Silvester: Dornröschen oder Die Wahrheit macht euch frei

An Dornröschen wurden die Gaben der zwölf weisen Frauen erfüllt, denn es ward so schön, sittsam, freundlich und verständig, dass es jedermann, der es ansah, lieb haben musste. … Es geschah, dass an dem Tage, wo es gerade fünfzehn Jahr alt ward, der König und die Königin nicht zu Hause waren und das Mädchen ganz allein im Schloss zurückblieb. Da ging es allerorten herum, besah Stuben und Kammern, wie es Lust hatte, und kam endlich auch an einen alten Turm. Es stieg die enge Wendeltreppe hinauf und gelangte zu einer kleinen Türe. In dem Schloss steckte ein verrosteter Schlüssel, und als es ihn umdrehte, sprang die Türe auf, und saß da in einem kleinen Stübchen eine alte Frau mit einer Spindel und spann emsig Flachs.
Die Wahrheit wird euch befreien.
In diesen Tagen ziehen wir Bilanz. In den Zeitungen wird Rückblick gehalten auf die Ereignisse und Skandale des Jahres. Alles wird noch einmal durchgekaut, und auch wir halten Rückschau auf die letzten zwölf Monate, auf die Höhepunkte und die Tiefpunkte, auf die Freuden und die Enttäuschungen. Schnell ist es vergangen, zu schnell, finden die meisten. Schon wieder Silvester, schon wieder ein Jahr vorbei, schon wieder ein Jahr älter geworden. Eine Wahrheit, die wehmütig machen kann. Die Wahrheit macht frei? Eher macht sie uns unsicher. Manchmal möchten wir’s lieber nicht zu genau wissen. Die Wahrheit befreit, sagt Jesus, aber sie kann uns auch erschlagen. Oder bedrohen. „Sag die Wahrheit!“ So muss sich ein Kind vor den aufgebrachten Eltern rechtfertigen. Sag die Wahrheit, so wird ein Schüler, eine Schülerin vor der Klasse vorgeführt. Ein Graus. Welches Kind fürchtet dann nicht die hämischen Blicke der anderen, das Getuschel, die Schadenfreude, die inquisitorischen Fragen, wenn es sich rechtfertigen muss?

Die Wahrheit befreit, aber in den Zeitungen und im Fernsehen streiten sich die Experten über die Hintergründe des Klimawandels, über die Sicherheit vor Ansteckung, die Übertragungswege, oder die Hintergründe des Todes des kleinen Josef. Die einen behaupten dies, die anderen jenes. Welcher Wahrheit sollen wir als Laien denn dann noch glauben? Es verwirrt uns eher. Und wenn die Nachrichten überquellen von Katastrophen, Krieg, Konflikten, dann wird es uns einfach zu erdrückend. Wir können es oft nicht mehr aushalten und schalten einfach ab, weil die Wahrheit uns hilflos macht und wir uns ohnmächtig fühlen und auch ein wenig schuldig. Was können wir schon dafür, dass wir in einem reichen Land zur Welt kamen, und was trägt es aufs Ganze aus, wenn wir unser bisschen Müll fein säuberlich trennen in gelben Sack, Papiermüll und Glascontainer?

Die Wahrheit befreit, aber sie kann auch anklagen, so wie uns die Schatten der Vergangenheit irritieren, auch die Schatten der deutschen Vergangenheit. Gegen die Wehrmachtsausstellung, die Taten und Untaten deutscher Soldaten im 2. Weltkrieg dokumentierte, erhob sich ein Sturm von Protesten, denn viele haben sich angegriffen gefühlt. Es sei nicht die ganze Wahrheit, die da gezeigt wird.

„Guten Tag, du altes Mütterchen“, sprach Dornröschen, was machst du da? „Ich spinne“, sagte die Alte und nickte mit dem Kopf. „Was ist das für ein Ding, das so lustig herumspringt“, sprach das Mädchen, nahm die Spindel und wollte auch spinnen. Kaum hatte sie aber die Spindel angerührt, so ging der Zauberspruch in Erfüllung, und sie stach sich damit in den Finger. In dem Augenblick aber, wo sie den Stich empfand, fiel sie auf das Bett nieder, das da stand, und lag in einem tiefen Schlaf. Und dieser Schlaf verbreitete sich über das ganze Schloss: Der König und die Königin, die eben heimgekommen waren und in den Saal getreten waren, fingen an einzuschlafen, und der ganze Hofstaat mit ihnen… Rings um das Schloss aber begann eine Dornenhecke zu wachsen, die jedes Jahr höher ward, und endlich das ganze Schloss umzog…

