Israelsonntag: Die Brille von der Schuld der Juden am Tod Jesu

Juden sind Kinder des Teufels.
Juden gefallen Gott nicht und sind Feinde aller Menschen.
Es gibt viele Freche, unnütze Schwätzer und Verführer, besonders Juden.
Man muß ihnen das Maul stopfen, denn aus übler Gewinnsucht zerstören sie ganze Familien mit ihren falschen Lehren.
Du Jude, du belehrst andere, aber dich selbst belehrst du nicht. Du predigst: „Stehlt nicht“, aber stiehlst doch selbst. Du sagst »Brecht nicht die Ehe« und tust es selbst. Du verabscheust Götzenbilder und bereicherst dich am Handel mit ihnen. Joh 8,44; 1 Thess 2,14-16; Titus 1,10-11; Rö 2,21f

Liebe Gemeinde, Antisemitismus pur, wie er direkt dem Goebbels-Hetzblatt „Der Stürmer“ aus dem Dritten Reich entsprungen sein könnte oder rechtsradikalen Foren im Internet? Solche Aussagen stehen im Neuen Testament. Von der frühesten Schrift an finden sich Sätze, die als Fundgrube für antisemitische Propaganda herhalten können. Die älteste Schrift – das ist ein Brief von Paulus an die Gemeinde im griechischen Saloniki im Jahr 50, der 1. Thessalonicherbrief. Paulus schreibt: Die Juden „haben den Herrn Jesus getötet und die Propheten und haben uns verfolgt und gefallen Gott nicht und sind allen Menschen feind. Und um das Maß ihrer Sünden allewege voll zu machen, wehren sie uns, den Heiden zu predigen zu ihrem Heil. Aber der Zorn Gottes ist schon in vollem Maß über sie gekommen.“ Im Johannesevangelium heißt es sogar: „Ihr habt den Teufel zum Vater, und nach eures Vaters Gelüsten wollt ihr tun. Der ist ein Mörder von Anfang an und steht nicht in der Wahrheit.“
Das schlechte Image hat sich festgesetzt in den Köpfen, bis heute. Kein Wunder, daß die Leute ihnen alles Schlimme zutrauten, vom Brunnenvergiften bis zur Dominanz auf dem globalen Finanzmarkt. Fast 2000 Jahre lang mußten sie immer wieder dafür büßen, daß sie „den Herrn Jesus ermordet haben“, wie Paulus schreibt. Haben sie? Haben sie ihn getötet? Es ist eine Unterstellung, die ihre Wurzeln im Neuen Testament hat.

Damals lösten sich die christlichen Gemeinden langsam aus den jüdischen Muttergemeinden heraus. Sie wollten nicht mehr als jüdische Spielart, als jüdische Sekte gelten. Deshalb grenzten sie sich ab. Sie hatten versucht zu beweisen, daß Jesus der Messias ist, den sie alle erwarteten. Doch damit hatten sie sich nicht durchsetzen können. Nun machten sie ihnen Vorwürfe, bis dahin, daß sie schlimmer wären als die verhaßten Römer.

Wir wissen heute, dass die römische Besatzungsmacht für den Tod von Jesus verantwortlich war. Die Kreuzigung war die Todesstrafe für Staatsfeinde. Der römische Prokurator Pilatus hat das Todesurteil gesprochen. Die Römer hatten ein Interesse daran, daß im Land Ruhe herrschte,und sie zögerten nicht, im Keim zu ersticken, was nach Aufstand auch nur riechen könnte. Ein neuer Messias, dem alle hinterherliefen, war verdächtig, noch verdächtiger, wenn von einem Retter, ja einem König die Rede war. Ein neuer jüdischer König, ob religiös oder nicht, ob selbsternannt oder von den Leuten ausgerufen, den könnten sie als letzten gebrauchen, und da kannten sie keinen Spaß. Sie machten kurzen Prozeß. Jesus von Nazareth, König der Juden, kurz INRI, lautete Anklage und Urteil. König der Juden, das wurde gleich ans Kreuz geklebt, damit alle wußten, was einem Staatsfeind drohte. Gewiß, manchen der jüdischen Autoritäten war es recht, daß ein innerjüdischer Streit auf diese Weise aus der Welt war. Doch für den Tod von Jesus sind nicht „die Juden“ verantwortlich. Es war ein politischer Prozeß der römischen Besatzungsmacht, ausgeführt von ausländischen Soldaten.

