Weihnachten: Stroh und Rosen

Ich habe heute eine Rose für die Krippe mitgebracht. Normalerweise ist ja das Stroh drin. Das ist stachelig und raschelt, es duftet nach Stall und ist Streu und Futter für die Tiere. Die Futterkrippe gehört in den Stall, zu den Tieren. Aber ein Kind? Wer würde wohl ein Kind darauf legen? Wie liegt es sich?

Die ganz Alten kennen das noch: Matratzen oder Betteinlagen, die mit Stroh gefüllt waren. So war es früher wohl üblich, bei den einfachen Leuten, im ländlichen Raum, ja selbst in Spitälern und Hospitälern. Eine Klage über stinkendes, faules Stroh in einem Gasthaus habe ich einmal gelesen. Wo es ganz arm zuging, da war es schon viel, wenn das Stroh aller Jahre einmal gewechselt wurde. Und sehr bequem war es sicher nicht. Selbst „ein Bett im Kornfeld“ klingt zwar romantisch, aber ist wohl eher pieksend als bequem. Wer legt schon ein neugeborenes Baby in eine Futterkrippe. Es muß schon nichts anderes da sein. Nicht eine Wiege war das erste Bettchen für Jesus, sondern ein Arm voll Stroh. Auf dem rechten Flügel unseres Altars haben wir auf der Rückseite ein Weihnachtsbild. Dort ist nicht einmal eine Krippe vorhanden. Da liegt das Kind auf einem Bündel Stroh auf der Erde.

Stroh, Stall, das ist Alltag, grauer, mühsamer Alltag, das Los der kleinen Leute. Viele Weihnachtslieder beschreiben, wie bitterkalt die Nacht in Betlehem war und wie sehr Maria und Josef frieren mußten, so wie auch uns manchmal der Wind um die Ohren pfeift und wir uns ungeborgen fühlen im Leben. In so einer unwirtlichen Umgebung wird das Baby geboren. Es plumpst quasi vom Himmel hinunter auf die Erde, wie ein Prinz – der kleine Prinz – von einem anderen Planeten, wie ein Stern von einer anderen Welt, der sich zu uns verirrt und hier landet. Und nun liegt es da, das zarte Himmelskind, im Stall zwischen den Tieren, die glotzen und muhen und mit ihrer Zunge schlabbern, und es riecht nach Ochs und Esel und vielleicht noch mehr. Mitten in der wackligen und windschiefen Hütte liegt ein winziges, runzliges Neugeborenes und duftet noch so frisch und so unverbraucht, so neu, wie nur ein Baby duften kann. Das Kind bringt einen Hauch von Himmel mit sich. Das passiert zu Weihnachten. In dem Stall gibt es etwas Tröstliches. Die abgeschabte Krippe wird erhellt. Es gibt ein Hoffnungszeichen darin. Mitten in den grauen Alltag ist etwas Schönes hineingefallen und verwandelt ihn.

Wir brauchen das Schöne in unserem Leben. Wir brauchen das Schöne und das Wunder, damit wir all dem Häßlichen und Traurigen, das uns umgibt, standhalten und ihm etwas entgegensetzen können.

Momente, in denen wir staunen können, gehen tief ins Herz hinein. Sie sind Balsam für die Seele. Sie können uns verwandeln und stark machen. Wenn wir staunen können, weil etwas so überwältigend, so schön ist, bekommen wir Kraft für die Zeiten, in denen um uns herum nur Heu und Stroh und Stall und Mief sind. Eine Rose im Schnee, das Kind in der Krippe ist ein Wunder, und Wunder sind immer auch schön, denn sie verwandeln unsere Welt.

Weihnachten ist ein sinnliches Fest. Wärme inmitten der Kälte, das klitzekleine Kind, das lebendig ist trotz aller Trostlosigkeit drumherum, goldener Glanz inmitten der Armut – die Maler haben es auf unzähligen Bildern dargestellt. Auf unserem Weihnachtsbild am Altar schimmert das Stroh golden, so wie ein Heiligenschein, wie die Gloriole, die Marias Kopf umgibt.

