Was ist Wahrheit? (Joh 18,38) Pilatus stellt diese Frage mitten in einem Verhör. Das ist eine perfide Taktik. Der Ermittler „plaudert“ mit dem Angeklagten. Das kennen wir. Aus politischen Prozessen. Gehirnwäsche heißt es in China. Und um einen politischen Prozeß geht es hier ja. Wer ist König im Land? Bist du etwa ein König? Wo ist dein Reich? Wer hat die Macht? Da läuten bei jedem Geheimdienst die Alarmglocken. Für so eine Vernehmung nimmt sich die Staatsmacht alle Zeit der Welt. Weiterlesen
Predigten
Bleib bei mir
Bleib noch bei mir. Eltern kennen das flehentliche Bitten ihrer Kinder beim Zubettgehen. Abends lauern die Monster unter dem Bett. Wenn es dunkel wird, kriechen sie hervor und bedrohen die Kinder. Große Hunde, Spinnen und Gespenster können sie zu Tode ängsten und ihre Seelen erschrecken. Bleib bei mir, betteln die Kinder. Für sie sind die Monster real. Wenn eine Menschenseele in der Nähe ist, wenn wenigsten die Tür einen Spalt offen bleibt, erscheint die Gefahr weniger bedrohlich. Bleib bei mir. Das hilft.
Dass sie einsam und verlassen sind, damit haben nicht nur die Kleinen zu kämpfen. Auch Erwachsene fühlen sich oftmals ausgeliefert. Oder Kinder und Jugendliche, die sexualisierter Gewalt ausgesetzt sind. Sie erleben, dass ihnen niemand glaubt. Niemand ist da, dem oder der sie sich anvertrauen können, der*die sie stärkt und ihnen Mut macht. Alle schauen weg. Sie stehen buchstäblich mutterseelenallein da. Weiterlesen
Führe uns nicht in Versuchung?
Und führe uns nicht in Versuchung. Papst Franziskus hätte diese Bitte aus dem Vaterunser lieber anders formuliert. Die französischen Bischöfe hatten sich schon länger auf eine neue Fassung geeinigt. 2017 wurde in den katholischen Kirchen unseres Nachbarlandes das Vaterunser revidiert. Seitdem beten die Katholik*innen dort, frei übersetzt: “Lass uns nicht in Versuchung geraten”*. Auch die katholische Kirche in der französischsprachigen Schweiz hatte sich angeschlossen.
Führe uns nicht in Versuchung. Vielleicht haben Sie beim Vaterunser an dieser Stelle auch schon Schwierigkeiten gehabt. Führt Gott Menschen etwa aufs Glatteis, stellt ihnen einen Hinterhalt? Weiterlesen
Bücher verschlingen
Mach die Taschenlampe aus, du verdirbst dir noch die Augen! Manche Bücher sind so spannend, dass Kinder nachts unter der Bettdecke einfach weiterlesen müssen. Erwachsenen geht es nicht anders. Sie können das Buch nicht weglegen, obwohl es schon längst Mitternacht geschlagen hat und sie sich fest vorgenommen haben, die Nachttischlampe spätestens nach der nächsten Seite auszuknipsen. Sie sind weit weg im Mittelalter, in der Zukunft oder in Südamerika und können nicht so einfach in die schnöde Wirklichkeit zwischen den Bettlaken zurückkommen.
Ein Buch in sich hineinfressen, das gab es schon zu Ezechiels Zeiten. Gott selbst gibt dem Propheten ein Buch, eine Schriftrolle zu essen. Dieses Buch entführt Ezechiel nicht in eine andere Welt, sondern in seine eigene. Weiterlesen
Wassermangel bei Jeremia
Kein Wasser weit und breit. Was für eine Dürre-Katastrophe! Sie betrifft selbst die Reichen. Die Mächtigen dort schicken ihre Untergebenen nach Wasser. Sie gehen zu den Zisternen, finden aber kein Wasser und kehren mit leeren Gefäßen zurück. Sie sind bestürzt und beschämt und verhüllen ihr Haupt. (Jeremia 14,3) Nicht einmal für Geld ist Wasser zu bekommen. Selbst die, die zu den obersten Zehntausend gehören, können sich keinen Vorteil ergattern. Sonst sind sie es nicht einmal gewohnt sich anzustellen. Oder sie kommen zuerst dran. Aber jetzt nützt ihnen weder ihre Position noch Bestechung. So schlimm ist die Trockenheit. Weiterlesen
Der Himmel ist leer. Gott ist auf die Erde gezogen
