Feiern als Protest

Neulich war ich im Museum. „Berühren verboten“, „Bitte nicht anfassen“ steht meistens im Museum auf Schildern. Hier aber klebten an den Kästen Zettel „Bei Stillstand Knopf drücken“. Ein Museum zum Gucken, wo es ausdrücklich erwünscht ist, etwas in Bewegung zu setzen. Klar, es war im Erzgebirge, eine Heimatstube, in der die Leute sammelten, was sie im Ort selbst geschnitzt und gebastelt hatten. In den Vitrinen waren lauter Weihnachtsberge und Mini-Bergwerke ausgestellt, wo alles sich drehte, klopfte und hämmerte. Die Hirten auf den Feldern Betlehems hüten die Schafe, der Engel schwebt herunter und wieder hoch, die Könige ziehen vorbei, die Soldaten des Herodes hinterdrein, der 12-jährige Jesus sitzt im Tempel und diskutiert mit den Schriftgelehrten, die die Köpfe auf und ab neigen und die Armen heben. Dazwischen Leute, die sägen, angeln und zur Kirche gehen. Alles angetrieben von unzähligen Rädern und Riemen. Bei Stillstand bitte Knopf drücken. Das tat ich eifrig und hatte meinen Spaß. Sonst ist ja viel zuviel verboten. Außerdem fand ich den Spruch hintersinnig, vor allem wenn ich an die DDR dachte, an den Stillstand der 80-er Jahre, die starre Linie der Partei, die unbeweglichen Funktionäre, über die die Leute immer mehr gelästert haben. Bei Stillstand Knopf drücken. Welche Mienen werden die Genossen dazu gezogen haben – aber vielleicht haben sie den Witz gar nicht bemerkt, mit dem ihr System leise verspottet wurde.

Wir haben eben gehört, was sich auf der Hochzeit in Kana zugetragen hat. Jesus feiert mit. Als es knapp wird, verwandelt er Wasser in Wein. Also ein Asket war er nicht. Es ist die erste Begebenheit, die im Johannesevangelium von ihm erzählt wird. Bei seinem ersten Wunder heilt er niemanden, bekehrt niemanden, sondern trägt etwas zum Fest bei. Und das letzte Essen von ihm, das war auch ein Fest. Das Abendmahl am Gründonnerstag war eigentlich ein Passafest. Es gab gebratenes Lamm, Gemüse, Brot und Wein.

Am Anfang und am Ende ein Fest. Jesus hat gefeiert. Er hat sich mit Leuten an den Tisch gesetzt, Brot ausgeteilt Weinbecher herumgeteilt, ja Wasser in Wein verwandelt. Sollte es da nicht viel zu lachen gegeben haben? Es ist so fröhlich mit Jesus zugegangen, daß an ihm als Schimpfwort hängengeblieben ist: Fresser, Weinsäufer. Wie ernst es in christlichen Kirchen und Gottesdiensten manchmal zugeht, hätte ihn sicher sehr verwundert, ebenso was im Namen des Christentums; in seinem Namen, alles so verboten wurde. Bei Stillstand Knopf drücken. Es ist erlaubt. Bei Jesus gab es Wein, Brot, Segen. Am Brotausteilen haben ihn die Emmaus-Leute erkannt am Ostermontag.

Ein Zauberkünstler, der Wasser in Wein verwandelt und den Leuten ein Staunen ins Gesicht zaubert.   Welches waren Ihre schönsten Feste? An welche Feste erinnern Sie sich besonders? Wie feiern Sie heute? Richtig schön feiern will gelernt sein.

Ein Fest wird noch nicht zum Fest, indem viel Essen und Getränke auf den Tisch gestellt werden. Das kann auch schief gehen. Leute sind nicht in Stimmung, fangen an zu streiten oder nörgeln herum.   Es ist nicht damit getan, einfach viel Essen auf den Tisch zu stellen. Eine meiner ersten Goldenen Hochzeiten war ein Ehepaar, die 1945 oder 1946 geheiratet haben. Sie haben mir erzählt, wie wenig da war und wie sie trotzdem gefeiert haben.

Christlicher Glauben ist keine Religion des Verbietens. Freizügige Kleidung tragen, Alkohol trinken, Abtreibung – es ist erlaubt und muß erlaubt bleiben. Auch wenn wir es selbst nicht mögen oder geschmacklos finden – respektlose Karikaturen zeichnen, Theaterstücke, die sich kritisch mit Religion auseinandersetzen. Ich muß es ja nicht tun. Wir sind frei und können anderen ihre eigene Freiheit einräumen. Auf unseren Gemeindefesten gibt es Wein und Bier, ganz bewußt. Im Kirchenblättchen heben die SeniorInnen am 11.11. die Eierlikör-Becher. Gleichzeitig nehmen wir beim Abendmahl Rücksicht auf Kinder und Kranke, es gibt nur Traubensaft, niemand muß sich outen. Wir dürfen, niemand wird gezwungen.

Für Jesus gleicht Gottes Welt einem Fest. In seinen Beispielgeschichten erzählt er immer wieder davon. Wenn er selbst gefeiert hat, ging es nicht darum, ständig Party zu machen, auf der faulen Haut zu liegen, wenn andere sich abrackern. Ich glaube, es war eher eine Lebenseinstellung. Gerade weil die Leute bitter arm waren feiert er mit ihnen. Sozusagen als Zeichen: Laßt euch nicht unterkriegen. Laßt euch eure Lebendigkeit, euren Mut, eure Freude nicht nehmen. Trotzt der Armut, trotzt den römischen Soldaten, die euer Land besetzt haben.

Feiern, fröhlich sein, leben als Widerstand, als Protest. Die 68-er hätten gesagt. es ist eine Aktionsform, ein Happening. Ein Feier-in. Jesus hat am Gründonnerstag das Passahmahl zelebriert, obwohl er verfolgt wurde. Jesus hat den Verräter mit eingeladen und so dem Verrat getrotzt. Er hat ein Fest veranstaltet, obwohl der Tod vor der Tür stand.

Am letzten Wochenende haben Hunderttausende dem Terror getrotzt und sind auf die Straße gegangen für Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, Menschenrechte. Die Liebe ist stärker als der Haß, das Leben ist stärker als der Tod. Bei Stillstand Knopf drücken. Griesgrämig und mißmutig sein, das können alle. Auf Fehler mit Humor antworten, ein gutes Klima schaffen, lachen statt schreien, Witze erzählen statt im Gleichschritt marschieren und brüllen, das ist mutiger und führt weiter. Wir können von der Lebenseinstellung von Jesus lernen und feiern, lachen, nicht um das, was uns bedrückt, zu verdrängen, sondern um ihm zu trotzen.

Jesus tanzt auf der Hochzeit, lacht und sorgt für Wein im Glas. Und er sagt: Eure Trauer soll in Freude verwandelt werden. Ihr weint und sollt lachen. Ich lebe und ihr sollt auch leben.

 

Predigt am 2. Sonntag nach Epiphanias über Johannes 2,1-11

Weitere Predigten in der Weihnachts- und Epiphaniaszeit: hier
Predigten in der Passions- und Vorpasssionszeit: hier
Predigten im Jahreslauf: hier

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