktion darauf. Über diese und andere Bibelstellen wird in diesen Wochen heiß gestritten. Sie werden zum Zankapfel genauso wie die Menschen, um die es geht.

Evangelium heißt frohe Botschaft. Macht dieser Predigttext froh? Oder hat er über viele Jahrhunderte hinweg nicht eher dazu gedient, die Menschen auf eine bestimmte Lebensweise und Moral festzulegen, genauso wie von den Kanzeln die Treue zur Obrigkeit gepredigt wurde und in Kriegszeiten die Pflicht, für König und Vaterland das Leben zu geben?

Kann dieser Abschnitt den Menschen heute tatsächlich das Herz frei und leicht machen und neue Wege aufzeigen? Oder ist er nicht gerade für die, deren Beziehung in einer Krise steckt, eine Last, die es ihnen noch schwerer macht? Und was soll er denen erzählen, die einer zerbrochenen Liebe nachtrauern, oder den vielen, die schon lange verwitwet sind? Das sind schließlich die meisten in unseren Gottesdiensten.

In der neuen Leseordnung, die 2019 eingeführt wird, bleibt der Abschnitt Predigttext. Aber er wird erweitert um die Begebenheit, die sich unmittelbar daran anschließt, um die Geschichte von der Segnung der Kinder. Lasst die Kinder zu mir kommen und hindert sie nicht daran, denn sie gehören zu Gottes Reich, sagt Jesus. Nur wer Gottes Reich wie ein Kind aufnimmt, wird dort hineingelangen. (Mk 10, 14-16, Bibel in gerechter Sprache) Er umarmt sie und segnet sie.

Die Kinder gehören dazu. Es geht nicht nur um die Erwachsenen, sondern auch um das Wohl der Kinder und um ihre Bedürfnisse nach Schutz, Zuwendung und Nähe. Jesus segnet sie und stellt sie in den Mittelpunkt.
Erwachsene übernehmen Verantwortung füreinander und für Kinder, für Ältere, für Menschen außerhalb ihrer Beziehung. Die Gemeinschaft von Menschen greift über ein Paar hinaus. Wenn zwei miteinander leben, strahlt das aus. Und umgekehrt wird die Beziehung reicher durch Offenheit und durch das, was von außen hineinströmen kann.

Jesus will, daß wir gern beieinander sind und daß unseren Beziehungen Gutes entströmt. Gerechtigkeit, Trost, Mut, Geradlinigkeit. Wenn wir glücklich sind und Glück verbreiten, strömt Segen durch uns hindurch und Gott segnet die Menschen durch uns.

 

Predigt am 18. 10. 2015 (20. Sonntag nach Trinitatis) zu Markus 10, Verse 2 bis 12 bzw. 20

Weitere Predigten in der Trinitatiszeit: hier
Predigten im Jahreslauf: hier

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