Geburt und Gebären

Damals
  als Gott
  im Schrei der Geburt
  die Gottesbilder zerschlug
  und
  zwischen Marias Schenkeln
  runzlig rot
  das Kind lag.“                       
  (Kurt Marti, Gedichte am Rand)
Da feiern wir also heute Geburtstag – und wissen doch herzlich wenig über die Umstände dieser Geburt. Selbst wo sie stattfand, in Bethlehem oder doch anderswo, in Nazareth oder unterwegs, ist nicht sicher. Doch bei uns ist es ähnlich. An das Ereignis selbst können wir uns nicht erinnern. Niemand kann sich an die eigene Geburt erinnern. Das ist Sache der Mütter. Und für die Mütter ist jede Geburt ein Einschnitt und so eigen und unverwechselbar wie das Kind, das da zur Welt kommt. Die Mütter tragen das Wissen um die Geburt und den Schmerz eines jeden Kindes in sich.
Vielleicht hätte Maria gestaunt und wäre ein bisschen neidisch geworden, wenn sie hört, wie Frauen heute gebären können: als Wassergeburt, auf einem Gebärstuhl, mit Akupunktur zur Schmerzlinderung. Es gibt Geburtshäuser für eine sanfte Geburt und die Möglichkeit zur Hausgeburt.     Für die meisten Frauen sieht Geburt nach wie vor anders aus. Viele haben nicht einmal eine Hebamme. 500.000 bis 600.000 Frauen sterben weltweit in jedem Jahr an den Folgen von Schwangerschaft und Geburt.
Unser Leben beginnt mit Blut und Schleim, und so kommt Gott in diese Welt. Während Adam und Eva nach der Bibel aus Ton geformt oder aus einer Rippe gebaut wurden – was völlig wider die Natur ist -, wird Gott geboren. Gott ist so Teil aller Kreatur und mit allem Lebendigen verbunden.
Am Anfang sind alle gleich, die kleinen Lämmer, Kälber, Welpen, Fohlen oder Menschlein. Alle werden von ihren Müttern geboren. Alle kommen sie als hilflose Wesen zur Welt, müssen erst einmal nur gefüttert oder gesäugt werden, gewärmt, geschützt und umsorgt über eine mehr oder weniger lange Zeit. Was sie sonst in ihrem Leben brauchen, lernen sie erst später. Die Geburt verbindet die Tiere und die Menschen und auch Gott. Wenn unsere Mutter uns nicht neun Monate in ihrem Leib getragen und genährt hätte, wenn sie uns nicht unter Wehen und Schmerzen aus sich herausgetrieben hätte, so gäbe es uns nicht. Jedes lebende Wesen ist Sohn oder Tochter von. Margot, Tochter der Adelheid, Werner, Sohn der Edith, Agnes, Tochter der Martha, Jesus, Sohn der Maria, Tochter der Anna [hier Namen des Predigers / der Predigerin und aus der Gemeinde einsetzen].
Maria, Mutter von Jesus, Tochter von Anna. Wir werden hineingeboren in ein Netz von Beziehungen. Es trägt uns und engt uns ein, es bedeutet Leben empfangen und weitergeben, aber es schnürt auch ab und fesselt. Fäden werden von anderen gezogen, oft hängt eins am anderen. Gott begibt sich hinein in dieses Geflecht. Jesus wird hineingeboren in unsere vernetzte Welt, wird Teil davon und bringt doch Neues. Daß Jesus Teil dieses Netzes wird, beeinflusst das gesamte Netz. Wir sind mit Gott verbunden und Gott mit uns.
Maria durch ein Dornwald ging. Die Geburt ist ein mühevoller, schmerzlich langer Prozess. Er kann unterstützt oder erleichtert werden. Gänzlich abkürzen oder umgehen lässt er sich nicht, außer beim Kaiserschnitt. Dieser Prozess, die Geburt, gehört dazu und folgt eigenen Gesetzen. Niemand kann vorhersagen, wann sie beginnt und wie sie verläuft. Die Wehen setzen ein nach ihrer eigenen Zeit und mit einer Stärke, die nur sie kennen und die sich jedem Willen entzieht. Es ist eine geheimnisvolle Macht, die in der Frau wohnt und die sie doch nicht beeinflussen kann.