Weihnachten werden auch wir sinnlich. Wann sonst stellen wir Bäume in die Stuben, zünden Kerzen in der Dunkelheit an, schmücken unsere Häuser, sorgen für besondere Düfte? Wir lassen der Sehnsucht freien Lauf, das Gegensätzliche im Leben zu überwinden. Weihnachten ist ein sinnliches Fest, denn Gott wird sinnlich. Gott kommt als leibhaftiges, kleines Baby zu uns, es ist warm, es duftet und schreit und bewegt sich, wir können es anfassen und riechen und in den Armen wiegen.

(Lied: Maria durch ein Dornwald ging)

Auf der Krippe liegt heute eine Rose. Hat sich das Stroh in Rosen verwandelt? Oder ist das Kind selbst wie eine Rose – es ist ein Ros entsprungen, singen wir, ein Reis aufgegangen aus Jesses Stamm. Eine Rose, das ist nichts Fertiges. Sie ist eine Blüte, ist im Werden und Entstehen, so wie der Sproß aus Davids Stamm. Sie trägt noch alle Möglichkeiten in sich. Die Frucht ist noch verborgen. Aber sie ist schon zu erahnen. Das Kind will blühen wie eine Rose. Unsere Seele soll aufblühen mit ihm. Gott kommt in unsere Welt, zart und verletzlich, will wachsen und sich entfalten wie eine Rose, wie dieses Kind.

Die Rose, so zerbrechlich sie ist, ist ein Protest. Sie ist bedroht von der Kälte Aber diese Rose trotzt dem Schnee. Sie blüht mitten im Winter. Ein Wunder, ein Zeichen von Hoffnung und Liebe. Sie erinnert an Gottes Hoffnung und Liebe für uns. Auch sie sind bedroht. Diese Rose erinnert auch an die Dornen. Ungerechtigkeit, Unfrieden, Gewalt und Trauriges sind wie spitze Stacheln. Dornen und Disteln trägt der Acker den Adamskindern. Gott wird hineingeboren in eine Welt voll von Verletzungen und Widerständen und Haß. Maria hat es erfahren, so wie viele Mütter. Maria durch ein Dornwald ging, heißt es über ihre Schwangerschaft. Ein Schwert wird durch deine Seele dringen, wurde ihr im Tempel gesagt. Auch das Kind wird einmal eine Dornenkrone tragen. Aber die Dornen haben Rosen getragen, erzählt das Lied weiter. Die Gegenwart des Kindes hat sie zum Blühen gebracht. Das Leben, Gott selbst, bricht hinter den Dornen hervor, das Kreuz kann sich in den Baum des Lebens verwandeln.

Die Rose erzählt von Verletzungen, aber auch von Wundern, die sich ereignen können, auch bei uns. Brot wird zu Rosen. Vor zwei Jahren, 2007, haben wir oft über Elisabeth nachgedacht. Wir haben die Legende erzählt von ihrem Korb voller Brot für die Armen, die sich in duftende, blühende Rosen verwandelt haben.

Elisabeth hat den Menschen nicht nur das Brot zum Überleben und für den Bauch verteilt, sondern auch die Rosen für die Seele. Sie hat ihnen etwas für das Herz geschenkt, etwas, das unserem Leben Glanz und Leichtigkeit verleiht und das wir doch mit allem Geld der Welt nicht kaufen können. Man muß die Menschen froh machen, hat sie gesagt.

Brot und Rosen, das gehört zusammen. Das Brot für die Welt, das Brot des Lebens. Und die Rose für Herz und Sinne.Auf der Krippe, auf dem Stroh, liegt die Rose. Gott will aufblühen unter uns. Das Brot des Lebens, es möge uns als Rose geschenkt werden. Sinnlich, schön, verführerisch duftend. Und wir mögen uns von dieser Rose betören und in den Bann ziehen lassen. Das Kind in der Krippe, die Rose im Schnee möge uns verzaubern und die Welt mit uns.

Weitere Predigten in der Advents- und Weihnachtszeit: hier

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