Frauenmahl in Bremen

Ich bin Pfarrerin und von mir wird erwartet, daß ich nicht irgendwelche Geschichten erzähle, sondern ich soll mich mit der Bibel beschäftigen. Ziemlich langweilig, finden manche. Alt und abgestanden. Ziemlich langweilig, seufze auch ich oft, wenn ich die Bibel aufschlage und den Abschnitt durchlese, über den ich zu predigen habe. Hundertmal gehört, von Kindesbeinen an, und ziemlich viele Verbote. Manchmal ärgere ich mich. Zum Beispiel: warum kommen keine Frauen vor, wenn von der Heilung eines gelähmten Mannes erzählt wird? Der wird auf einer Trage von seinen Freunden hergeschleppt, und weil alles überfüllt ist, decken sie das Dach ab und lassen ihn mitsamt Trage herunter. Kritiker beobachten, wie er geheilt wird, und grollen in sich hinein. Aber niemand sagt etwas, auch die Freunde nicht und selbst der Gelähmte nicht. Wo sind die Frauen, stößt es mir auf, bis ich beschließe, die Geschichte genau so zu lesen: als Männergeschichte. Es ist eine Männergeschichte, und die Männer schweigen. Ich denke an viele Sitzungen, in denen beharrlich geschwiegen wird und niemand damit herausrückt, worum es eigentlich geht. Ich sehe Runden voller Anzüge vor mir, alle in Schlips und Kragen und mit wichtiger Miene. Vorstände, Aufsichtsräte, Vereine, Arbeitsgruppen. Regierungstreffen. Vatikan. Heimatministerium. Auf einmal wird die Geschichte aktuell. Sie spielt in der Welt der Männer, die sich auf langen Sitzungen herumquälen, durchbeißen, austricksen, gegenseitig blockieren, nicht weiterwissen oder Probleme einfach aussitzen. Und Jesus bricht das Schweigen. Die Lähmung weicht.

Ich habe den Blick ein wenig verschoben und die Geschichte in einem völlig neuen Licht entdeckt. Sie wird lebensnah und verständlich auch für Leute, die nicht an Gott glauben. Das sind die meisten um mich herum, in Sangerhausen, einer Stadt südöstlich des Harzes auf halber Strecke zwischen Leipzig und Göttingen. Ich bürste die Bibel gegen den Strich. Auf einmal wird sie spannend.

Ich denke an die Weihnachtsgeschichte. Die Generationen versammeln sich unter dem Tannenbaum – wir inszenieren zu Weihnachten den kollektiven Traum einer heilen Familie. Ein-Eltern-Familien, Regenbogen-Familien, Menschen, die zu Weihnachten allein sind, kommen in diesem Traum nicht vor. Aber von seinem Ursprung her ist es ein Fest einer Familie, in der gerade nicht alles „heil“ ist. Maria erfährt, daß sie ein Kind bekommt, und Josef ist nicht der Vater. Jesus wurde nicht in einer Vorzeigefamilie geboren, sondern in Verhältnissen, die vor ein paar Jahrzehnten eher als unordentlich gegolten hätten und die es doch schon immer gab.
Josef ist nicht der Erzeuger, aber er bleibt bei Maria. Josef wird also zum sozialen Vater, der sich um ein fremdes Kind kümmert. Jesus wird zum Adoptivkind. Die Geschwister, die später geboren werden, sind im Grunde Stiefgeschwister. Die heilige Familie entpuppt eine spannende Familienkonstellation. Wie viele Zukunftsvisionen für Familien heute könnten sich dahinter verbergen!

Die nichttraditionelle Familie hat also schon in der Weihnachtsgeschichte ihren Platz. Sie wurde aber übersehen. Die gesellschaftlichen Rollenmuster haben sie ausgeblendet und regelrecht überblendet. Niemand ist auf die Idee gekommen, überhaupt nach ihr zu suchen, weil das Idealbild von Familie zu übermächtig war.
Queer die Bibel lesen heißt für mich zweierlei: mich mit den Schubladen, die wir in der Gesellschaft weitergeben, auseinandersetzen, und kritisch nach den Rollen in der Bibel schauen.

