Keine Zaungäste

So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremde, sondern Mitbürgerinnen der Heiligen …  * Wer ist Bürgerin, wer hat alle Bürgerrechte, wer darf dazugehören? Das sind spannende Fragen in einem vereinten Europa. Im Frühjahr haben wir erlebt, wie Grenzen auf einmal dichtgemacht wurden. Kilometerlang stauten sich die LKWs an der polnischen Grenze. Kliniken in Sachsen standen ohne Personal da, weil ihre tschechischen Ärzt*innen und Pflegekräfte nicht zur Arbeit pendeln konnten. Paare konnten sich wochenlang nicht sehen. Sie in Österreich, er in Frankfurt. Wer welche Staatsbürgerschaft hatte, spielte auf einmal wieder eine Rolle, trotz EU. Inzwischen sind die Grenzen innerhalb Europas wieder offen. Wer den Ausweis eines Mitgliedslandes hat, darf sich frei bewegen bis nach Spanien, Polen oder Finnland. Die Menschenrechte gelten in der ganzen EU, für Sangerhäuser*innen genauso wie für Leute, die seit 2 Jahren eingebürgert sind, oder für Gefangene im hintersten Winkel der EU, auch wenn Recht und Würde manchmal erst erstritten werden müssen, von der Stadtverwaltung an bis hin zum Europäischen Gerichtshof.

Ich erinnere mich noch gut an Zeiten, in denen es anders war. Als junge Leute sind wir nach Ungarn getrampt, nach Budapest. Hoch oben auf der Fischerbastei habe ich mir die Nase plattgedrückt an den Fenstern des edlen Panorama-Restaurants. Drinnen speisten die Gäste bei Kerzenlicht und genossen den fantastischen Blick über die Donau und das abendliche Budapest. Ich stand draußen. Die Leute drinnen hatten einen anderen Pass, einen West-Pass. Zu ihrer Welt würde ich niemals Zutritt haben. Ich konnte nur davorstehen und träumen, vom Kerzenlicht, vom Ausblick und von der Freiheit.

Inzwischen habe ich selbst einen West-Pass und kein „Personaldokument“ mehr. Ich kann reisen. Ich habe keine Aluchips mehr im Portemonnaie, sondern Geld in einer Währung, die stabil ist und die in vielen Ländern mehr wert ist. Ich gehöre jetzt selbst zu den Leuten, die drin sitzen dürfen, während andere sich draußen die Nase plattdrücken müssen. Ich habe dafür nichts getan, jedenfalls nicht mehr als andere. Die Friedliche Revolution 1989 hat mich und ganz Ostdeutschland auf die Seite des Westens geschoben und mich zur Bundesbürgerin erklärt. Mein Geld wurde umgetauscht, mein Pass wird aller 10 Jahre verlängert. Falls ich im Ausland festsitzen sollte, kümmert sich die deutsche Botschaft um mich, und sie wäre damit wahrscheinlich erfolgreicher als die Botschaft eines kleinen, abgelegenen oder instabilen Landes. Ich bin deutsche Staatsbürgerin und gehöre zu den Privilegierten in der Welt.

So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge – oder Fremde und Ausländer – , sondern ihr seid Mitbürgerinnen der Heiligen und Hausgenossen Gottes (Eph 2,19). Dazugehören, das bedeutete auch für die Leute viel, an die den Epheserbrief gerichtet war, so zwischen 80 und 100. Auch damals waren viele Menschen heimatlos, wanderten umher, hatten keine Rechte. Paulus hingegen, dessen Namen der Epheserbrief benutzt, besaß das römische Bürgerrecht. Das war viel wert. Als er verhaftet wurde, berief er sich auf sein römisches Bürgerrecht. Das verschaffte ihm Verfahrensvorteile und hat seine Rechtsstellung als Gefangener deutlich verbessert.

Doch der größte Teil der Bevölkerung im 1. Jahrhundert hatte keinerlei Bürgerrecht. Nicht mehr Fremde und Ausländer sein, sondern Mitbürgerinnen der Heiligen, das war für die Menschen in den Gemeinden ein Traum. Christus reißt Grenzzäune nieder, Christus schafft Frieden. Niemand muss sehnsüchtig von draußen zugucken. Alle dürfen drin sein. Gott selbst wohnt im gleichen Haus, gemeinsam bilden wir eine Wohnung für Gott. So haben die Menschen in den ersten Gemeinden geträumt und geglaubt.

Heute leben wir in einer globalisierten Welt. Wer ist Bürgerin, wer hat alle Bürgerrechte, wer darf dazugehören im Haus Europa? Der Satz aus dem Epheserbrief gibt uns eine Vision, wie das Zusammenleben gelingen kann, auf unserer Erde, in unseren Kirchen und Gemeinden, wenn Christus die Zäune abreißt. Amen.

 

 

*So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge – oder Fremde und Ausländer – , sondern ihr seid Mitbürgerinnen der Heiligen und Hausgenossen Gottes (Epheser 2,19, Wochenspruch am 7. Sonntag nach Trinitatis)

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