CSD Halle 2022: Männlich / weiblich / divers

Oft wird behauptet, dass es nach der Bibel zwei eindeutig getrennte Geschlechter gäbe. Dann wird meistens auf das 1. Kapitel der Bibel verwiesen, die Erschaffung der Welt: Da heißt es im Vers 27: „Gott schuf die Menschen zu seinem Bild, und schuf sie als Mann und Frau“. Die Kirche und auch die Gesellschaft, wird gefordert, soll endlich eine klare Ordnung in Mann und Frau in den Vordergrund stellen. Alles andere laufe dem Sinn der Bibel entgegen. Dieser Satz, Gott schuf die Menschen als Mann und Frau, wird als Waffe benutzt und allen entgegengehalten, die z.B. über Transition oder sich verändernde Geschlechterrollen nachdenken.
Doch er steht so gerade nicht in der Bibel. Im hebräischen Text heißt es stattdessen: Gott schuf sie männlich und weiblich. Also gerade nicht Mann und Frau. Männlich und weiblich, das klingt für mich völlig anders. Da können die Seiten zum Vorschein kommen, die in uns stecken und zwischen denen vieles liegt. Wir sind vielschichtig und vielgesichtig. Männer dürfen ihre weiblichen Anteile zeigen, bemuttern Kinder und schrubben die Küche. Frauen stehen als Professorin im Rampenlicht, schrauben an Motorrädern herum und werden nicht auf emotional oder hilfsbedürftig festgelegt. Es ist wie eine Skala zwischen Hell und Dunkel. Die stockfinstere Nacht steht auch nicht der blendenden Mittagssonne gegenüber, sondern gleitet ineinander über in unendlich vielen Farben und Stimmungen. Gott schuf die Menschen männlich und weiblich, das öffnet eine Bandbreite, auf der alle für sich einen Platz finden können, von cis bis trans, von homo über bi bis hetero und inter in allen Varianten. Und  alle haben etwas davon abbekommen.
Niemand muß es verstecken oder sich darüber schämen, sondern darf sich begreifen als Gottes gute Schöpfung. Jede:r ist Gottes Ebenbild. Darüber, was das für unser Bild von Gott bedeutet, möchte ich an dieser Stelle nicht nachdenken.
Dieser Satz aus der Schöpfungsgeschichte ist ein Hoffnungssatz für alle, die mit religiösen Argumenten eingeschüchtert und in eine angeblich gottgewollte Zweigeschlechtlichkeit eingesperrt wurden.

Leider steht in den meisten deutschen Bibeln immer noch „Mann und Frau“, die Version von Martin Luther aus dem 16. Jahrhundert. Auch ich habe die richtige Übersetzung lange nicht gekannt. Möglich, dass sie in meinem Theologiestudium vor 40 Jahren irgendwann einmal erwähnt wurde. Es hat wohl niemand so genau hingeguckt, und so hat sie sich jahrhundertelang eingeprägt. Und sie hat seinerseits dazu beitragen, die überlieferte Geschlechterordnung weiter zu befestigen und die traditionellen Rollen weiterzuschreiben. Aber inzwischen werden nicht nur Rollenbilder und ungleiche Rechte hinterfragt. Sondern gerade Medizin und Genetik haben erkannt, welche unglaubliche Varianz die Natur bereithält. Deshalb kommt auch erst jetzt ans Licht, welche Brisanz sich in einer korrekten Übersetzung von hebräischen Worten verbirgt, die über zweieinhalbtausend Jahre alt sind.
Doch gerade die am weitesten verbreitete Bibel, die neue Lutherübersetzung von 2016, hält an der herkömmlichen Version fest. Die Übersetzenden hatten die Stelle im Vorfeld diskutiert. Und sie haben sich gegen den Wortlaut entschieden. Die Treue zu Martin Luthers Sprache erschien ihnen wichtiger. Vor allem aber wollten sie die Leute nicht verschrecken. Fürchteten sie die Diskussionen, die eine Veränderung auslösen würde? Besonders die konservativen Kreisen werfen der evangelischen Kirche regelmäßig vor, sich dem Zeitgeist anzupassen und sich zu wenig an der Bibel zu orientieren. Männlich und weiblich ist nach wie vor nur in der „Bibel in gerechter Sprache“ zu lesen und seit 2016 – ausgerechnet – in der katholischen Einheitsübersetzung. Zwei weitere Übersetzungen weisen wenigstens in einer Anmerkung auf die wörtliche Bedeutung hin (Elberfelder und Gute Nachricht).

