Maria und Josef – eine Frauen- und Männergeschichte

Wenn zwei Menschen dieselbe Begebenheit erleben, werden sie sie dennoch ganz unterschiedlich erzählen. Sie erleben sie unterschiedlich, dem einen ist dies und der anderen ist das wichtig. Selbst mit der Weihnachtsgeschichte ist das so. Lukas und Matthäus erzählen sie völlig unterschiedlich.

Lukas erzählt von dem beschwerlichen Weg nach Betlehem, von der Geburt unterwegs, in der Fremde, von der Mutter, die keinen Raum hat für sich und das Kind und schließlich in einer Hütte ihr Kind gebärt. So ist es bei Lukas, und so machen es Frauen bis heute durch. Geburt irgendwo, am Wegrand, ohne schützende Atmosphäre.

Matthäus berichtet, wie Weise aus dem Osten einen Stern sahen und sich auf einen weiten Weg machten, der sie erst in die Hauptstadt Jerusalem und dann richtig nach Betlehem führte. Matthäus erzählt also von Leuten, die sich von einem Stern leiten lassen, von ihrer Intuition, die ihrem Inneren nachgehen. Sie greifen nicht nach den Sternen, wie es sonst eher den Männern zugeschrieben wird, nach Karriere, Reichtum und Macht. Sondern sie lassen sich darauf ein, loszulassen und zu suchen, und sie landen schließlich ganz woanders, als sie es sich vorgestellt haben. In einem Stall finden sie das Kind, vielleicht auch das Kind, das sie verloren haben, das Kind in sich.

Genauso unterschiedlich berichten sie über die Vorgeschichte der beiden, wie dieses Kind entstand und wie unterschiedlich beide den Beginn der Schwangerschaft erlebt und darauf reagiert haben. Lukas erzählt uns Marias Geschichte, und die ist anders als die von Josef.

Maria wird schwanger. Wie ist es, wenn eine Frau mitbekommt, dass sie in anderen Umständen ist? Freude? Schreck? Gemischte Gefühle? Langsam aufsteigende Angst? Erleichterung nach langem Warten? Abwehr? Verlorensein? Befriedigung? Last? Erfüllung eines langgehegten Traums? Eine Frau erlebt das Werden eines Kindes tief in sich, in ihrem Körper, ein Mann eher von außen. Wie reagiert ein Mann, wenn er erfährt: ein Kind ist unterwegs?

Nicht alle Kinder sind erwartet oder herbeigesehnt. Wie geht es einer Frau, wenn sie merkt, dass sie ungewollt und ungeplant schwanger wird? Wie reagiert ein Mann – noch dazu wenn er weiß, dass das Kind nicht von ihm ist?

Denn so erzählt es die Bibel. Josef war nicht der Vater. Jesus hat keinen Vater, ist ein vaterloses Kind. Gott ist der Vater. Gottes Geist hat Maria angerührt und in ihr wunderbare Vorgänge ausgelöst. So erzählt es die Bibel, sicher mit dem Ziel, dass in Jesus Gott selbst zu uns gekommen ist, Mensch und Gott zugleich. Ein eigenes Thema, die sogenannte Jungfrauengeburt hängt damit zusammen.

Für die spätere Legende ist klar, dass Maria sehr jung gewesen sein soll, ein halbes Mädchen noch. So haben die Maler sie auf unzähligen Bildern dargestellt. Also ein Teenie. Bis zur Hochzeit war es damals selbstverständlich, dass eine junge Frau bei ihren Eltern wohnte.

Josef, Zimmermann, soll der Legende nach älter gewesen sein. Sie waren verlobt, das bedeutete so gut wie verheiratet, nur noch die Hochzeit stand aus. Rückzug war praktisch ausgeschlossen. Und dann, jung, unschuldig, unerfahren, wie Maria war, sicher auch unaufgeklärt, passiert Folgendes:

(Sprecherin:) Marias Geschichte

Gabriel, ein Engel, tauchte plötzlich bei Maria auf: Sei gegrüßt, Begnadete. Gott ist mit dir.
Maria erschrak sehr und dachte: Wie begrüßt er mich! Der Engel sagte: Hab keine Angst. Du wirst schwanger werden und ein Kind bekommen, Jesus, Gotteskind. Maria wie ihn zurück: Wie soll das denn gehen – ich weiß doch überhaupt von keinem Mann! Gottes Geist wird dich anrühren, klärte der Engel sie auf. Für Gott ist nichts unmöglich. Maria entgegnete schließlich: Ich bin Gottes Magd, mir geschehe, wie du gesagt hast. Nur Tage später ging Maria fort von zu Hause, weit weg. Weg von den Eltern, weg von Josef, weg aus der Kleinstadt, allein zu Fuß über ein Gebirge. Sie ließ sich von einer entfernten Verwandten aufnehmen, Elisabeth, die ebenfalls ein Kind erwartete.

