Samuel Müller, Superintendent und Stadtchronist – 350. Todestag am 22.7.2012

Heute vor 350 Jahren starb der Superintendent und Chronist Samuel Müller. Sein Epiptaph ist das zweite links vom Altar. Wir erinnern in diesem Gottesdienst an ihn und werden danach aus seiner Chronik lesen.

Die Erinnerung ist ein eigen Ding. Es ist manchmal merkwürdig, was uns im Gedächtnis haften bleibt von all dem, was uns verwundert, erfreut oder verletzt hat, und es ist ebenso merkwürdig, was uns entfällt oder was sich im Rückblick verschiebt. Vieles verdrängen wir, in unserem Leben, aber auch als Volk, als christliche Kirche; manches möchten wir gern vergessen und können es nicht, können es noch viel weniger ungeschehen machen.

Samuel Müller
Samuel Müller

Unvergessen, steht auf vielen Grabsteinen. Wie weit reicht unsere Erinnerung? Wer vor fünf Jahren gestorben ist vor zehn oder zwanzig – die Jüngeren kennen sie nur noch vom Erzählen. Selbst von Leuten, die für ihre Zeit sehr wichtig waren, die in Sangerhausen Weichen für die Stadtentwicklung gestellt haben, die etwas gestiftet haben, die anderen Ungerechtigkeit oder Freude gebracht haben, selbst von den Mächtigen und Großen bleibt am Ende nur noch ein Name – wenn überhaupt. Daß wir uns heute eines Menschen erinnern, dessen Tod 350 Jahre zurück liegt, ist etwas Besonderes.

Samuel Müller hat intensive und genaue Forschungen über die Vergangenheit angestellt und uns zugleich ein Zeitbild aus der 1. Hälfte des 17. Jahrunderts überliefert. Von seiner Stadtchronik zehrt die lokale Geschichtsschreibung bis heute, an die nächste Chronik hat sich erst Friedrich Schmidt 1906 gewagt, über 250 Jahre später – und sie fußt natürlich auf Müller. Vieles in der Gegenwart können wir besser verstehen, wenn wir die Geschichte kennen, wenn wir wissen, wie es geworden ist und warum. Samuel Müller hat unserer Stadt ein kostbares Geschenk gemacht: er hat ihr ein Gedächtnis gegeben.

Wir erinnern uns heute, an seinem 350. Todestag, an ihn und an seine Frau, Anna Maria. Bis ins 20. Jahrhundert hinein haben Pfarrfrauen wie sie einen wesentlichen Teil des Gemeindelebens getragen, sie haben Gäste bewirtet, Almosen verteilet, Rat gegeben und getröstet. Als sie 1662 Witwe wurde, verlor sie nicht nur ihren Mann, sondern mußte die Dienstwohnung räumen und stand ohne Einkünfte da. Sie hat 27 Jahre als Witwe in Sangerhausen gelebt und ist 1689 gestorben.

Samuel Müller hat über 37 Jahre hinweg unsere Stadt geprägt und beobachtet. Er war davon überzeugt, daß es wichtig ist, daß wir uns erinnern. Als Superintendent gehörte er zur Oberschicht. Aber er hat sich nicht einlullen lassen, sondern seine Zeit und die Menschen kritisch betrachtet, er hat gekämpft, gestritten und weit über seine Zeit hinaus gedacht.

Drei Dinge können wir von Samuel Müller lernen: Wir können uns erinnern. Wir knnen fragen, suchen und nicht vergessen, was geschehen ist.

Dazu gehört zweitens, daß wir genau hinschauen, wahrnehmen, was um uns herum passiert, und zu unseren Überzeugungen stehen. Er hat die Dinge beim Namen genannt und ausgesprochen, was Unrecht ist und wo Menschen betrogen werden. Wir müssen über ungerechte Entwicklungen reden und streiten.

Zum dritten können wir von ihm lernen, daß wir uns einmischen ins Stadtgeschehen und in unsere Zeit. Wir sollen die Positionen, auf denen wir uns befinden, ausfüllen, können Spielräume ausschöpfen und erweitern. Ob es sich lohnt? Welche Spuren werden wir hinterlassen? Die Geschichte geht weiter, durch uns und nach uns. Doch wir sind es, die heute Geschichte schreiben und gestalten. Ob an uns jemand denkt, wenn wir gestorben sind, werden wir nie wissen. Aber bei Gott ist die Erinnerung. Und bei Gott geht nichts und niemand verloren.