Wenn wir hochsteigen aus den Niederungen des Alltags und von oben Rückschau halten, wenn wir in den Spiegel schauen und die frohen Stunden vorbeiziehen sehen und die bitteren und auch die schuldbeladenen, da kann das auch wehmütig machen, und die Wahrheit kann uns einen Stich versetzen.
Als Dornröschen hoch nach oben in den Turm stieg und die Spindel fand – das Geheimnis, das ihr Vater vor ihr verborgen hatte und das sie doch suchen und aufdecken musste -, als Dornröschen die Spindel fand, da hat sie sich gestochen und wurde wie tot. Die Wahrheit, die Spindel, ihre Wahrheit, hat sie verletzt und gelähmt. So sehr gelähmt, dass es aussah, als wäre sie tot. Diese Lähmung war so schlimm, dass auch ihre gesamte Umgebung davon angesteckt wurde.

Die Umgebung ist mitbetroffen. Das kennen Familien, in denen ein Partner alkoholabhängig ist. Er trinkt, aber die ganze Familie ist davon betroffen und leidet darunter. Er verleugnet es vor sich selbst, krank und abhängig zu sein. Er streitet es oft ab, wenn die Familie ihn daraufhin anspricht, schwankt zwischen Zerknirschung und Sucht. Und die Familie sucht den Schein zu wahren nach außen hin, niemand soll es mitbekommen, Verwandte und Nachbarn nicht, denn es wäre peinlich. Die Mutter deckt ihn, steckt ihm doch wieder Geld zu, und im Gespinst von Lüge und Nichtwahrhabenwollen kann sich eine ganze Familie verstricken. Die Dornenhecke wächst jedes Jahr höher.

Wenn Menschen die Wahrheit ihres Lebens bewusst wird, wenn sie die Falten zur Kenntnis nehmen, die sich eingegraben haben im Laufe der Jahre und die sie gezeichnet haben, dann erschrecken sie meistens erst einmal. Wenn sie ihr eigenes Ich im Spiegel sehen, dann kann es passieren, dass sie sich wie gelähmt fühlen. Und es kann wie eine Dornenhecke um sie herum wachsen. Niemand kommt an sie heran, und sie können nicht aus ihrer Haut heraus oder wollen es nicht oder beides. Sie igeln sich ein, sie machen sich zu. Sie sind nicht mehr erreichbar, sind nicht ansprechbar. Menschen, die mit einem Schicksalsschlag nicht fertig wurden, ziehen sich zurück, werden bitter und einsam.

Es kostet Kraft und Mut, der Wahrheit ins Gesicht zu blicken, der eigenen Wahrheit. Es heißt sich eingestehen, dass Träume zerplatzt und die eigenen Möglichkeiten beschränkt sind. Aber die Wahrheit tötet nicht, so wie ihr Stich Dornröschen nicht getötet hat. Vielleicht braucht es Zeit, um zu heilen und zu wachsen, vielleicht sogar eine halbe Ewigkeit, hundert Jahre. Sie ist der schwierigere Weg, aber sie hat die Chance zu befreien und zu klären.

In Südafrika wurde nach dem Ende der Apartheid auf Anregung von Bischof Desmond Tutu die Wahrheitskommission ins Leben gerufen. Die Täter sollten aussagen und selbst aufdecken können, und sie sollten endlich den Opfern und ihren Angehörigen ins Auge blicken und dem Leid, das sie angerichtet haben. Wer aussagte und Reue zeigte, sollte einen Antrag auf Amnestie stellen können. Indem die Täter ihre Verbrechen aufdeckten und ihre Schuld bekannten, sollten die Opfer Würde und Gerechtigkeit erfahren.

Erschütternde Szenen sollen sich in den Sälen der Kommission abgespielt haben und manchmal sollen selbst den Mitgliedern der Jury die Tränen gekommen sein. Manche haben nur ausgesagt, um sich vor einem Strafverfahren zu schützen, und ihre Reue war gespielt. Als die Wahrheitskommission ihren Abschlußbericht erstellt hat, war noch längst nicht alles aufgedeckt. Zur Versöhnung ist es ein weiter Weg. Aber für viele der Opfer war es wichtig, dass sie endlich Gehör fanden, in der Öffentlichkeit. Endlich konnten sie laut und vor allen erzählen, was sie oft jahrelang mit sich herum geschleppt haben. Endlich wurde ihren Berichten Glauben geschenkt.

