Mohnblumen

Haben Sie schon einmal die Geburt einer Blume erlebt? Es war kurz vor meinem sechsten Geburtstag, an den Straßenrändern blühte der Mohn. Morgen früh wirst du etwas ganz Besonderes sehen, kündigte meine Mutter an. Kurz nach vier holte sie mich aus dem Bett, packte mich in einen Bademantel und setzte mich an den Küchentisch. Sie holte eine Vase. Ein paar Stengel mit dicken grünen Knospen waren darin. Mohnblumen, die noch nicht aufgegangen waren. Nur ein bißchen rot lugte es schon hervor zwischen den grünen stachligen Blättern, die die Blüte umschlossen.

Schlaftrunken und fröstelnd hockte ich neben meiner Mutter und starrte auf die Knospen. Fünf Minuten, zehn Minuten, doch dann fing es an: Ein pelziges grünes Blatt fiel herunter, noch eins und noch eins. Immer mehr Rot wurde sichtbar. Schließlich war eine erste winzige zerknitterte rote Blüte herausgeschlüpft, noch ganz schrumpelig und faltig. Und dann konnte ich richtig sehen: wie die kleine Blüte größer wurde, wie sich die runzligen Blättchen  ausbreiteten und auffalteten, wie sie größer wurden und sich glätteten und zu vollen Mohnblumen wurden. Als die Sonne schließlich die Morgenkühle vertrieben hatte,  war aus den unscheinbaren grünen Stengeln ein leuchtender Strauß geworden.

An diesem Julimorgen habe ich als Sechsjährige mehr über die Natur gelernt als später aus vielen Büchern. Ich habe staunen gelernt. Das war wohl das Wichtigste. Ich habe aber auch begriffen, daß man Geduld braucht und warten muß. Und daß das Wundervolle nicht gleich fertig ist, sondern sich oft aus einer unscheinbaren Knospe entwickelt.
Dazu hat es nicht viel mehr bedurft als einer Mutter, die auf den Gedanken kam, mit ihrem sechsjährigen Kind früh um vier aufzustehen und die Geburt einer Mohnblume zu beobachten.

Jesus sagt: Schaut die Lilien auf dem Feld an, wie sie wachsen: Sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht. Ich sage euch, dass auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen. (Matthäus 6, 28-29)

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