Unendlich weit spannt sich der Himmel. Die Sterne funkeln. Das Universum dehnt sich weiter aus, blitzschnell, oder es pulsiert, so wie das Blut in uns. Galaxien, deren Größe wir nur in Lichtjahren bemessen können, ziehen genauso auf ihren Bahnen wie all die winzigen Teile, die nur unser Gehirn zu erfassen mag, niemals unsere Augen: Elektronen, Neutronen und Neutrinos. Atome, die Hunderte von Jahren ihre Strahlung aussenden, bis sie zerfallen. Winzige Teilchen wie die Higgs, deren Existenz erst in unsesrem Jahrtausend entdeckt wurden und die dafür sorgten, daß das Universum zu Materie wurde, damals, als die Zeit geboren wurde. Weiterlesen
Heiligabend: Von Tannen und Bäumen
Rupfi war vor ein paar Jahren der am meisten bedauerte Weihnachtsbaum Deutschlands. Rupfi hieß der Weihnachtsbaum auf dem Erfurter Weihnachtsmarkt. Er hatte eine eigene Facebookseite und 6200 Follower (24.12.2018). Es war ihm anzusehen, wie der trockene Sommer seinen Zweigen und Nadeln zugesetzt hatte. Doch Spott und Hohn über die „lichte Fichte“ waren schnell umgeschlagen. „Wir lieben ihn, weil er nicht perfekt ist“, hieß es im Internet. Bald fotografierten sich die Leute vor dem Baum, kauften Rupfi-Anstecker, deren Erlös dem Kinder-Hospiz in Tambach-Dietharz zugutekam, und diskutierten im Facebook über innere Werte. „Zu Weihnachten muss nicht alles perfekt sein. Das Leben hat Brüche. Und Rupfi eben auch.“ Der Klimawandel war auf dem Weihnachtsmarkt angekommen. Weiterlesen
Blindenheilung auf TikTok (Joh 9)
HALLÖCHEN, ihr Lieben, alle meine Followerinnen und Follower. Schön, dass ihr alle wieder da seid. Hier ist die Sissy mit unserer neuesten Folge von „Gefährliche Orte der Welt – funny & crazy“, diesmal aus dem Nahen Osten. Ich bin für euch nach Israel gereist. Heute Morgen bin ich in Jerusalem angekommen. Das war gar nicht so einfach, wegen Gaza und so. Überall noch Militär, und dazu die langen Schlangen an den Einlasskontrollen – echt nervig. Doch ihr seht, ich habe es geschafft.
Hinter mir läuft ein crazy Contest, der ist echt abgefahren. Also es geht darum, wer am schnellsten einen Blinden heilt. Weiterlesen
Jom Kippur, der Anschlag auf die Synagoge in Halle und Mansfeld-Südharz
Am 9. Oktober 2019 griff ein junger Mann aus unserem Landkreis die Synagoge in Halle an, tötete zwei Menschen und verletzte andere. Den Tag hatte er bewußt gewählt: Jom Kippur, der höchste jüdische Feiertag. Er hat sich intensive mit dem jüdischen Glauben beschäftigt. Aber nicht, um Brücken zu schlagen, sondern aus Haß. Der Antisemitismus, den christliche Kirchen Jahrhundert um Jahrhundert gepredigt haben, wirkt weiter.
An uns Christ*innen ist es, uns einzugestehen, daß wir daran mitverantwortlich und mitschuldig sind. Wir beten mit Worten aus Psalm 130.
Was ist Jom Kippur? Die Polizei hätte vor einem Jahr die Synagoge bewachen müssen, wird kritisiert, und die Polizist*innen hätten wissen müssen, daß die Menschen in der Synagoge nichts gegessen haben, als sie sie nach dem Anschlag in den Bus gebracht haben. Selbst von der Polizei wird heutzutage also erwartet, dass sie sich mit jüdischen Feiertagen auskennt. Wie sieht das bei uns aus, bei Gemeindemitgliedern? Immerhin sind wir die nächsten Religionsverwandten. Jedenfalls ist das Christentum aus dem Judentum hervorgegangen. Was wissen Sie über Jom Kippur?
[Vorlesen von Informationen zu Jom Kippur, siehe unten * ]
Der Täter von Halle stammt aus unserem Landkreis. Er ist in unserem Umfeld groß geworden, ist in Eisleben auf’s Gymnasium gegangen, die Mutter hat an einer Grundschule Ethik und Kunst unterrichtet. Er ist – wie Martin Luther – ein „mansfeldisch Kind“. Er hat sich das Ziel seines Anschlags genau überlegt. Zur Auswahl standen auch Moschee und Antifa-Zentrum. Er haßt selbstbewußte Frauen, Feminismus, Islam, Zugewanderte. Dafür macht er das Judentum verantwortlich.
Wie kommt es, daß in unserer Umgebung ein junger Mensch so viel menschenfeindliche Vorstellungen kultivieren kann und niemand hellhörig wird, nicht im Kindergarten, nicht in der Grundschule, nicht in den Arbeitsgemeinschaften auf dem Gymnasium, nicht in der Nachbarschaft?
