Silvester: Dornröschen oder Die Wahrheit macht euch frei

An Dornröschen wurden die Gaben der zwölf weisen Frauen erfüllt, denn es ward so schön, sittsam, freundlich und verständig, dass es jedermann, der es ansah, lieb haben musste. … Es geschah, dass an dem Tage, wo es gerade fünfzehn Jahr alt ward, der König und die Königin nicht zu Hause waren und das Mädchen ganz allein im Schloss zurückblieb. Da ging es allerorten herum, besah Stuben und Kammern, wie es Lust hatte, und kam endlich auch an einen alten Turm. Es stieg die enge Wendeltreppe hinauf und gelangte zu einer kleinen Türe. In dem Schloss steckte ein verrosteter Schlüssel, und als es ihn umdrehte, sprang die Türe auf, und saß da in einem kleinen Stübchen eine alte Frau mit einer Spindel und spann emsig Flachs.
Die Wahrheit wird euch befreien.
In diesen Tagen ziehen wir Bilanz. In den Zeitungen wird Rückblick gehalten auf die Ereignisse und Skandale des Jahres. Alles wird noch einmal durchgekaut, und auch wir halten Rückschau auf die letzten zwölf Monate, auf die Höhepunkte und die Tiefpunkte, auf die Freuden und die Enttäuschungen. Schnell ist es vergangen, zu schnell, finden die meisten. Schon wieder Silvester, schon wieder ein Jahr vorbei, schon wieder ein Jahr älter geworden. Eine Wahrheit, die wehmütig machen kann. Die Wahrheit macht frei? Eher macht sie uns unsicher. Manchmal möchten wir’s lieber nicht zu genau wissen. Die Wahrheit befreit, sagt Jesus, aber sie kann uns auch erschlagen. Oder bedrohen. Weiterlesen

Advertisements

Geburt und Gebären

Damals
  als Gott
  im Schrei der Geburt
  die Gottesbilder zerschlug
  und
  zwischen Marias Schenkeln
  runzlig rot
  das Kind lag.“                       
  (Kurt Marti, Gedichte am Rand)
Da feiern wir also heute Geburtstag – und wissen doch herzlich wenig über die Umstände dieser Geburt. Selbst wo sie stattfand, in Bethlehem oder doch anderswo, in Nazareth oder unterwegs, ist nicht sicher. Doch bei uns ist es ähnlich. An das Ereignis selbst können wir uns nicht erinnern. Niemand kann sich an die eigene Geburt erinnern. Das ist Sache der Mütter. Und für die Mütter ist jede Geburt ein Einschnitt und so eigen und unverwechselbar wie das Kind, das da zur Welt kommt. Die Mütter tragen das Wissen um die Geburt und den Schmerz eines jeden Kindes in sich. Weiterlesen

Weihnachten: Der Himmel ist leer, Gott ist auf die Erde gezogen

I

Unendlich weit spannt sich der Himmel. Die Sterne funkeln. Das Universum dehnt sich weiter aus, blitzschnell, oder es pulsiert, so wie das Blut in uns. Galaxien, deren Größe wir nur in Lichtjahren bemessen können, ziehen genauso auf ihren Bahnen wie all die winzigen Teile, die nur unser Gehirn zu erfassen mag, niemals unsere Augen: Elektronen, Neutronen und Neutrinos. Atome, die Hunderte von Jahren ihre Strahlung aussenden, bis sie zerfallen, und winzige Teilchen wie die Higgs, deren Existenz vor nicht einmal 2 Wochen im Europäischen Kernforschungszentrum in Genf bekanntgemacht wurden – jene Higgs, die dafür sorgten, daß das Universum zu Materie wurde, damals, als die Zeit geboren wurde. Weiterlesen

O Haupt voll Blut und Wunden: Einar Schleef und Sangerhausen

Karfreitage gibt es auch heute genug. Manchmal schreit die Ungerechtigkeit zum Himmel. Öfter noch wohnt das Leid im Verborgenen, zum Beispiel hinter der Klinkerfassade des Reihenhauses Mogkstraße 24. Hier wächst Einar Schleef (1944 – 2001) auf, der Maler und Theaterregisseur aus Sangerhausen. Ich glaube, seine Kindheit gleicht einem langen Karfreitag.
„… meinem Vater war es manchmal unmöglich, mich zu schlagen, obwohl er mich noch mit 20 schlug, ihm war es wurscht, er drosch und wurde nur so ruhig, ich stand einfach da, bewegte mich nicht vom Fleck, biß nicht meine Zähne zusammen, nein ich tat nichts, ich ertrug ihn, er würde schon erlahmen, so hatte ich Ruhe, der Rohrstock, der Ausklopper sank, ihn schmerzte es zuzuschlagen, keine Kraft mehr, ich war ihm gewachsen, das erlebte ich wie einen Sieg, ich empfand weder Demütigung noch Schmerz.“ Weiterlesen