Demut und Widerstand. Predigt zu 1. Petrus 5

Umfrage in einer Gemeinde um das Jahr 100, irgendwo in Anatolien: Was beschäftigt Sie heute am meisten?
Hermes (38, Sklave): Manchmal kann ich es dem Patron überhaupt nicht recht machen. Heute war er wieder schlecht drauf: mal hü, mal hott, auch wenn es widersinnig ist. Ich habe heute viele Schläge kassiert. Aber ich darf mich nicht beschweren.
Sophia (42, Ehefrau): Daß ich so abhängig bin, macht mich bitter. Mein Mann ist ein freier Bürger und er ist sehr stolz darauf. Hungern müssen wir auch nicht. Aber ich bin nicht frei. Er bestimmt. Auch über mich. Ich darf nichts ohne seine Erlaubnis.
Persis (21, Sklavin): Nicht nur bedienen muß ich den Herrn. Ich muß ihm auch zu Willen sein. Und nicht nur ihm. Auch allen Gästen, die er anschleppt. Gestern Nacht hatten sie wieder solche widerlichen Wünsche. Ich muß es nicht nur über mich ergehen lassen, ich soll auch noch lächeln. Am liebsten würde ich weglaufen. Aber da würden sie mich totschlagen.
Leute wie Hermes, Sophia oder Persis hat ein unbekannter Briefeschreiber im Auge, der unter dem Alias-Namen Petrus auftritt, als er um das Jahr 100 einen Brief an Gemeinden in der heutigen Türkei verfaßt. Ihr Problem liegt auf der Hand: Wie können Menschen, die unfrei und unterdrückt sind, trotzdem frei atmen und sich entfalten? Viele Gemeindemitglieder waren Sklavinnen und Sklaven oder Frauen, die nicht über sich selbst bestimmen konnten. Wie lässt es sich leben unter solchen Umständen?
Unfreiheit. Das kennen wir aus der DDR. Da gibt es nicht nur einen Weg. In der DDR haben wir ganz ähnliche Diskussionen geführt, zuhause am Küchentisch und in den Gemeindekirchenräten und Synoden. Sich komplett verweigern? Sich anpassen? Die guten Seiten sehen? Eine Meinung für draußen haben und eine für drinnen? Oder einfach die Augen zumachen und sich zurückziehen ins Private? Die Leute haben ganz verschiedene Antworten gefunden, die Kirchen auch.

Für den Mann, der sich Petrus nennt, kommt offen aufzubegehren überhaupt nicht in Frage, im Gegenteil. Er schreibt in seinem Brief: „Ihr Sklaven, ordnet euch in aller Furcht den Herren unter, nicht allein den gütigen und freundlichen, sondern auch den wunderlichen.“ (den „unberechenbar grausamen“ 1 Petr 2,18) „Ebenso sollt ihr Frauen euch euren Männern unterordnen, damit auch die, die nicht an das Wort glauben, durch das Leben ihrer Frauen ohne Worte gewonnen werden, wenn sie sehen, wie ihr in Reinheit und Gottesfurcht lebt.“ (3,1f.) Immerhin legt er den Männern dassselbe ans Herz, für ihn ist das schon revolutionär. Natürlich, auch die Jungen sollen sich den Alten unterordnen. Am Schluß empfiehlt er den Gemeindemitgliedern

[5c] Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade. [6] So demütigt euch nun unter die gewaltige Hand Gottes, damit er euch erhöhe zu seiner Zeit. [7] Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch. [8] Seid nüchtern und wacht; denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge. [9] Dem widersteht, fest im Glauben, und wisst, dass ebendieselben Leiden über eure Brüder in der Welt gehen. [10] Der Gott aller Gnade aber, der euch berufen hat zu seiner ewigen Herrlichkeit in Christus Jesus, der wird euch, die ihr eine kleine Zeit leidet, aufrichten, stärken, kräftigen, gründen. [11] Ihm sei die Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen. (1.Petr 5,5c-11)

Unterordnung und Demut. Das Rezept von Alias-Petrus lautet: Verhaltet euch tadellos. Wenn ihr Erniedrigungen und Schläge einsteckt, wird es umso deutlicher, wie ungerecht es um euch herum zugeht. Indem ihr unangreifbar seid, könnt ihr andere von eurem Glauben überzeugen.

