Krank? Selbst schuld!

Wer hat gesündigt, er oder seine Eltern, dass er blind geboren wurde? *  Ich habe mich früher immer über diese Frage gewundert. Was hat denn Sünde damit zu tun, dass jemand krank ist? Wie rückständig ist das denn? Damals wussten die Menschen eben noch zu wenig über die Krankheiten und haben sie auf übernatürliche Ursachen zurückgeführt.

Inzwischen denke ich anders, wenn ich mich durch Gesundheitszeitschriften blättere. Im Gegenteil, die Frage scheint mir hochaktuell zu sein. Je mehr die Wissenschaft über die Krankheiten und ihre Ursachen herausbekommt, desto deutlicher wird, welche Rolle unser Lebensstil spielt. Wie ernährst du dich? Treibst du Sport oder sitzt du nur faul rum? Und wenn du auf Arbeit viel schleppen und heben musst – warum trägst du nicht rückenschonend? Warum wendest du nicht an, was dir in der Rückenschule beigebracht wurde? Selbst schuld, wenn du es im Kreuz bekommst!
Klar, daß es sich nicht gehört, in der Schwangerschaft zu rauchen oder zu trinken. Kein Wunder, wenn das Kind mit einem Schaden auf die Welt kommt. Wer hat gesündigt, er oder seine Eltern, dass er blind geboren wurde? Und wenn ein Kind mit Trisomie 21 geboren wird, kann es passieren, dass im Betrieb getuschelt wird: waren sie nicht testen? Warum haben sie es nicht abgetrieben? Dass die meisten Beeinträchtigungen während der Geburt entstehen oder im Lauf des Lebens durch Unfall oder Krankheit, gerät schnell in Vergessenheit. Eltern tut solches Gerede weh, denn viel mehr bräuchten sie Solidarität und Unterstützung.
Wenn Menschen eine schwere Krankheit bekommen, meldet sich oft das schlechte Gewissen. Hätte ich eher zur Vorsorgeuntersuchung gehen sollen? Warum nur habe ich mich nicht anders verhalten, ernährt, bewegt? Jetzt bekomme ich die Quittung!

Wer hat gesündigt, er oder seine Eltern, dass er blind geboren wurde? In der Bibel, vor 2000 Jahren, war das eine echte Frage. Sie wurde sachlich gestellt, und die Schüler*innen von Jesus oder die Schriftkundigen haben darüber hin und her diskutiert. Heute wird diese Frage schnell zum Vorwurf, meist unausgesprochen. Vor allem aber nagt sie im Inneren. Ich bin schuld. Vor diesen Selbstzweifeln gibt es kein Erbarmen und keine Erlösung. Du bist selbst verantwortlich, ob du krank wirst oder nicht.

Doch indem wir die Verantwortung für die Gesundheit so individualisieren, werden die gesellschaftlichen Zusammenhänge von Krankheit ausgeblendet. Armut etwa oder Umweltbedingungen. Es gerät aus dem Blick, dass für viele Menschen der Zugang zum Gesundheitssystem, zu Behandlung und zu Vorsorge erschwert ist, weil sie zu einer benachteiligten Gruppe gehören, weil ihre Wohnverhältnisse unzureichend sind oder es ihnen an Bildung mangelt.

Jesus weist die Frage zurück. Er weigert sich, sich auf diese Art von Umgang mit Krankheit und Beeinträchtigung einzulassen. Weder hat er gesündigt noch seine Eltern, sondern die Werke Gottes sollen an ihm sichtbar werden (9,3). Jesus reagiert so, wie Ärzt*innen es täglich in der Sprechstunde tun: er nimmt die Menschen so, wie sie sind, egal wie die Vergangenheit aussieht. Und er behandelt sie einfach.

Warum sind die einen robust und stabil und andere werden immer wieder krank? Wir werden nie alles erklären können, auch wenn wir noch so sehr nach Ursachen forschen. Manchmal gibt es keine befriedigende Antwort. Wir können nicht alles steuern. Dieser Gedanke kann entlasten. Wir haben unser Leben nur bedingt in der Hand. Doch Gott verläßt uns nicht. Gott begleitet uns, in gesunden wie in kranken Tagen.

Predigt am 8. Sonntag nach Trinitatis über Joh 9,1-7
Weitere Predigten in der Trinitatiszeit
Übersicht über die  Predigten im Jahreslauf
Andere Predigt am 8. Sonntag nach Trinitatis: Unser Körper – ein Tempel (1 Kor 6); Licht anzünden (Barbara und Andreas Gutkes)

 

* Aus Joh 9,1-7 (gekürzt) Jesus sah im Vorübergehen einen Menschen, der von Geburt an blind war. Seine Jüngerinnen und Jünger fragten ihn: »Rabbi, wer hat gesündigt, er oder seine Eltern, dass er blind geboren wurde?« Jesus antwortete: »Weder hat er gesündigt noch seine Eltern, sondern die Werke Gottes sollen an ihm sichtbar werden.« Dann spuckte er auf die Erde und machte einen Brei aus der Spucke und strich ihm den Brei auf die Augen und sagte ihm: »Geh, wasche dich im Teich Schiloach!« . Er ging also weg und wusch sich und kam sehend zurück.

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