Ernst Orphal – Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus

Pfarrhaus

Im Pfarrhaus der Jacobikirche hat 1932 bis 1943 Pfarrer Ernst Orphal gewohnt.  Eine Gedenktafel weist auf ihn hin. In der Zeit des Nationalsozialismus haben sich auch in der Kirche viele an die nationalsozialistische Ideologie angepaßt. Die Deutschen Christen wollten christlichen Glauben vom jüdischen Erbe abtrennen. Das Amen in der Kirche sollte nicht mehr gesprochen werden, es war jüdisch. Konfirmanden sollten in HJ-Uniform zum Konfirmandenunterricht erscheinen. SA-Abteilungen marschierten geschlossen mit Fahnen in den Gottesdienst. Pfarrer stellten sich in SA-Uniform vor den Altar. Ernst Orphal gehörte nicht dazu. Er schloß sich 1935 der Bekennenden Kirche an. Hier lebte und arbeitete er mit seiner Frau und seinen fünf Kindern. Im Pfarrhaus traf sich ab 1935 eine Gruppe von Gemeindemitgliedern, die ebenfalls der Bekennenden Kirche („BK“) angehörten. Das ging nicht ohne Konflikte ab.

Kollektenkasten

Am Eingang der Jacobikirche stehen Kästen für die Kollekte. Sie ist jeden Sonntag für einen anderen Zweck bestimmt. Die Bekennende Kirche sammelte eigene Kollekten. Sie mußte sich ja ebenfalls finanzieren. So gab es zwei Kollektenpläne: den offiziellen der Landeskirche und den der Bekennenden Kirche. Wenn die Leute nach dem Gottesdienst hinausgingen, mußten sie sich entscheiden: Wohin stecke ich mein Geld: in den der Landeskirche, die sich anpaßte, oder der Bekennenden Kirche. Pfarrer Orphal verteidigt das gegenüber seinem Vorgesetzten, Superintendent Franckh:

„Ebenfalls richte ich mich nach dem Kollektenplan der Bekennenden Kirche… Es kann wohl keinem Bekenntnispfarrer zugemutet werden, gegen seine Überzeugung um Gaben für eine deutsch-christliche Anstalt, Verband oder dergl[eichen] zu bitten. Auch das ist ein Teil der Verkündigung. Die von mir erbetenen Gaben werde ich an die zuständige Stelle abführen. Diese äußeren Dinge sind nicht von dem inneren Anliegen der Bekennenden Kirche zu trennen, wie ja eine kirchliche Verwaltung überhaupt nur dann einen Sinn hat, wenn die Kirche selbst auf dem Boden des Bekenntnisses steht… Da dies bei der deutsch=christlichen Reichskirche längst nicht mehr der Fall ist, so ist damit der ganze äußere Verwaltungsapparat hinfällig.“ „Die Entscheidung, in die heute die gesamte Evangelische Kirche in Deutschland gestellt ist, können und dürfen wir auch den Gliedern unserer Jacobigemeinde nicht ersparen. …“ (Brief vom 30.8.1935 an Superintendent Franckh)
Konfliktstoff in der Jacobigemeinde – und mit dem nationalsozialistischen Staat.

Im Matthäusevangelium stärkt Jesus Menschen, die verfolgt werden, den Rücken: „Fürchtet sie nicht! Es gibt nichts Verhülltes, was nicht aufgedeckt werden wird, und nichts Verborgenes, was nicht bekannt wird. Was ich euch in der Dunkelheit sage, das sagt im Licht. und was euch ins Ohr geflüstert wird, das verkündet von den Dächern. Ängstigt euch nicht vor denen, die den Körper töten. Das Leben aber können sie nicht vernichten.“ (Mt 10, 26-28a)

Es wurde viel geflüstert unter den Nazis, und es wurde viel denunziert. Pfarrer Orphal hat das Schweigen gebrochen und für seine Überzeugung gekämpft. An wen die Kollekte abgeführt wurde. An wen die Dienstpost geht – an den Superintendenten oder die Bekennende Kirche. Wer den Vorsitz im Gemeindekirchenrat hat und damit auch die Tagesordnung bestimmt. Wer zeichnungsberechtigt ist für das Gemeindekonto, Protokollbuch und Gemeindesiegel führen darf.  Orphal ist Gemeindekirchenratsvorsitzender und verteidigt seine Rechte. Doch zuerst wird ihm ein Finanzbevollmächtiger vor die Nase gesetzt, zwei Jahre später wird ihm der Vorsitz entzogen. Die Kirchenleitung entzieht ihm ihren Schutz. Mehrfach wird er verhört und inhaftiert. Krank und erschöpft stirbt er im Januar 1943.