Bittere Wahrheiten waren es, die sie hören mussten, entsetzlich besonders für die Angehörigen von Verschwundenen, wenn herauskam, was passierte, nachdem ihre Lieben abgeholt worden waren. Das hat die Wunden neu aufgerissen, aber endlich war es auf dem Tisch. Die schwärende Ungewissheit, die zermartert und zermürbet, sie hatte ein Ende. Und die Angehörigen konnten – oder mussten ? – nun endlich der ganzen Wahrheit ins Auge sehen. Das tut weh, aber sie bekamen erst so die Möglichkeit, zu trauern, abzuschließen, Ruhe zu finden und – langsam und mit Wunden, deren Narben immer zeichnen werden – neu anzufangen.
Ungewissheit kann schlimmer sein als die Wahrheit.
Die Wahrheit braucht nicht zu töten, so wie der Stich der Spindel Dornröschen nicht getötet hat. Sie kann lähmen. Aber sie kann auch befreien.

Therapeuten können davon erzählen, wie lange es manchmal braucht, dass ein Mensch zu sich selbst kommt und die Wahrheit entdeckt, die eigene Wahrheit: es tut gut, wenn endlich ausgesprochen werden kann, was jemand sich lange selbst verboten hat. Und sie können auch davon erzählen, wie befreiend das ist. Welches Fest, wenn sich ein Mensch aus seinen Hüllen herausschält und neu wird! Welche Kraft setzt das frei, welche Energie und Zuversicht und Hoffnung. Es ist bewegend zu erleben, wenn aus einem gedrückten Menschen ein fröhlicher wird, fähig, das Leben überhaupt zu bewältigen oder anders.
Die Wahrheit befreit. Es stellt sich eben heraus, dass sie keineswegs töten oder auffressen muss, sondern verwandeln und klar machen kann und verjüngen. Und manchmal kann sie so erfreulich sein wie ein schöner junger Königssohn.

Wie der Königssohn Dornröschen mit einem Kuss berührt hatte, schlug sie die Augen auf und blickte ihn ganz freundlich an. Da gingen sie zusammen herab, und der König erwachte und die Königin und der ganze Hofstaat, und sahen einander mit großen Augen an.

Wenn nach Silvester das neue Jahr los geht, der Alltag, das normale Leben, heißt das wieder auf den Boden kommen, so wie Dornröschen von ihrem Turm wieder herabgestiegen ist. Und anders als im Märchen endet die Geschichte hier nicht, sondern fängt eigentlich erst an.
Die Wahrheit macht frei, und da gibt es viel zu tun, im neuen Jahr, in unserer Stadt, in unserem Land, auf Gottes weiter Erde. Gott selbst kommt uns entgegen und überrascht uns und will uns erfreuen mit Wahrheit, die alles verändern kann. Göttliche Offenheit und Klarheit begleiten uns. Damit können wir durch das neue Jahr ziehen. Nicht nur wir wachsen in der Wahrheit, sondern die Wahrheit wächst in uns. Das möge Gott uns schenken, und dafür mögen wir offen und wach sein. Amen.

Silvester –  Predigt über Johannes 8, 31 – 36

Weitere Predigten in der Weihnachtszeit und zu Silvester: hier

Johannes 8, 31 – 36 (Bibel in gerechter Sprache):
31 Der Jude Jesus sagte zu den anderen jüdischen Menschen, die ihm glaubten: »Wenn ihr in meinem Wort bleibt, seid ihr wahrhaftig meine Jüngerinnen und Jünger, 32 und ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch befreien.« 33 Sie antworteten ihm: »Nachkommen Abrahams und Saras sind wir und wir sind niemals versklavt gewesen. Wie kannst du sagen: ›Ihr werdet freiwerden‹?« 34 Jesus antwortete ihnen: » Amen, amen, ich sage euch: Alle, die Unrecht begehen, sind in der Sklaverei des Unrechts. 35er Sklave und die Sklavin aber bleiben nicht bis in Ewigkeit in der Familie, das Kind bleibt bis in Ewigkeit. 36 Wenn also das erwählte Kind euch befreit, werdet ihr wirklich frei sein.

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