Zettel falten – Wahlen in der DDR

Sonntag, 7. Mai 1989, 18 Uhr. Der Wahlleiter in der Berufsschule schnaubte: eine Mutter mit zwei Töchtern wollten die Stimmauszählung beobachten! In Sangerhausen! Er versuchte, die drei des Raumes zu verweisen. Aber sie ließen sich nicht abwimmeln, die Auszählung sei schließlich öffentlich. Die Urnen wurden geöffnet, die Zettel sortiert. Ja, ungültig. Nein-Stimmen waren nicht vorgesehen. Es gab nicht einmal Kästchen zu Ankreuzen. Wer mit „Nein“ stimmen wollte, musste jeden Namen einzeln durchstreichen, sonst galt die Stimme als ungültig. Das musste man erst einmal wissen! Trotzdem, es gab etliche Gegenstimmen.
Die Frau passte genau auf. Der Wahlhelfer vor ihr protokollierte weniger Nein-Stimmen, als sie gezählt hatte. Sie reklamierte. Wutschnaubend wurde nachgezählt und korrigiert. Doch was der Wahlleiter telefonisch weitermeldete, erfuhr sie nicht.

Die Kommunalwahlen in der DDR von 1989 wurden flächendeckend gefälscht. Kritische Leute beobachteten die Wahlen und verglichen ihre Zahlen mit den offiziellen, vor allem in Großstädten. Es gehörte viel Mut zu so einer Aktion.
Die Frau in Sangerhausen hatte keine Gruppe, die ihr Rückhalt gegeben hätte. Sie hatte große Angst, verhaftet oder verhört zu werden. Trotzdem hatte sie das Gefühl, so handeln zu müssen. Sie hat den Mut aufgebracht, ganz allein.
Wie kostbar freie Wahlen sind, werden ihre Töchter nie vergessen. Denken auch Sie daran, diesen Monat, 25 Jahre nach den ersten freien Wahlen bei uns?

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