Trotzdem hat die christliche Gemeinde schon in sehr frühen Texten den Juden die Schuld am Tod von Jesus gegeben. Das spiegelt sich in den Passionsberichten besonders deutlich wider: Pilatus wird entlastet – bis dahin, dass er sich im Matthäusevangelium die Hände in Unschuld wäscht oder, noch später im Johannesevangelium, mit Jesus über Wahrheit philosophiert. Die jüdischen Autoritäten hätten die Fäden gezogen und das Volk aufgehetzt.

Jesus auf der einen Seite, „die Juden“ auf der anderen, so erscheint es etwa im Johannesevangelium immer wieder – als ob Jesus, seine Freundinnen und Freunde keine gewesen wären und auch nicht die, die ihm zugehört und nachgefolgt sind. Bis auf die Soldaten, Kaufleute, Zugewanderten waren so gut wie alle, die damals in Palästina lebten, jüdisch. Wie hätte es auch anders sein sollen!

„Die Juden“, so wird verallgemeinert und abgewertet. Sie belauern ihn, beschließen seinen Tod. „Die Juden“, steht im Johannesevangelium manchmal so da, als ob es alle wären. Die Übersetzung der „Bibel in gerechter Sprache“ versucht zu differenzieren, indem sie statt pauschal von „den Juden“ zu sprechen die jüdische Obrigkeit oder das jüdische Volk benennt.

Die verschobenen Bilder stecken auch heute in den Köpfen, die Bilder von den unverständigen, den Jesus-Gegnern, die Bilder von den kleinkarierten und heuchlerischen Pharisäern, das Bewußtsein von einem gesetzlichen Glauben, gegen den sich das Christentum hell abhebt. Vorurteile werden nicht nur mit Worten weitergegeben. Sie umgeben uns in Bildern auf Altären und Gemälden, ja selbst in den steinernen Triumphbögen an gotischen Kirchenportalen mit Synagoge auf der einen und Ecclesia auf der anderen Seite.

Nach dem 2. Weltkrieg haben sich die Kirchen auf einen jüdisch-christlichen Dialog eingelassen. Sie haben gemerkt, wie sie selbst Antisemitismus verbreitet haben. Der Theologie sind viele Schuppen von den Augen gefallen und sie hat manches neu entdeckt, was sie bisher übersehen hatte. Jesus war gläubiger Jude. Er hat jüdische Bräuche befolgt, hat als 12-jähriger Jesus im Tempel Bar Mizwa gefeiert, wollte kein Jota vom Gesetz wegnehmen, sondern hat die Tora ausgelegt, auf seine Weise. Und Paulus hat auch anders über den jüdischen Glauben geurteilt, aus dem er ja selbst kommt: daß er die Wurzel ist und daß diese Wurzel uns trägt (Rö 11,18). Die Theologie liest die Bibel heute mit anderen Augen. Auch unsere Landeskirche verzichtet bewußt auf Mission unter Jüdinnen und Juden, nicht nur aus Scham über die Mitschuld an der Schoah, sondern auch weil sie bekräftigt, daß Gott mit Abraham und Sara das juüdische Volk bleibend ausgewählt hat.