Männlich und weiblich kommt aber auch in der Bibel selbst an anderen Stellen vor. Sie alle beziehen sich auf jenen ersten Hoffnungssatz. Eine Stelle haben wir vorhin gehört. Es ist ein altes Taufbekenntnis, das älteste, das wir kennen. Paulus schreibt es an die Gemeinden in Galatien in der heutigen Türkei, an Menschen, die fest in ihren Rollen eingesperrt waren. Sklav:innen und Frauen konnten weder über ihr Leben noch über ihren Körper frei verfügen, sondern nur freie und wohlhabende Männer. Das waren die wenigsten. Für alle anderen waren die Grenzen von Unfreiheit und Armut, von Geschlecht und von ethnischer und religiöser Zugehörigkeit unüberwindbar. Doch die ersten jüdisch-christlichen Gemeinden hatten genau diese Vision. Und sie lebten diese Utopie auch. Deshalb, so glaube ich, waren die Gemeinden attraktiv, gerade für Arme, für Frauen, für Versklavte oder ehemals Versklavte. Deshalb wollten sie dazugehören und sich taufen lassen. In den Gemeinden setzten sie sich über Rangunterschiede hinüber. Alle durften sprechen, alle wurden gehört und geachtet. In Christus waren sie alle eins. Wenn sie getauft wurden, wurde ihnen ein neues Gewand übergestreift. Mit dem Taufkleid legten sie die alten Schubladen ab:
Denn alle, die ihr in Christus hineingetauft seid, habt Christus angezogen wie ein Kleid. Da ist nicht jüdisch noch griechisch, da ist nicht versklavt noch frei, da ist nicht männlich und weiblich, denn ihr seid alle eins in Christus Jesus. (Gal 3,26-28)
Dieses allererste christliche Taufbekenntnis spinnt den Hoffnungssatz vom Anfang der Bibel noch weiter. Es klingt wie aus dem Lehrbuch der Queer-Theorie. Es spricht unterschiedliche Benachteiligungen an; damals waren das wahrscheinlich die gravierendsten: Herkunft und Religion, Unfreiheit und Armut, Geschlecht. Unterschiedliche Benachteiligungen und unterschiedliche Zuschreibungen stecken die Menschen nicht nur in Schubladen, sondern sie verstärken einander. Die Queer-Theorie heute bezeichnet das als Intersektionalität und bringt die vielen anderen Gesichter von Diskriminierung ans Licht, Alter, Behinderung oder Aussehen etwa.

Die ersten jüdisch-christlichen Gemeinden mit ihrer utopischen Praxis entwickelten sich im Laufe der Jahrhunderte zu einer Kirche, die selbst repressiv wurde. Aber wir können umkehren. Das Schuldbekenntnis von Bischof Kramer zeigt es. Wir können uns an die verschütteten Visionen erinnern. Wir können die Bibel anders lesen, als Zeugnis für das Ringen von Menschen um Würde, um Gerechtigkeit, um Freiheit. Wir können aus ihrem Glauben, ihrer Liebe und ihrer Hoffnung Kraft schöpfen, für uns selbst und für unsere Gesellschaft.

Predigt beim Gottesdienst zum Christopher-Street-Day in Halle am 11.9.2022 über Galater 3, 26-28

Denn alle, die ihr in Christus hineingetauft seid, habt Christus angezogen wie ein Kleid. Da ist nicht jüdisch noch griechisch, da ist nicht versklavt noch frei, da ist nicht männlich und weiblich, denn ihr seid alle eins in Christus Jesus.

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