Schwarz bin ich und schön – Predigt zum Valentinstag

Schwarz bin ich und schön. Manche der Gedichte könnten gestern geschrieben worden sein. Andere Bilder wirken doch sehr fremd. Das Lied der Lieder ist eine Sammlung orientalischer Liebeslyrik, zwischen 2 ½ tausend und 2100 Jahren alt. Dein Haar ist wie eine Herde Ziegen, stürmend herab vom Berg – wir würden Schönheit heute anders beschreiben. Aber die Gefühle sind die gleichen. Meinem Geliebten gehöre ich und mein Geliebter mir.

Schwarz bin ich und schön. Ich bewundere die Frau, die sich so vorstellt. Sie braucht keine Magazine mit Abnehm-, Schmink- und Styling-Tips, die ihr einreden, wie Frauen sein sollten, und zugleich vorführen, wie weit sie davon entfernt ist.

Mich beeindruckt, in welche Vielfalt von Bildern sie ihre Gefühle kleidet und ihr Begehren offen schildert.

In der Kirche sind wir das nicht gewohnt. Die Sammlung hat sich wohl nur deshalb in der Bibel gehalten, weil die Gedichte im übertragenen Sinn ausgelegt wurden, als Liebe Gottes zum jüdischen Volk, als Liebe Christi zur Kirche, zur Tochter Zion, zum himmlischen Jerusalem, geschmückt wie eine Braut ihrem Geliebten, wie es an anderen Stellen heißt. Gott als Liebhaber, als begehrlicher dazu, das ist ja auch kein schlechter Vergleich für Gott.

Im Lied der Lieder fällt auf, wie aktiv die Frau ist, wider alle Konvention. Sie wirbt, sie schmachtet, sie läuft mitten in der Nacht durch die Straßen Jerusalems, lädt ihn ein in ihren Garten. Ihre Liebe sprengt die herkömmlichen Vorstellungen davon, was sich gehört. Sie setzt sich über Rollen hinweg und überwindet gesellschaftliche Grenzen. So wird sie zum Vorbild für die großen Liebeserzählungen der Geschichte und reiht sich in sie ein: Heloise und Abaelard, Tristan und Isolde, Romeo und Julia.

Denn diese Frau überschreitet tatsächlich Grenzen. Schwarz bin ich und schön. Eine schwarze Frau sagt das über sich. Black ist beautiful – die Besinnung auf Black Power, weg vom weißen Schönheitsideal, das ist erst im späten 20. Jahrhundert zur Bewegung geworden. Und in vielen Ländern der Welt mißt sich der gesellschaftliche Status nach wie vor an den Schattierungen der Haut. Je heller, desto vornehmer. Abschätzige Blicke gab es auch schon im Altertum, vor der Zeitenwende, und Naserümpfen, das deutlich machen soll: du gehörst nicht dazu, du stammst nicht von hier.

Schwarz kann aber auch arm bedeuten. Die Wohlhabenden können es sich leisten, daß sie im Schatten liegen, sich hegen und pflegen. Wer den ganzen Tag hart arbeiten muß, hat dazu keine Zeit. Da wird die Haut schnell verbrannt und noch dunkler, als sie ohnehin schon ist. Das einfache Bauernmädchen vom Land fällt bei den Reichen und Schönen sofort auf und durch. Du dummes schwarzes Gör hast hier nichts zu melden.

Wie war es bei dieser Frau? Wir wissen nicht, ob sie schwärzer war als andere wegen ihrer ethnischen Herkunft oder weil sie sich in einfachen Verhältnissen durchschlagen und hart arbeiten musste. Vermutlicherweise paßte sie nicht ins Ideal, stand draußen und mußte mit abschätzigen Blicken, Bemerkungen kämpfen. Sie hat wohl Diskriminierung erfahren.

Doch sie ist es, die im Lied der Lieder im Mittelpunkt steht. Sie stellt sich in den Mittelpunkt. Sie dreht das Urteil einfach um: Schwarz bin ich und schön.

Das gängige Urteil umdrehen, das macht die Bibel bis zur letzten Seite, Das macht Gott selbst. Gott kehrt die Verhältnisse einfach um. So singt es ein paar hundert Jahre nach ihr eine Frau aus ebenso prekären Verhältnissen, eine Schwester im Geist um die Zeitenwende. Die Sklavin Maria dichtet davon, wie Gott sie angeschaut hat und das Unterste in der Welt zuoberst kehrt.

Das Paar im Lied der Lieder kümmert sich nicht darum, was die Leute zu ihrer Liebe sagen. Unerlaubte Beziehung, hätte es vielleicht geheißen, denn verheiratet sind sie wohl eher nicht. Aber das spielt keine Rolle für die beiden – und für die Bibel auch nicht. Die offen erotischen Bilder und Anspielungen werden nicht wegzensiert. Die, die die christliche Moral gehütet haben, haben die Freiheit, von der jedenfalls dieses Buch der Bibel erzählt, nicht sehr ernst genommen.

Es lohnt sich, wenn wir es aus der Ecke des Vergessens herausholen, darin lesen, es hören, so wie heute. Dazu drei Gedanken:

Die Lyrik im Lied der Lieder kann uns inspirieren, daß wir eine zeitgemäße Sprache für uns finden. Wie reden wir heute von Liebe? Wie beschreiben wir heute unsere Beziehungen, unsere Wünsche, unsere Träume, unsere Sehnsüchte und Ängste? Sprache ist nichts Statisches, sondern entwickelt sich immer weiter. Sie lebt davon, daß wir neue Worte, Bilder und Vergleiche erfinden. Wie können wir uns selbst, unsere Gegenüber beschreiben, und ans Licht holen, was vor uns niemand gesehen hat? Können wir mit Worten neu schaffen und eine neue Wirklichkeit spinnen?

Ein zweites: Wie können wir helfen, daß Menschen zueinander finden und Getrenntes zueinander kommt? Wie können wir Räume öffnen, daß Menschen sich und einander begegnen können? Es müßten Räume für Liebe sein, Räume zum Suchen, zum Finden, zum Fragen. Schön sollen sie sein, anregend, zum Ungewohnten einladen. Wie können wir Brücken bauen und Diskriminierung abbauen?

Ein drittes: Die beiden finden sich schön so, wie sie sind. Die Augen der Liebe zeigt es ihnen. Es sind die Augen Gottes. Können auch wir mit ihnen sehen und unsere Schönheit entdecken? Unsere Körper sind Wandlungen unterworfen. Die Spuren des Lebens haben sich in ihnen eingegraben. Das gehört zu dieser Schönheit ebenso dazu wie daß es kein Musterbuch gibt, von dem 8 Milliarden Kopien gezogen worden sind. Jedem und jeder wohnt eine eigene Schönheit und Würde inne und wir dürfen sie entdecken, bei uns und bei anderen.

Stark wie der Tod ist die Liebe. Dieser Vers wird immer noch als Trauspruch genommen. Ja, Verliebtheit hält nicht ewig. Ja, Liebe kann sich in Haß, Wut, Enttäuschung verwandeln und Gewalt gebären. Beziehungen können langsam absterben. Ja, Geliebte können sterben. Ja, viele Menschen sind allein und sehnen sich nach einem Gegenüber. Dennoch: Stark wie der Tod ist die Liebe. Deshalb lohnt es, sie zu preisen und ihre kostbaren Stunden auszukosten. Wir mögen uns des Lebens und des Miteinanders freuen und die Früchte kosten, die Gott für uns hat wachsen lassen im Garten des Lebens.

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