Liebe Teilen

Julia sucht Romeo, Tristan verliebt sich in Isolde. Liebende überwinden Grenzen. Sie nehmen Übermenschliches in Kauf, entfalten Kräfte, trotzen Bedrohung und Gefahren. Ihr Herz klopft und springt und zieht sie über sich selbst hinaus. Was sie fühlen, wirbelt sie durcheinander, euphorisiert sie, wirft sie um. Sie spüren, daß das nicht alltäglich ist und daß es in ihnen etwas auslöst, was kostbar, ja göttlich ist. So drückt es auch die Bibel aus. Gott ist Liebe und alle, die in der Liebe bleiben, bleiben in Gott und Gott bleibt in ihnen.

Dieser Vers (1. Joh 4,16b) gehört zu den beliebten Trausprüchen. Die Menschen sehnen sich nach Liebe. Sie wissen, daß sie nicht selbstverständlich ist. Sie freuen sich, wenn ihnen jemand  mit Freundlichkeit entgegenkommt und Vertrauen um sich verbreitet, und sie werden selbst ein bißchen fröhlicher und großzügiger davon.
Manchmal kommen ihre Tage ihnen grau vor und sie fühlen sich unzulänglich. Dann seufzen sie und träumen, wie es friedvoll zugehen könnte, auch bei ihnen. Daß sie einander achten, schätzen, unterstützen und helfen, zuhause, auf der Arbeit, in der Umgebung. Es ist nicht selbstverständlich, daß Beziehungen gelingen, in der Familie nicht, aber auch darüber hinaus. Was zählt, wenn es darauf ankommt? Solidarität und Mitgefühl, oder setzen sich Vorteil, Sicherheit, Macht und Geld durch? Welche Kräfte oder Gewohnheiten sind stärker?
Selten ist es ein einziges Gefühl, was gerade in uns steckt. Oft sind es mehrere gleichzeitig. Angst, Sehnsucht, Wut, Erwartung, Enttäuschung, Hoffnung, Mitleid, und manchmal kämpfen all diese Gefühle auch miteinander. Einander beständig lieben, dazu gehört nicht nur ein Gefühl von Zuneigung, sondern es lebt von Überzeugung und Willen. Sich einander zuwenden, das ist auch eine Entscheidung.
Gott ist Liebe und alle, die in der Liebe bleiben, bleiben in Gott und Gott bleibt in ihnen. Es liegt nicht völlig bei uns, ob sich das entfaltet, ob wir das entfalten können. Gott gibt uns Kraft. Gott ist aber auch Kraft in uns und macht uns fähig zum Guten und Schönen.

Wenn sich zwei oder drei lieben, ist das etwas sehr Persönliches. Zugleich ist es weit mehr als ihre private Angelegenheit. Was erlaubt ist und was nicht, legt die Umgebung fest. Das wandelt sich. Und ist zugleich restriktiv. Jede Zeit hat ziemlich genaue Vorstellungen, was als passend gilt, was als unanständig und wie die Rollen verteilt zu sein haben. Da werden Leute schon einmal schief angesehen oder weggejagt. Romeo und Julia. Oder Julius. Bei den Montagues und Capulets gibt es keine Hochzeit für Leute, die nicht dazugehören.

So hoch Liebe allgemein geschätzt wird, so wenig willkommen ist sie zuzeiten, wenn sie ganz konkret vom Himmel fällt. Wenn Menschen sich zusammentun, stoßen sie auch auf Ablehnung und lösen Ängst aus.  Ihre Umgebung findet ihre Beziehung befremdlich, anstößig oder unverständlich. Dabei schafft Liebe genau das, was die Kirchen sonntags predigen als Wirkung des Glaubens: Sie vermag Grenzen zu überwinden, sie verbindet Menschen, sie inspiriert und belebt: also göttliche Wirkungen.

Liebe ist nie nur privat. Die Bibel sieht Liebe im größeren Maßstab. Wenn sie glaubwürdig ist und mehr als nur Romantik, kann sie nicht vor der Haustür haltmachen. Menschenfreundlichkeit und Nächstenliebe gehören dazu. Wir können die eigene, persönliche Beziehung nicht trennen davon, wie wir als Gruppe, als Gemeinschaft, als Gesellschaft miteinander umgehen.
Agape – dieses griechische Wort verwendet die Bibel für ganz unterschiedliche Arten von Liebe. Jakob liebt Rahel (Gen 29,18), David liebt Jonathan (2 Sam 1,26). Menschen lieben Gott oder das Geld (Pred 5,9). Alles ist Agape – oder eben auch nicht.

Die ersten Christ*innen haben es Agape genannt, wenn sie zusammen gegessen haben. Im 1. Korintherbrief wird das beschrieben. Sie haben sich abends nach der Arbeit getroffen, mitgebracht, was sie hatten. Sie haben geteilt, gebetet, in der Tora gelesen, Psalmen gesungen. Sie haben Brot gebrochen im Gedächtnis an Jesus und haben so wie er miteinander gegessen. Unsere  Gottesdienste, unser Abendmahl ist aus dieser Agape entsprungen. Liebe und Liebesmahl, das war dasselbe.

Zugleich wird im 1. Korintherbrief beschrieben, welche Konflikte sich dabei ergeben und wie schwierig es war, diesen Anspruch tatsächlich umzusetzen und zu leben. Die einen haben nicht auf die anderen gewartet. Sie haben sich schon sattgegessen und haben für die Hungrigen nichts übrig gelassen, also für die Armen, die später kamen, weil sie noch arbeiten mußten.  Diese Agape, sie war eine Herausforderung. Besonders den Reichen fiel sie sehr schwer. Sie mußten erst lernen, was Agape heißt: Solidarität mit den Versklavten.
Liebesmahl, Umarmungen und Küsse, das wurde bald zu Kennzeichen der ersten christlichen Gemeinden. In den ganzen ersten Jahrhunderten erprobten sie verschiedenste gemeinschaftliche Lebensformen. Sie versuchten umzusetzen, wie Liebe in einer Gruppe verstanden und praktiziert werden kann, jenseits von Paarbeziehungen.

Agape, das Wort für Liebe, bedeutet zugleich, miteinander gerecht zu teilen. Im Evangelium haben wir heute die Geschichte vom reichen Mann und armen Lazarus gehört (Lk 16,14-31).  Ein Riß teilt die Welt in Arm und Reich, und dieser Riß ist so tief, daß der Reiche Lazarus, den Armen vor seiner Tür, nicht einmal wahrnimmt. Es ist notwendig, den Riß zu heilen und solidarisch zu sein.

Diese Geschichte und die Worte davon, daß Gott Liebe ist, gehören zusammen. Der Liebe werden Steine in den Weg gelegt, wenn Risse die Welt durchziehen und die Menschen voneinander trennen. Damit sie zueinander kommen können, müssen auch die Gräben der Ungerechtigkeit beseitigt werden.
König Marke gibt Isolde frei. Julia schließt Romeo in die Arme. Die Capulets und Montagues bestellen endlich das Aufgebot.

Predigt zu 1 Joh 4,16b-21 (1. Sonntag nach Trinitatis)

Gott ist Liebe und alle, die in der Liebe bleiben, bleiben in Gott und Gott bleibt in ihnen. (BigS, Luther: Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.)

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