Bei Maria soll es auf dem Weg nach Bethlehem soweit gewesen sein. Keine ideale Zeit, sowenig wie bei vielen Frauen, die unterwegs gebären, auf der Flucht, im Straßengraben oder am Ackerrand. Die Kraft von Gottes Geist wird über dich kommen und dich überschatten, hatte der Engel ihr verkündet, damals, und nun überfiel sie Kraft und sie musste gebären; und das Heilige, das geboren wurde, wurde Gottes Sohn genannt, wie es der Engel gesagt hatte (LK 1,35).
Maria in den Wehen, die Fruchtblase platzt, das Köpfchen ist zu sehen, der Körper rutscht heraus, das Baby wird auf ihren Bauch gelegt, die Nabelschnur abgebunden und durchtrennt. Aus „eins“ wird zwei. Jesus kommt zur Welt. Gott wird Mensch. Viele Maler haben die Geburt Christi dargestellt. Doch eine richtige Geburt ist darauf nicht zu sehen. Sie haben stattdessen Anbetungsszenen gemalt, manchmal Maria im Wochenbett mit der Hebamme oder sogar Josef, der die Wochensuppe kocht. Auch auf unserem Altargemälde sehen wir eine junge Frau, die vor dem Jesusknaben in der Stroh-Mandorla kniet. Maria wirkt blond und frisch, keineswegs erschöpft. Die eigentliche Geburt ist ausgespart. Ist es wirklich nur die Scheu, Körperliches öffentlich zu zeigen? Beim Tod von Jesus gibt es diese Scheu nicht. Die Maler waren keineswegs befangen, den sterbenden oder toten Jesus realistisch darzustellen, mit Wunden und Schmerz. Ist für unsere Kultur das Sterben prägender und einprägsamer als das „Geborenwerden und Gebären“ (Ina Prätorius)?
Für Jesus ist es als erwachsener Mann sehr präsent und nah, was eine Frau während der Geburt erlebt: Schmerz, Abschied, Todesnähe, Angst, Freude. Hat es ihm Maria erzählt und hat er an sie gedacht, als er sich von seinen Jüngern verabschiedet: „Eine Frau, wenn sie gebiert, so hat sie Schmerzen, denn ihre Stunde ist gekommen. Wenn sie aber das Kind geboren hat, denkt sie nicht mehr an die Angst um der Freude willen, dass ein Mensch zur Welt gekommen ist. Und auch ihr habt nun Traurigkeit; aber ich will euch wiedersehen, und euer Herz soll sich freuen“ (Joh 16,21 f). Die Leiden, auf die er selbst zugeht, sind bei ihm die Geburtsschmerzen oder Wehen bei der Geburt einer neuen Menschheit. Vater, die Stunde ist da, betet er wenige Verse später (Joh 17,1).
Heute feiern wir Geburtstag. Jesus, so heißt es schon in der Bibel, ist der neue Adam, der neue Mensch. Maria wurde in der Tradition zur neuen Eva. Das Beziehungsgeflecht wird neu geordnet. Göttliches Erbarmen kommt aus dem Mutterleib zu den Menschen. Im Hebräischen gehören die Wörter für Erbarmen und Gebärmutter oder Mutterleib zusammen, racham und rächäm. Das Erbarmen Gottes wurde zum Schoß der Maria, der das kleine Baby Jesus in unsere Welt hineingleiten lässt. Das Geburtstagskind würde es vermutlicherweise für die beste Ehrung halten, wenn diese Geburt, das Geborenwerden und Gebären sich bei uns fortsetzt. Der schlesische Dichter Angelus Silesius (1624 – 1677)  hat es so ausgedrückt: „Wird Christus tausendmal zu Bethlehem geborn und nicht in dir: du bleibst noch ewiglich verlorn.“ (Cherubinische Wandersmann, I, 61)

 

Weihnachten 2011

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