Erst nach einem Vierteljahr kam sie wieder nach Hause. Marias Geschichte: überrumpelt, erschrocken, entsetzt: wie soll das gehen, wie soll das werden, ich weiß doch überhaupt von keinem Mann. Am Ende zustimmend: mir geschehe, wie du gesagt hast. Ein Konglomerat von widersprüchlichen Gefühlen und Gedanken – wie das eben ist, wenn alles so plötzlich kommt, so völlig anders als erwartet.

Es ist kein Wunder, dass Maria erst einmal Zeit brauchte und Abstand, um das alles zu ordnen und zu verdauen. Sie musste ‚raus, suchte die Nähe einer anderen Frau, einer, die ihre Lage verstehen und sie aufnehmen und bergen kann, wo ihre Gefühle ein Zuhause finden können – Elisabeth.

Übers Gebirg Maria ging, heißt ein weihnachtlicher Chorsatz über diese – ja fast Flucht. Maria durch ein’ Dornwald ging ein anderer. Darin klingt etwas durch von dem Schmerz und dem Zwiespalt in ihrer Seele, aber auch davon, wie es weiterging: Da haben die Dornen Rosen getragen.

Bei Elisabeth kann sie bei sich ankommen, dort kann sie sich dem öffnen, was in ihr wächst. Und im Schutzraum der Begegnung mit der anderen Frau wachsen erstmals Worte der Freude auf ihren Lippen, der sog Lobgesang der Maria über einen Gott, bei dem alles anders wird: Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes.
[Chor: Maria durch ein Dornwald ging]

(Sprecher:) Josefs Geschichte

Als sie verlobt waren, stellte es sich vor der Hochzeit heraus, dass Maria schwanger war. Josef aber war fromm und wollte Maria nicht in Schande bringen. Er überlegte sich aber, sie heimlich zu verlassen. Nachts, als er träumte, tauchte plötzlich ein Engel auf und redete ihm zu: Hab Mut, Maria zu heiraten, es wird ein Gotteskind sein. Als Josef aufwachte, tat er, was der Engel ihm befohlen hatte, und nahm Maria zu sich. Er berührte sie aber nicht, bis sie das Kind geboren hatte.

Josefs Geschichte – auf den ersten Blick eine, wie Frauen sie immer wieder erlebt haben. Als sie schwanger wurde, wollte er sie sitzen lassen. „Er gedachte, sie heimlich zu verlassen.“ Das erleben wir manchmal in der Sozialarbeit. Wenn es konkret wird, weicht er aus. Wenn seine Hilfe, seine Nähe gebraucht wird, verdünnisiert er sich. Der abwesende Vater.

Und die Begründung: „Er war fromm und wollte sie nicht in Schande bringen.“ Er wollte sie nicht in Schande bringen. War es nicht eher umgekehrt? Schimpf und Schande drohte ihr, wenn sie allein war. Getuschel, Schadenfreude, giftige Blicke der Nachbarn: so eine gehört gesteinigt. Und das hätte ihr durchaus passieren können vor 2000 Jahren. Auch wenn wir heute solche Gesetze nicht mehr haben, der Makel der unehelichen Geburt ist geblieben bis weit ins 20. Jahrhundert hinein.

Er wollte sie nicht in Schande bringen. Oder: Alles nur zu deinem Besten, Maria. Auch wenn er dich jetzt allein lässt. Alles nur zu deinem Besten. Was kann dieser Satz alles verschleiern, die Motive ins Gegenteil verkehren und verklären. Wie oft ist schon mit diesem Satz erpresst worden. Alles nur zu deinem Besten. Sogar wenn ich jetzt mit dir Schluss mache. Du bist dumm, wenn du das nicht begreifst. Du wirst es schon noch merken.

Es musste erst ein Wunder geschehen, damit er sie nicht mit dickem Bauch sitzen lässt. Es musste erst jemand mit Engelszungen mit ihm reden, damit er bei ihr blieb, jetzt, wo sie ihn brauchte, vielleicht mehr und dringender als je zuvor.
Ein Engel erscheint im Traum. Ein Mann hört die innere Stimme, achtet auf den Traum. Josef lässt sich darauf ein. Ein Wunder?