Es gibt nichts Verborgenes, was nicht bekannt wird. Und was euch ins Ohr geflüstert wird, das verkündet von den Dächern.“  Orphal war in Sangerhausen nicht der erste, der in der Kirche den Mund aufmachte, und er war nicht der einzige, der Konsequenzen trug. Schon seit mehreren Jahren wirkte an der Ulrichkirche Pfarrer Erich Gubalke. Der hat sich schon in den 1920-er Jahren deutlich positioniert. Hitler ist ein Psychopath, schrieb er in seiner Zeitschrift „Die Unruhe“. Gubalke wurde schon im Sommer 1933 mit Predigtverbot belegt und mußte Sangerhausen verlassen. Dem Buchhändler Alban Hess ist es zu verdanken, dass die Bekennende Kirche in Sangerhausen Fuß gefaßt hat (er wanderte ins KZ). Orphal bekannte sich erst 1935 öffentlich dazu. Im Gemeindekirchenrat hielten zwei Mitglieder zu ihm. Sie führten ihre Kirchensteuer nicht an das Finanzamt ab, sondern überwiesen sie an die Bekennende Kirche (und handelten sich dafür fast Gerichtsverfahren ein). Die Gemeindesekretärin Gertrud Trautmann tippte Rundschreiben der BK ab und schaffte belastendes Material aus dem Pfarrhaus, wenn eine Durchsuchung kam. Ein Netz von Leuten hielt also zusammen.

Ernst Orphal (1890-1943)

Dennoch – in der Gemeinde waren sie eine Minderheit. Auch im Gemeindekirchenrat werden viele „Pg“ gewesen sein, sich angepaßt haben oder davon überzeugt, zu einem besseren Volk zu gehören. Ich war erschrocken, als ich eine dienstliche Postkarte von Ernst Orphal fand. Er hatte sie mit „Heil Hitler“ unterschrieben. Dieser Gruß war zwar vorgeschrieben. Aber als Pfarrer hätte er Schlupflöcher finden können. Es schmerzt, dass er es nicht getan hat. Vielleicht hatter einfach nicht die Kraft, ein weiteres Konfliktfeld aufzumachen. So widersprüchlich können Menschen sein.

Am 27. Januar ist Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus. Kränze für die Opfer werden niedergelegt, der Bundestag hält eine Gedenkstunde. Auch in Sangerhausen haben in den 1930-er Jahren viele Leute begeistert Fahnen geschwenkt und dem Diktator zugejubelt. Nur wenige haben tatsächlich konsequent Widerstand geleistet. An Ernst Orphal sehe ich, wie Menschen sich trotzdem nicht völlig eingefügt haben oder mitgelaufen sind, auch mit allen ihren Widersprüchen und inneren Grenzen. Orphal hat sich entschieden, seinem Gewissen zu folgen. Er hat, was ihm in seiner Position möglich war, getan. Wenn das damals alle an ihrer Stelle – wenigstens ansatzweise – getan hätten, wäre Geschichte anders verlaufen.

Wir können die Geschichte im Nachhinein nicht verändern, so sehr wir uns das manchmal wünschen. Aber: wir können Verantwortung für die Gegenwart übernehmen. Wir können uns dafür starkmachen, daß niemand diskriminiert wird und daß alle Menschen die gleichen Rechte und die gleiche Würde erfahren. Gott hat uns diese Welt anvertraut. Wir können dafür sorgen, daß es auf ihr menschenfreundlich und gerecht zugeht.

 

Predigt zum Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar über Matthäus 10, 26-28

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