Was für ein Klima in unserem Landkreis herrscht, könnten uns Menschen sagen, die Angst haben und gegen die hergezogen wird auf der Arbeit, am Biertisch, in der Schule. Worte sind nicht Schall und Rauch. Aus Gedanken sind am 9. Oktober 2019 Taten geworden.
Jom Kippur heißt Versöhnungstag. Anders als in den christlichen Kirchen wird die Bitte um Vergebung im Gottesdienst in der Wir-Form gesprochen. Nicht nur einzelne haben sich verfehlt. Die ganze Gemeinschaft bekennt sich schuldig, es ist ein kollektives Schuldeingeständnis. Alle sind mitverantwortlich. Und sei es, daß sie geschwiegen haben. Wie verhalten wir uns beispielsweise, wenn Witze gerissen werden über verletzliche Gruppen und Minderheiten?
Ein Versöhnungstag könnte auch uns gut tun. Ein Tag der Versöhnung und Reue, an dem wir über unsere kollektive Verantwortung nachdenken, um Verzeihung bitten und überlegen, wie wir uns als Gemeinschaft anders verhalten können. An so einem Tag könnten wir uns bewußt machen, wo unter uns Abwertung und Vorurteile gedeihen und welche Konsequenzen sie haben. Es gehört Mut dazu, wenn wir Schuld nicht auf einen einzelnen abschieben und ihn zum Täter machen, sondern uns eingestehen: wir alle haben versagt. Als Menschen im Landkreis, in unseren Dörfern und Städten, als Zivilgesellschaft.

Und in den Kirchengemeinden wollen wir uns damit auseinandersetzen, wie christliche Verkündigung zum Antisemitismus beigetragen hat, z.B. wie wir über Altes Testament reden, welche Klischees wir von Pharisäer*innen verbreiten. Und wir können überlegen, wie wir zukünftig so von Gott oder von Jesus reden, daß niemand abgewertet und diskriminiert wird.
Der kollektiven Reue und Umkehr ein Fest zu widmen und ein Versöhnungsfest zu begehen, wäre eine Idee, die uns gut zu Gesicht steht. Der Anstoß kommt aus der jüdischen Tradition. Amen.
Weitere Predigten: Pilatus weißgewaschen
Israelsonntag: Halleluja und Amen: Vereinnahmung und Abwertung von jüdischem Glaubensgut durch christliche Tradition und Die Brille von der Schuld der Juden am Tod von Jesus
Heiligabend: Jüdisches Christkind
Lesung: Jesaja 58,6-8 (Ist nicht das ein Fasten, an dem ich Gefallen habe: Lass los, die du mit Unrecht gebunden hast…)
** Jom Kippur heißt Versöhnungstag oder Versöhungsfest. Es wird 10 Tage nach dem Neujahrsfest begangen, am 10. Tag des jüdischen Monats Tischri. Am Neujahrstag schlägt Gott drei Bücher auf und die Menschen legen Rechenschaft ab. Ins erste werden die ganz „Gerechten“ eingetragen, die sofort das „Siegel des Lebens” erhalten. Ins zweite Buch werden die ganz „Schlechten“ eingeschrieben. Das dritte Buch ist für die Durchschnittsmenschen bestimmt. Über sie bleibt das Urteil bis zum Versöhnungstag offen. In diesen zehn Tagen können sie bereuen, einander um Verzeihung bitten, Gutes tun und sich verändern. Am Jom Kippur wird das Urteil, das am Neujahrsfest gefällt wurde, besiegelt und bekommt damit Gültigkeit. Der Versöhnungstag ist ein Tag der Reue, der Buße und Umkehr.
Wie alle jüdischen Feste beginnt es am Vorabend, vor Sonnenuntergang. Beim Abendgebet wird das Kol Nidre gesprochen. Am Morgen wird ein Abschnitt aus dem Jesajabuch gelesen, und der Gottesdienst in der Synagogen dauert bis zum Abend.
In Israel bleiben Restaurants und Cafés geschlossen und das öffentliche Leben steht still. Nur Krankenwagen und Feuerwehr sind unterwegs. Säkulare Jüd*innen begannen in den letzten Jahrzehnten, diese Situation für Fahrradtouren auf den leeren Autobahnen zu nutzen. Die meisten Jüd*innen fasten. Es gilt als unhöflich, am Jom Kippur in der Öffentlichkeit zu essen oder Musik zu hören. Ein Widderhorn, der Schofar, kündigt den Sonnenuntergang an. Das Fest endet mit dem Mondsegen im Freien und einem festlichen Essen, das “Anbeißen”. Die Menschen wünschen sich gegenseitig ein glückliches Jahr und gute Besiegelung. (Informationen z.T. wörtlich aus Wikipedia zu „Jom Kippur“)