Das ist natürlich auch eine Art von Widerstand. Manchmal wird sie die einzige gewesen sein, die SklavInnen zu Gebote stand. Auf die Dauer haben sich solche Ratschläge verheerend ausgewirkt. Sie passen perfekt, wenn jemand die eigene Macht absichern will. Begehrt nicht auf, das steht schon in der Bibel! Das wurde im Mittelalter den Bauern gepredigt, die von ihren Fronherren abhängig waren. Solche Bibelstellen wurden den schwarzen Negersklaven in den Südstaaten Amerikas vorgelesen – und andere, die vom Auszug aus der Sklaverei erzählen – wurden ihnen vorenthalten. Mit Unterdrückung und Demut wurde Frauen die Gleichstellung verweigert. Das Christentum wurde zum Christentum der Herren und der Männer, seitdem es zur Staatsreligion wurde. Und so hat es Veränderungen blockiert. Begehrt nicht auf! Wer das immer wieder hört, verliert den Mut und verkrüppelt innerlich. So werden Menschen unselbständig und eingeschüchtert. Hinunterschlucken macht krank. Wie sollen sie je frischen Wind in Zustände bringen, die sich sich erneuern und verändern müssen? So wurde die Bibel missbraucht, haargenau von solchen, die sich dringend selbst in Demut hätten üben sollen: von den Arroganten, den Machtmenschen, den Selbstgerechten, und all den Autoritäten, die keinen Widerspruch dulden und andere instrumentalisieren.

Doch Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen ist er gnädig. Demütigt euch vor Gott – nicht vor den Herren. Wollte Alias-Petrus das sagen? Gott kungelt keineswegs mit den Herren, die im Anzug daherkommen oder hemdsärmelig in Jeans, die Erde ausplündern und von Sachzwängen reden, von Rendite oder von längeren Laufzeiten. Gott widersteht den Hochmütigen, steht also im Widerstand. Wie wird das in den Ohren von Leuten wie Hermes, Sophia oder Persis geklungen haben? Haben ihnen solche Empfehlungen weitergeholfen, wenn der Patron einen schlechten Tag hatte oder Gewaltfantasien oder der Ehemann Sophia einfach überging? Waren sie wütend über diesen Brief, frustriert, haben sie heiß diskutiert, wie sie mit aufrechtem Kopf durchs Leben gehen konnten? Hätten sie es eher mit Paulus gehalten: „Ihr aber seid zur Freiheit berufen“? (Gal 5,13)

In der Antike wurde Demut übrigens keineswegs als Tugend gepriesen wie bei uns lange Zeit, sie wurde im Gegenteil geringgeachtet. Demut hatte mit Unterwerfung und Unterordnung zu tun, sie war etwas für die Schwachen, für Versklavte und Frauen. Und das waren ja viele in der Gemeinde. Die Herren werden in dem Brief interessanterweise nicht angesprochen. Es scheint sie nicht gegeben zu haben in der Gemeinde. Sie saßen nicht dabei, als der Brief vorgelesen wurde. Die Predigt ging also schon damals an die, die sie gerade nicht nötig hatten.

Ob Demut und Unterordnung heute weiterhelfen? Es ist nötig, dass wir uns mit solchen Bibelstellen auseinandersetzen und uns nicht darum drücken. Warum wurden sie damals geschrieben, unter welchen Umständen, welche Auswirkungen hatten sie. Und welche Tugenden haben wir heute nötig? Umfrage in Ostdeutschland 2010: Was beschäftigt Sie heute am meisten? Wir haben keine Sklaverei mehr, jedenfalls nicht bei uns in Westeuropa. Hermes, Sophia und Persis wären nicht mehr offen abhängig und würden sich immer noch über die Wende freuen. Sie hießen heute Friedrun oder Eberhard oder Dietrich [Namen aus der Gemeinde einsetzen]. Sie würden von Löhnen berichten, die so erbärmlich niedrig sind, dass es die Tränen in die Augen treibt. Oder von ihrer Sorge, wie bedroht die Umwelt ist, oder davon erzählen, dass von unserem Wohlstand in Tansania nichts ankommt und dass die Welt gespalten ist in die Erste und eine 2/3-Welt.

Welche Ratschläge würde Alias-Petrus geben, wenn er davon hörte? Würde er uns heute tatsächlich Demut ans Herz legen? Vielleicht stünde in seinem Brief heute etwas über Mut zum Ungewöhnlichen, über Hartnäckigkeit. Vielleicht würde er schreiben, daß es an der Zeit ist, unverschämt Forderungen zu stellen, wenn Rechtlose unter die Räder kommen. Vielleicht würde er uns ermahnen, unverschämt zu sein, so unverschämt wie Jesus es war, als er die Armen selig gepriesen und ihnen das Himmelreich zugesprochen hat und den Sanftmütigen die Erde versprochen. Laßt euch nicht abspeisen, denn es geht ums Ganze, um Gottes Reich. Gott steht auf der Seite der Menschen und besonders auf der Seite derer, die arm, rechtlos, übergangen sind. Gott widersteht den Hochmütigen und schenkt den Erniedrigten Gnade. Ganz bestimmt würde sein Brief kontrovers sein und Diskussionen auslösen. Und was würden Sie schreiben, heute, unter dem Alias-Namen Petrus?

 

Predigt am 12.9.2010 (15. Sonntag nach Trinitatis) zu 1. Petrus 5, 5c – 11: Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade

Andere Predigt zu 1 Petrus 5: hier

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