550 Jahre Jacobikirche

Spielszene am 1. April 2007

Rat, Meister Heinrich, Altarleute

Rat: Meister Heinrich! Wir, der Rat von Sangerhausen und die Altarleute von St. Jacobi, haben euch rufen lassen. Wir wollen die Jacobikirche neu errichten. Ihr seht selbst (zeigt mit dem Arm auf den Altarraum), dieses alte Gebäude ist von 1271, manche sagen, es ist noch älter. Das Rathaus haben wir schon erneuert; das alte ist, wie ihr wisst, abgebrannt. Nun soll endlich die Jacobikirche drankommen. Dann kann sich Sangerhausen sehen lassen. (Als Kreisstadt!!)

Baumeister Heinrich?
Baumeister Heinrich?

Heinrich: Aber die Kirche ist im romanischen Baustil!
Altarleute: Reißt sie ab und baut sie neu, als gotische Kirche. Die Steine sollt ihr wiederverwenden.
Heinrich: Das wird einige Jahre dauern. Am besten, wir lassen den Altarraum noch stehen. So kann die Gemeinde dort noch eine Zeitlang Gottesdienst feiern.
Altarleute: Also beginnt mit dem Schiff. Brecht die alten Pfeiler ab. Setzt neue achteckige Pfeiler. Die Fundamente heben wir aus. Ihr dürft währenddessen keine andere Arbeit annehmen, es sei denn, ihr bekommt euer Geld nicht pünktlich.
Heinrich: Was ist denn der Lohn?
Rat: Für jede Elle Pfeiler in die Höhe 4 Schock zu je 20 Groschen. Hier ist der Vertrag.
Heinrich (studiert ihn und liest:) Meister Heinrich soll achteckige Pfeiler zu einer neuen Kirche hauen und setzen, …
die alten Pfeiler abbrechen, …
keine Arbeit an anderen Enden annehmen, es geschehe denn mit der Altarleute Wissen und Willen…
Heinrich nickt. Alle Seiten unterschreiben nacheinander.
Rat: April 1457. Rat zu Sangerhausen …
Altarleute: …und Altarleute von Sankt Jacobi …
Heinrich: Meister Heinrich.
Rat: Nun beginnt mit der Arbeit, in Gottes Namen.

Heinrich: So ging es also los. Diese Pfeiler haben wir als erstes gesetzt – und sie stehen heute noch, ja, (berührt) ich kenne jeden Stein und auch die, die sie behauen haben. Dann kamen die Mauern dran. Der Sandstein wurde aus der Nähe von Sangerhausen herangeschafft. Schließlich haben wir das prächtige Hauptportal mit der Torlaube errichtet. Wir haben die Symbole der 4 Evangelisten eingearbeitet.
Zwischenruf aus dem Publikum:           Und der Kopf?!
Heinrich: Ach, der Kopf, sagt ihr es ihm.
Altarleute: Ja, der Kopf am Fuße der Rippe, manche sagen, das soll er sein. Die Baumeister haben sich damals oft selbst verewigt. Aber schaut es euch selbst an.
Heinrich: Geschlagene 15 Jahre haben wir bis hierher gebraucht. Das Geld wurde immer wieder knapp, und im Winter ruhte die Arbeit wegen der Kälte. 1472 – endlich haben wir mit dem Portal angefangen, und wir haben über dem Eingang eine Tafel aus kostbarem Sandstein anbringen lassen …
Rat:  … die wir bezahlt haben. Dennoch, sie ist sehr schön und ein Kleinod unserer Stadt. Wartet, was steht doch gleich darauf:
Anno domini Millesimo quadrigentesimo septuagesimo secundo past feria secunda post Egidii haec structura est incepta.”       Ihr versteht wohl kein Latein??  Am Montag, 7. September 1472, wurde dieser Bau begonnen.   Schaut sie euch an!
Altarleute: Als das Portal endlich fertig war, wurde ein Fest gefeiert. In prächtigen Gewändern zogen alle ein: die Priester, der Rat, die Altarleute. Durch diese Torlaube sind sie übrigens auch später alle gern gegangen: die Hochzeitspaare in feinen Kleidern, Taufgesellschaften, Reiche und Arme.

