Fußwaschung am Gründonnerstag: Rollentausch

Jesus wäscht seinen Jüngern die Füße. Diese Geschichte wird nur von Johannes erzählt. Sie steht bei ihm an der Stelle des Abendmahls. Sie hat für ihn also einen so hohen Stellenwert wie das Abendmahl. Was kann das bedeuten?
Anderen die Füße waschen, das war in der Antike eine Tätigkeit für Sklaven und Frauen. Es drückt eine Hierarchie aus. Jesus tut Frauenarbeit.

In unserer Kirche ist dieses Ritual fast vergessen. Manche kennen aus dem Fernsehen, wie der Papst am Gründonnerstag zwölf Männern die Füße wäscht. Aber es sind ausgewählte Männer, es ist nicht wirklich die Gemeinde. Der Akt ist nur symbolisch. Doch die Täufer der Reformationszeit, die Mennoniten pflegen diesen Brauch bis heute. Mir ist aufgefallen, dass Gemeinde für sie eine andere Rolle spielt als in der lutherischen Tradition. Bei den Lutheranern ist wurde die Kirche bald zur Staatskirche; als Amtskirche erscheint sie manchmal noch heute. Die Pfarrer wurden zu Beamten. Feste Befugnisse und Regelungen wurden wichtig.

Für die Mennoniten hat die Gemeinde und das Priestertum aller Gläubigen einen hohen Stellenwert. Und bei der Fußwaschung haben sie die Erinnerung bewahrt, dass alle gleich sind. Alle dienen einander und alle empfangen voneinander. Sie haben diese Tradition bewahrt durch die Jahrhunderte, unter Verfolgung und in Freiheit. Wenn sie Abendmahl feiern, dann waschen sie einander die Füße – wie Jesus. Sie werden einander zu Jesus. Sie werden einander zu Petrus.
Die Mennoniten haben dieses Geschenk der Tradition bewahrt. Andere Kirchen haben es durch sie neu entdeckt oder von ihnen übernommen. Ich habe in den USA erlebt, wie die Fußwaschung wieder in Gemeinden hineinwandert und bei Anglikanern, Methodisten, Lutheranern, Siebenten-Tags-Adventisten praktiziert wird. Während wir am Gründonnerstag oft Tischabendmahl feiern, waschen sie einander die Füße.

Lied EG 553: Wer leben will wie Gott auf dieser Erde

Könnten wir das – einander die Füße zu waschen? Es ist ungewohnt, Schuhe und Strümpfe auszuziehen, barfuss zu sein und die Füße zu entblößen. Wir tun es nur beim Arzt, bei der Schwester oder in der Fußpflege. Bei anderen ist es uns ungewohnt zu zeigen: Hornhäute und Schwielen, Verwachsungen, Druckstellen, Narben, Hühneraugen, schmerzende Stellen.

Füße zeigen unser Alter, unsere Geschichte. Sie erzählen von den vielen Wegen, die wir im Leben gegangen sind, über Stock und Stein. Sie legen die Spuren offen, die das Leben an uns hinterlassen hat. Wer unsere Füße sieht, sieht etwas von uns. Vielleicht fürchten wir auch, wir könnten riechen, andere abstoßen oder sogar anstecken.

Fußwaschung lädt ein, dass wir das Ungewohnte geschehen lassen und uns dort berühren lassen. Fußwaschung sagt: Lass es zu, dass dich ein anderer, eine andere sieht. Lass dich anfassen, lass dich streicheln von einem anderen Menschen.
Berührt werden – danach sehnen wir uns. Vielleicht fürchten wir uns aber auch davor. Uns zu öffnen, uns einem anderen Menschen in die Hände zu geben, jemanden so nah an uns heranlassen, das kann auch Angst machen.

Was ist meine Angst? Was ist meine Last? Was drückt mich? Welche Bürde, welche Sorge schleppe ich mit mir herum?
Wir dürfen sie ablegen. Jesus lädt uns ein, dass wir unsere Angst loslassen, dass wir uns selbst loslassen. Jesus lädt uns ein, dass wir uns fallen lassen. Es sind Hände da, die uns auffangen und zärtlich zu uns sind. Es sind die Hände von Jesus, die uns umfangen.

Lied EG 630: Fürchte dich nicht, gefangen in deiner Angst

Jesus wäscht Petrus die Füße. Er kniet sich hin. Er tauscht die Rolle von Herr und Sklaven. Wo kämen wir da hin, wenn alles aus seiner Ordnung geriete, wenn oben und unten vertauscht würden, die Oberen unten landeten und die, die unten sind, obenauf wären?? Petrus protestiert. Er protestiert nicht nur deshalb. Es ist ein Rollentausch auch für Petrus selbst. Wer sich die Füße waschen lässt, wird wieder klein, wie ein Kind. Oder ist auf Hilfe angewiesen, wie jemand Krankes. Der starke Petrus, er soll jetzt sitzen bleiben. Er soll jetzt nicht stark sein, er soll diesmal kein Fels sein. Er darf ein anderer Petrus sein. Er darf seine andere Seite annehmen und zeigen. Er darf loslassen, geschehen lassen, sich einem anderen in die Hände geben, sich berühren und streicheln lassen. Fußwaschung ist – wie vieles andere im Leben – beides: geben und nehmen. Es ist vor allem auch annehmen. Was fällt mir leichter: Gutes tun oder Zuwendung annehmen? Was ist die größere Herausforderung für mich – zu geben oder anzunehmen?

Jesus lädt ein, dass wir annehmen. Er gibt sich hin. Es ist dieselbe Hingabe wie beim Abendmahl. Es ist dieselbe Hingabe wie am Kreuz.

 

Andacht am 5.4.2007 (Gründonnerstag) zur Fußwaschung bei Johannes 13,1-15 .34-35

Weitere Predigten in der Passions- und Vorpassionszeit: hier
Predigten im Jahreslauf: hier

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