Tierweihnachten

Ich habe ein Schaf mitgebracht. Ein Schaf von den Hirten auf dem Feld. Zur Weihnachtsgeschichte gehören die Tiere dazu. Die Hirten haben in der Nacht ihre Herden bewacht. Schafherden. Sicherlich hatten sie auch Hunde dabei. Und im Dunkel der Nach verbarg sich vielleicht auch ein Tier, das hungrig war und gern ein Lamm gerissen hätte, ein Wolf, vielleicht auch ein Bär. Im Stall waren Ochse und Esel zuhaus. Der Esel würde bald noch einmal gebraucht werden, wenn Maria und Josef mit dem Kind fliehen müssten nach Ägypten, vor der Mordwut des Königs Herodes und seiner Soldaten. Und im Stroh des Stalles und in seinen vielen Ritzen hatte sich bestimmt noch eine ganze Anzahl Tiere eingerichtet: Mäuse, Flühe, Käfer und Spinnen – was sich in einem Stall eben so findet.
Ich habe ein Schaf mitgebracht, denn Schafe sind die einzigen, die in der Weihnachtsgeschichte in der Bibel vorkommen – und das auch nur indirekt. Es werden nur die Herden erwähnt; damit sind wohl Schafherden gemeint. Von anderen Tieren ist keine Rede, selbst von Ochs und Esel nicht. Trotzdem gehören sie für uns zur Krippe dazu. Und unzählige Legenden und Märchen erzählen, was mit den Tieren in der Heiligen Nacht geschehen sein könnte. Als die Hirten sich zum Stall aufmachten, soll den Schafen auf dem Feld nichts passiert sein. Ein Wolf verlor seine Raublust. Die Nachtigall sang dem Neugeborenen ihr Lied. Selbst der Floh im Stroh der Krippe machte sich aus dem Staub, um das Jesuskind nicht zu stören. Und der Esel auf der Flucht soll seine Last klaglos und behutsam getragen, ja wunderbare Kraft selbst aus den stachligen Disteln am Wegrand geschöpft haben. Stolze Tiere lernten Demut, böse wurden friedlich und die ängstlichen mutig. Geschundene und geschlagene Kreaturen wurden heil und der Glanz göttlichen Geschehens fiel besonders auf die Tiere, die sonst klein und unscheinbar und verachtet sind.
Der Friede der heiligen Nacht hat sich bis zu den Tieren ausgebreitet. Darin sind sich unzählige Legenden und Märchen einig. Der Friede umfasst alle Kreatur – auch die Kreatur. Die Schöpfung ist wieder eins mit sich. Zerrissenheit und Feindschaft sind aufgehoben. Die Erde kommt wieder ins Gleichgewicht.
Ich habe ein Schaf mitgebracht, denn noch leiden die Tiere unter uns: Versuchskaninchen und Laborratten. Niedliche Hunde und Katzen, die heute Abend als Weihnachtsgeschenk herhalten, um nach kurzer Zeit ausgesetzt zu werden. So manche knusprige Gans auf der Festtafel morgen Mittag hat nur qualvolle Tage gesehen, denn sie war eine Mastgans und wurde unter Schmerzen gestopft. Wir haben das Gefühl dafür verloren, was uns wirklich gut tut. Die Entfremdung von der Schöpfung macht auch uns krank. Die Vogelgrippe bedroht beide, Mensch und Tier, nicht nur in der Dritten Welt, im fernen Asien, sondern bei uns, im reichen Europa.
Zum Frieden gehört, dass wir Frieden mit der Schöpfung schließen. Das Glück liegt nicht in dem, was wir besitzen oder was wir noch alles gerne hätten. Unsere Seele wird nicht zufrieden, wenn wir dem billigsten Schnäppchen nachjagen. Indem wir das letzte aus uns selbst, aus der Erde herausholen, reiben wir uns nur selbst auf in Hektik und Stress. Die Welt wird nicht von Supercomputern gerettet und ein vollgestopftes Kinderzimmer kann sehr trostlos sein. Stattdessen sehnen sich viele Menschen nach Nähe; unsere Erde wartet auf Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit und darauf, dass wir unsere Überzeugungen leben.
Das Glück liegt im Einfachen. Wir können es wieder lernen, es dort zu suchen und zu leben. Das Glück ist so einfach und ursprünglich wie ein Kind, ja es ist das Kind in der Krippe. Das Lächeln des Kindes lässt uns zurückfinden zu uns selbst. Selbst der grimmige Wolf wird sanft, wenn das Neugeborene ihn anblickt, so wissen es die Märchen. Die Gesetze von Fressen und Gefressenwerden gelten im Stall von Betlehem einfach nicht mehr. Die Tiere haben gespürt, dass von dem winzigen Kind in der Futterkrippe ein Frieden ausgeht, der sie selbst – und damit die Welt – verändern kann.
Von Schafen hat das Kind, als es groß war, immer wieder geredet. Es hat sie mit den Menschen verglichen. Hat erzählt von einem Schaf, das sich verirrt hat und wiedergefunden wurde. Es hat erzählt von Hirten, die gut zu den Tieren sind. Er selbst, so hat er bekannt, würde sogar sein Leben riskieren, um sie zu retten, die bedrohten Schafe, die Menschenskinder in einer zerrissenen Welt. Was bei uns immer wieder auseinanderklafft, fand bei ihm zur Einheit. Denken und Handeln, Geben und Nehmen gingen ineinander über. Er war völlig eins mit sich selbst. Indem er intensiv menschlich war, haben die Menschen Gott in ihm entdeckt.
Glücklich werden wir nicht durch schicke Handys und Berge von Geschenken. Weihnachten wird ein erfülltes Fest, wenn es uns gelingt, dass wir in uns ruhen und uns verbunden wissen mit allem Lebendigen. Das Kind inmitten der Tiere kann in uns soviel Zärtlichkeit aufwecken, dass wir sanft miteinander umgehen und das Leben auf der Erde hüten, Mensch und Schaf.

Heiligabend 2006

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