Torlaube

Torlaube

Altarleute  Als das Portal endlich fertig war, wurde ein Fest gefeiert. In prächtigen Gewändern zogen alle ein: die Priester, der Rat, die Altarleute. Durch diese Torlaube sind sie übrigens auch später alle gern gegangen: die Hochzeitspaare in feinen Kleidern, Taufgesellschaften, Reiche und Arme.
Rat: Und natürlich der Stadtrat. Jedes Jahr wurde er neu gewählt. Und am Dreikönigstag war Aufzug des neuen Rates. Da war etwas los!
Heinrich: Jedenfalls 1473 waren Schiff und Hauptportal fertig. Dann ist lange, lange nichts passiert. Über 20 Jahre später ging es erst weiter, mit dem Altarraum. Und zum Schluß kam der Turm. 85 Jahre Bauzeit, bis 1542.
Das hab’ ich nicht mehr erlebt. Meine Nachfolger haben mein Werk fortgesetzt, gut und redlich, und haben noch vieles daran getan, nicht nur Bauleute, was dieses Gotteshaus im heutigen Glanz erscheinen lässt.
Rat: Seitdem haben sich die Zeiten sehr gewandelt. Die Sangerhäuser sind nicht mehr dem Papst untertan. Der Luther war die Ursache dazu, war nie hier, ist in Eisleben zu Tode gekommen, wohl auch geboren.
Auch in Sangerhausen sind die Mönche und Nonnen aus ihren Klöstern weggelaufen. Der Rat hat beschlossen, im Augustinerkloster eine Knabenschule einzurichten. Deshalb wurden dort viele Dinge nicht mehr gebraucht.
Heinrich. Da soll doch einiges in die Jacobikirche gekommen sein …?
Altarleute: Dort, der schöne Altar mit den 20 Heiligenfiguren.
Ja, und auch das Chorgestühl aus dem Kloster. Da haben die Mönche immer ihr Stundengebet gehalten – das passt perfekt hierher.
Heinrich: Und die prächtige Kanzel.
Altarleute: Sie ist herrlich geschnitzt, und der wundervolle Petrus soll im Küster Johann Metze ein echtes Vorbild gehabt haben. Der hatte auch solch einen großen Schlüssel.
Heinrich: Meine Pfeiler sind mit Weinlaub bemalt und mit Weintrauben.
Altarleute: Wir haben dabei an die Bibel gedacht. Jesus sagt: Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben.
Heinrich: Es sieht gut aus. Und dort oben an den Pfeilern sind noch die Vorsprünge zu sehen, die einmal das Gewölbe tragen sollten.
Altarleute: Doch das kostet!! Johann Andreas Bottschild und Johann Christoph Queck haben stattdessen Figuren dorthin gemalt. Sie sind wirklich täuschend echt. 1665 steht oben im Bogen. Damals wurden auch die Emporen eingebaut.
Heinrich: Die Orgel ist ein Prunkstück! …
Rat: … und teuer!
Altarleute: Zacharias Hildebrandt war in dieser Gegend einige Jahre tätig. Vorher hat er in Leipzig mit Bach zusammengearbeitet. Von Leipzig aus ist er nach Sangerhausen gezogen. Heute ist es ja umgekehrt. Aber damals sind die Sachsen zu uns gependelt. Früher soll Sangerhausen fast eine Residenz gewesen sein. Und die Regierung, also der Herzog Christian, machte viel Geld für die Kultur locker. Sein Name steht auch auf der goldenen Inschrift über dem Spieltisch.
Rat:
Die Orgel ist Gott geweiht,
damit sie die Ehre Gottes fördere, den Gottesdienst schmücke, die Trägen zum Loben bringe, die Traurigen mit süßem Ton aufheitere.
Sie wurde vollendet im Jahr 1728 unter dem seines Namens würdigen Fürsten Christian.
Wer sie hört oder sieht, sei selbst ein lebendiges Werk Gottes in diesem Leben – und stimme im anderen Leben laut ein in die Chöre der Engel. Halleluja.
Altarleute: 1908 klingende Pfeifen, 2 Manuale und Pedal. Dass sie zur Freude der Menschen und zur Ehre Gottes noch heute erklingt …
Heinrich: … das habe ich eben gehört.  (schaut sich im Altarraum um:)
Hier vorn sind viele Gräber, von Pfarrern, Bürgermeistern, Honoratioren. Aber diese drei Fenster sehen moderner aus.
Altarleute: Wilhelm Schmied war ein Sangerhäuser Maler. Von ihm stammen die Sgraffitos in der Westsiedlung und das Mosaik im Bahnhof. Vielleicht hat er schon 1952 gemerkt, dass viele Leute gar nicht mehr wissen, was die kirchlichen Feste eigentlich bedeuten. Ostern, Weihnachten, Pfingsten. Hier können sie es ganz einfach sehen: Weihnachten – der Stern über der Krippe. Die betenden Hände am Kreuz – Karfreitag und Ostern. Und zu Pfingsten kommt der Heilige Geist als Taube – sie hat einen Ölzweig im Schnabel, Zeichen des Friedens für die Erde. Das war nicht nur nach dem 2. Weltkrieg aktuell, sondern auch heute.
Heinrich: Wir haben vor 550 Jahren den ersten Stein gesetzt. Wie schön, dass diese Mauern immer noch stehen und dass sich Leute in dieser Kirche versammeln. Und wie schön, dass sich seitdem auch vieles verwandelt hat. Denn Veränderung hält auch die Kirche lebendig.

Spielszene am 1. April 2007 zum 550-jährigen Jubiläum des Baubeginns der Jacobikirche

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