Blinder Fleck

Ich sehe was, was du nicht siehst
Wir alle haben einen blinden Fleck. Mitten im Auge. Dort, wo der Sehnerv auf die Netzhaut trifft, sehen wir nichts. An allen anderen Stellen der Netzhaut nehmen wir (hoffentlich) optische Reize wahr. Aber an dieser einen Stelle sind wir buchstäblich blind. Interessanterweise ist dieser blinde Fleck die Voraussetzung, daß wir überhaupt etwas sehen. Blinde Flecken haben wir auch im übertragenen Sinn, wenn wir bei andren Menschen manches übersehen. Bei Verliebten fällt das am deutlichsten auf: sie können „blind“ vor Liebe sein, gelegentlich mit tragischen Folgen. Dann fällt ihnen wie Schuppen von den Augen, worin sie sich geirrt haben in dem Objekt ihrer Träume. Das hat sich meistens gar nicht plötzlich gewandelt, sondern sie sehen auf einmal auch die Seiten, die sie vorher nur nicht wahrhaben wollten. Sie konnten sich gar nicht vorstellen, daß ihr Traummann oder ihre Traumfrau so ist.
Dieses Nicht-vorstellen-Können ist der Schlüssel. Der blinde Fleck – das ist das, was außerhalb unserer Vorstellungskraft legt. Was wir nicht (wenigstens ansatzweise) von uns kennen, können wir auch bei anderen nicht wahrnehmen. Wir sehen die Welt tatsächlich durch unsere Brille. Umgekehrt sehen wir in Menschen oder Verhältnisse etwas hinein, was unserem Wunschbild oder unserer Auffassung entspricht, nicht aber der Realität.
Wir alle haben blinde Flecken. Es ist gut, über sie Bescheid zu wissen und darüber, worin – und warum – wir selbst manchmal beschränkt sind. Dann kann ich auch darüber staunen und muß nicht abwerten, was andere an der Stelle zu sehen vermögen, wo mein blinder Fleck ist.
Ich sehe was, was du nicht siehst, spielen die Kinder. Sie schulen sich, genau hinzuschauen. Sie ergänzen einander und entdecken ganz viel. Glauben lädt uns ein, auf Entdeckungsreise zu gehen. Wir können Verhältnisse neu sehen; wir verstehen, was unsere Brillen sind und warum wir sie gebraucht haben.
Im Hebräerbrief heißt es: Gott vertrauen ist: Grundlage dessen, was Menschen hoffen, und fest mit dem rechnen, was Menschen nicht sehen. (Hebräer 11,1) Unsere unterschiedlichen Sichtweisen und Glaubenserfahrungen schließen sich nicht aus, sondern ergänzen einander. Und vielleicht liegt hinter unserem blinden Fleck sogar unsere stärkste Kraft.

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