Hier, auf den 2. Blick, entdecke ich eine andere Dimension von Josefs Geschichte: Die von Josef, der bei seiner Maria bleibt und zu ihr steht. Er nimmt sich der Frau und ihres Kindes an – selbst wenn es nicht seins sein sollte. Dieser Josef bleibt. Er übernimmt Verantwortung, auch wenn es schwer fällt. Das imponiert mir.

Es ist die Geschichte der Josefs, die heiraten – bis heute – , weil ein Kind unterwegs ist.

Früher wurde das ja erwartet. Heute gehört es nicht mehr zur Sitte, auch wenn sie sich ihr Leben und ihre Partnerschaft (und ihre Partnerin?) vielleicht anders vorgestellt hatten. Auch wenn die Beziehung unter keinem glücklichen Stern steht. War, ist solche Entscheidung richtig, nicht nur in puncto Selbstverwirklichung, sondern noch mehr wenn es um Partnerschaft geht, die tragfähig und belastbar ist, langfristig gesehen? Ist solche Entscheidung richtig auch, wenn Frauen heute rechtlich und finanziell für ihr Kind nicht mehr so auf eine Partnerschaft angewiesen sind? Maria jedenfalls hat es gebraucht. Es hat sie gerettet, hat ihr das Leben gerettet.

Josefs Geschichte kann im Zeitalter der Patchwork-Familien noch einmal ganz anders aktuell werden.

Kinder erleben, wie die Eltern sich trennen und neue Partnerschaften eingehen und wie die Rollen ineinander übergehen. Der Erzeuger als Vater spielt in immer mehr Familien gar keine Rolle mehr. Josef – der Leihvater, der Zieh-Vater, der neue Freund der Mutter, der Mann, der zu der Frau mit ihren Kindern zieht und für sie da ist als Freund, Kumpel, Ratgeber, Ruhepol und Liebhaber. Auf den Feldern Alimente, Umgangs- und Sorgerecht werden erbitterte Kämpfe ausgetragen. Könnte da dem Josef unerwarteterweise eine Vorbildfunktion zufallen? Josef als Modell für soziale Vaterschaft inmitten von Familienstrukturen, die sich wandeln?

Josef berührte Maria nicht, bis sie das Kind geboren hatte. Er muss seine Potenz nicht zwanghaft unter Beweis stellen und vorzeigen. Er kann warten und geduldig sein. Er muss sie nicht überrumpeln. Er kann darauf warten, dass die Frau kommt und bereit ist. Er kann darauf warten, was in ihr wächst, kann darüber staunen und sich von ihr bereichern lassen.

Geduld, Zuwendung, Verantwortung, es sind die sogenannten weichen, weiblichen Eigenschaften, die der Mann Josef in sich entdecken und entwickeln kann. Josef als ein Vertreter der neuen Väterlichkeit?

Wenn in der Kirche von Gott als Vater geredet wird, entdecke ich in dieser Väterlichkeit von Josef ganz neu und überraschend etwas von Gottes, und zwar ganz anderer, Väterlichkeit.

Maria und Josef – wie klingen ihre Geschichte in Ihrem Leben nach? Wir dürfen unsere Lebensgeschichten und –erfahrungen mit denen aus der Bibel vergleichen und verweben und in Beziehung setzen. So entsteht immer etwas Unkonventionelles und Eigenes. Dann bleiben die alten Geschichten aus der Bibel nicht mehr fremd, leblos oder weit weg. Wir können sie mit unserem Leben und mit unseren Geschichten durchtränken, können unsere Sehnsüchte und auch unsere Verletzungen in ihnen spiegeln.
Wenn wir unsere Erfahrungen in sie hineinlegen, werden wir erleben, dass sie unseren Erfahrungen zugleich Neues hinzufügen. Sie führen uns über das, was wir erlebt haben, hinaus.
Lassen wir uns von Maria und Josef an die Hand nehmen, wir werden Betlehem entdecken bei uns, das Kind in der Krippe. Dann werden wir Gott finden, der bei uns geboren wird in unseren Armen Zuflucht findet.

Weihnachten 2005

[Für die Predigt werden zusätzlich ein Sprecher, eine Sprecherin und ein Chor (Maria durch ein Dornwald ging) gebraucht.]

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