Die Bibel selbst regt dazu an. Gleich am Anfang in der Schöpfungsgeschichte im 1. Buch Mose (1,27) steht in den meisten Übersetzungen:  Gott schuf die Menschen als Mann und Frau. Dieses Zitat dient oftmals als Argument für eine naturgegebene Ordnung aus zwei getrennten Geschlechtern. Doch der hebräische Urtext erzählt es völlig anders. Dort steht: Gott schuf sie männlich und weiblich. Das klingt ganz anders. Männlich und weiblich, da ist viel Spielraum. Da sind eben nicht zwei Geschlechter, eindeutig und als Norm für alle: hier Mann, dort Frau. Gott schuf sie männlich und weiblich, das öffnet eine Skala, und sie hat Platz für alle. Dieses Spektrum ist offen, daß Menschen sich selbst zuordnen, Männliches und Weibliches in sich und anderen entdecken. Das kommt der modernen Biologie sehr nahe. Die sieht Geschlecht heute nicht mehr als eindeutige Kategorie, sondern sie zeigt, daß es eine Vielfalt von Variationen gibt, bei Tieren wie auch bei Menschen.

Das konnten die Menschen zur Zeit der Bibel natürlich nicht wissen und es gab keine geschlechtsangleichenden Operationen. Aber ihre Beziehungen waren so vielfältig wie heute. David erobert Frauen und liebt Jonathan. Ruth und Noomi, Schwiegertochter und Schwiegermutter, beweisen einander die Treue und schlagen sich als Frauen durch. Josef – einer der Urväter des jüdischen Volkes – trägt einen bunten Rock.  Selbst von „Verschnittenen“ ist die Rede, bei Jesus und bei Paulus. Die Apostelgeschichte erzählt gleich ein halbes Kapitel (8,26-40) vom Finanzminister der Kandake, dem „Kämmerer aus dem Mohrenland“ der Kinderbibeln. Der fährt in einer Kutsche von Jerusalem nach Äthiopien heim und läßt sich taufen. Der Kämmerer ist ein Eunuch, ein Mann, der sich äußere Geschlechtsorgane operativ hat entfernen lassen. Wenn ich den Blickwinkel ein wenig verschiebe, schillert die Bibel sogar ein wenig in Regenbogenfarben.

Ich bin nicht Teil irgendeiner Community. Bei uns gibt es keine Community. Wir haben im Landkreis die rote Laterne in puncto Arbeitslosigkeit, demografischer Wandel und Abwanderung junger Leute. Wenn sich ein schwules Pärchen in Halle / Saale in den Zug nach Sangerhausen setzt, müssen sich die beiden auf abschätzige Bemerkungen der mitfahrenden Jugend einstellen. Gerade deshalb finde ich es wichtig, queere Themen öffentlich anzusprechen und Partei zu ergreifen. Als Pfarrerin mache ich sichtbar, was und wen es in der Bibel noch so alles gibt. Gerade in einer ländlichen Gegend eröffne ich so einen Freiraum für Menschen, egal wie sie sind. Außerdem finde ich, Kirche hat viel gutzumachen. Viele Vorurteile, die Abwertung, Ausgrenzung und Gewalt erst ermöglicht haben, haben wir als Kirche den Leute selbst in die Köpfe gepflanzt. Wir als Kirche haben eine Bringepflicht gegenüber queeren Menschen.

Die Queertheorie beschäftigt sich mit Kategorien, durch die Menschen eingeordnet werden als Frauen, Homosexuelle, Ausländer*innen, aber auch mit Vorstellungen, die wir mit dick, alt, arm oder behindert verbinden. Manchmal verstärken sich diese Zuschreibungen gegenseitig.

Queerpredigen, so habe ich meine Webseite genannt. Ich beleuchte Bilder von Gott jenseits gängiger Vorstellungen. Es wird Zeit, daß sich queere Personen endlich in der Kirche wiederfinden können, Menschen, die sich von Frauenfeindlichkeit und Homophobie abgestoßen fühlen, oder Leute, die sich für Körpermodelle, Frauenperspektiven, Männergeschichten (wie bei der Heilung des Gelähmten) oder Beziehungs- und Familienmodelle (wie in der Weihnachtsgeschichte) interessieren.

Auf dem Kirchentag in Dortmund 2019 war eine Rabbinerin zu Gast, die im Rollstuhl sitzt, eine Theologieprofessorin aus den USA. Sie hat erzählt, wie eine gehörlose Freundin und sie sich den Himmel vorstellen. Es geht ihnen nicht darum, hören oder gehen zu können. Niemand wird geradegebogen. Sondern im Himmel können alle dabei sein. Alle verstehen Gebärdensprache. Es gibt keine Bordsteinkanten, und wer im Rollstuhl unterwegs ist, kommt überall hin. Der Himmel als barrierefreier Raum für Kinderwagen, Rollator & Co.
So ähnlich träume ich von Kirche: nicht ausgrenzend, sondern solidarisch, inklusiv und barrierefrei für alle.

Tischrede auf dem Gastmahl „Frei:zeit für Geschlechtervielfalt“ am 27.9.2019 in Bremen

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