Wie aber sieht es bei uns in den Gemeinden aus? Der Israelsonntag kann uns Anstoß geben, über unsere Brillen nachzudenken. Mit welchen Brillen lesen wir die Bibel, wie kommt es, daß wir sie aufgesetzt haben, und wird es Zeit, sie zu wechseln?
Vielleicht kann uns helfen, daß die Evangelien gar keine Tatsachenberichte sein wollen, sondern den damaligen Gemeinden Orientierung geben und Mut machen wollen, indem sie von Jesus erzählen. Uns heute erzählen sie zugleich von den Konflikten damals, auch den mit den jüdischen Muttergemeinden und den bitterbösen Vorwürfen an sie.
Jahrhundertealte Brillen. Wenn wir sie absetzen, sehen wir bei „Pharisäer“ ganz andere Seiten. Und wenn wir in der Johannespassion „Kreuzige!“ hören, spult im Kopf nicht mehr automatisch der Film ab, daß Jesus einer aufgeputschten Menschenmenge zum Opfer fiel, sondern wir können diesen Film anhalten und uns die Zusammenhänge genauer anschauen. Wenn wir bemerken können, welche Brillen wir tragen, haben wir den ersten Schritt getan, sie wegzulegen. Dazu helfe uns Gott.

Jesus, du bist von einer hebräischen Mutter geboren, dir huldigten babylonische Weise, du warst voll Freude über den Glauben einer syrischen Frau und eines römischen Hauptmanns, du hast die Griechen, die Dich suchten, freundlich aufgenommen und hast zugelassen, dass ein Afrikaner Dein Kreuz trug: Wir danken Dir, dass auch wir zu Dir gehören. (Gebet aus Südafrika, verändert)  Amen.

 Predigt am 12.8.2012 (10. Sonntag nach Trinitatis, Israelsonntag)

Liturgischer Impuls:

Sprechmotette für 2 Stimmen (anstelle der Epistel)

Das ist das Buch vom Ursprung und der Geschichte Jesu, des Messias, des Nachkommen Davids und Abrahams.
Das ist das Buch vom Ursprung und der Geschichte Jesu, des Messias, des Nachkommen Davids und Abrahams.
Abraham war der Vater von Isaak, Isaak von Jakob, Jakob von Juda und seinen Geschwistern. Juda und Tamar waren die Eltern von Perez und Serach; Perez der Vater von Hezron, Hezron von Aram, Aram von Amminadab, Amminadab von Nachschon, Nachschon von Salmon; Salmon und Rahab waren die Eltern von Boas, Boas und Rut waren die Eltern von Obed; Obed war der Vater von Isai. Isai war der Vater von David, dem König.
David und die Frau des Urija waren die Eltern von Salomo. Salomo war der Vater von Rehabeam, Rehabeam von Abija, Abija von Asa; Asa war der Vater von Joschafat, Joschafat von Joram, Joram von Usija; Usija war der Vater von Jotam, Jotam von Ahas, Ahas von Hiskija; Hiskija war der Vater von Manasse, Manasse von Amos, Amos von Joschija, Joschija von Jojachin und seinen Geschwistern zur Zeit der Babylonischen Gefangenschaft.
Nach der Babylonischen Zwangsumsiedlung wurde Jojachin Vater von Schealtiël, Schealtiël war Vater von Serubbabel, Serubbabel von Abihud, Abihud von Eljakim, Eljakim von Azor. Azor war Vater von Zadok, Zadok von Achim, Achim von Eliud, Eliud von Eleasar, Eleasar von Mattan, Mattan von Jakob. Jakob war Vater von Josef, dem Mann von Maria. Sie wurde die Mutter von Jesus, der Messias genannt wird.
14 Generationen von Abraham bis David
14 Generationen von David bis zur Babylonischen Zwangsumsiedlung
14 Generationen von der Babylonischen Zwangsumsiedlung bis zum Messias.
Das ist das Buch vom Ursprung und der Geschichte Jesu, des Messias, des Nachkommen Davids und Abrahams.                                                                       Matthäus 1,1-17+1

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