 

Theaterszene: Samuel Müller (S) und seine Frau Anna-Maria Müller (A)
Lied: EG 321,1-3 Nun danket alle Gott

S (bewegt und erfreut): Bekannte Klänge ! Und bekannte Worte!  (schaut sich um, staunt) Es hat sich fast nichts verändert!!
A Jetzt übertreibst du aber! Wenigstens diese Leute sind doch völlig unbekannt!! Stelle dich doch wenigstens einmal vor!
S: Samuel Müller. 1592 geboren. Seit 1625 Superintendent von Sangerhausen, 37 Jahre lang. Am 22. Juli 1662 gestorben.
A Anna Maria Müller. Geboren um 1600. Ich habe 27 Jahre länger als du gelebt und kann dir noch einige Neuigkeiten erzählen. Ich war es auch, die deinen Grabstein gesetzt hat. Siehst du, dort drüben. Der ist neu. Den kennst du noch nicht.
S Ja, und die beiden rechts vom Altar auch nicht.
A Dein Nachfolger, Superintendent Christian Leyser.
S (schaut sich um) und das Epitaph mit den bunten Portraits kenne ich auch nicht   (geht näher)  Mogk… Alter Sangerhäuser Name. Große Familie. Bürgermeister, Kaufleute, Tuchmacher
A Einige sind auch weggezogen, nach Eisenach.  –   Sieh an, was aus dem Kleinen geworden ist! Caspar Jacob Mogk! Und seine Maria Elisabeth – haben sie tatsächlich geheiratet!
S Aber diese Frisur sieht doch recht neumodisch aus. Meinst du nicht? Die jungen Leute haben wirklich einen etwas eigenwilligen Geschmack!
A Samuel, hast   d u   nicht immer die neuesten Lieder gepfiffen??
S Eben wurde hier auch so ein Hit gesungen, da werde ich gleich wieder jung.   „Nun danket alle Gott“ – das haben wir 1648 beim Friedensschluß geschmettert. Und der Psalm, den sie gebetet haben: der 32. Psalm.
A Darüber hast du deine Probepredigt gehalten, als du dich als Superintendent beworben hast.
S Wohl dem, dem die Übertretungen vergeben sind, dem Gott die Schuld nicht zurechnet…     Die Herren vom Consistorium in Dresden waren sehr streng. Und auch wenn ich promoviert war und als Pfarrer in Schulpforta und in Mücheln Erfahrungen gesammelt hatte – für einen Superintendenten war ich ziemlich jung, 32.
A Ich hätte dich gern begleitet nach Dresden, doch ich war hochschwanger mit Benigna. Aber sie haben dich genommen. Und Jacob Grünthal mußte dir als zuständiger Amtmann die Ernennung mitteilen.
S Ja, hier ist sein Grab. Ich konnte es nicht verhindern. Ich habe wie ein Löwe gekämpft, daß dieser Mann nicht in der Kirche begraben wird! Er hat hier nichts zu suchen, auch als Amtmann nicht. Und zu allem Überfluß sollte es ein Soldatenbegräbnis sein, mit der roten Fahne aus dem Ungarn-Krieg, nur weil er in seiner Jugend Offizier war. Bis zum Konsistorium bin ich gegangen. Aber seine Freunde waren mächtiger.
A Das war dein erster großer Konflikt in Sangerhausen. Dabei waren Kriegszeiten und wir wußten nicht, daß dieser Krieg 30 Jahre währen sollte und was uns Schreckliches in Sangerhausen bevorstehen sollte.
S Ja, da war oft der einzige Halt Gottes Wort. Laß uns hören, welches Evangelium heute gelesen wird.
(Evangelium: Joh 6,1-15, Glaubensbekenntnis)

S Die Menschen teilen und das Brot reicht für alle. Das habe ich aus dem Johannesevangelium hier in der Kirche vorgelesen, als wir in Sangerhausen so gehungert haben.
A 30 Jahre lang war Krieg. Immer wieder kamen Soldaten und haben geplündert und vergewaltigt. Wir mußten ihnen Essen kochen und sind selbst vor Hunger fast ohnmächtig geworden.
1632 war es besonders schlimm. Da haben wir uns auf dem Kirchturm versteckt, mit 5 Kindern. Anna Marie war gerade ein Jahr alt. Sie waren ganz verstört. Wir haben im Turm gehört, wie die Meute in die Kirche eingebrochen ist, ihre Schreie und die Schläge. Als sie endlich abgezogen sind, haben sie in der ganzen Stadt Feuer gelegt.
S Wir haben überlebt, Anna Maria, mit Gottes Hilfe. Und von unseren 10 Kindern sind 8 groß geworden. Wer kann das von sich schon sagen!
A Und du hast alles aufgeschrieben. Abends, wenn die letzte Besprechung vorbei war, hast du dich ins Studierzimmer gesetzt. Ich mußte noch aufwaschen, das Geschirr von all den hohen Herren auf all den wichtigen Besprechungen. Oder ich saß in der Küche und eine der Sangerhäuser Frauen hat mir ihr Herz ausgeschüttet, was sie nie einem Herren Superintendenten zu sagen traute. Aber manches hast du von mir gehört. Seite um Seite hast du alles zu Papier gebracht.
S Es wurde höchste Zeit, daß jemand die Geschichte von Sangerhausen aufschreibt! Ich habe unzählige Leute nach ihren Erinnerungen befragt.
M Und stundenlang hast du in alten Urkunden gegraben. Oft habe ich schon geschlafen, wenn du endlich ins Bett gekommen bist.
S Wann hätte ich sonst schreiben sollen! Tagsüber hatte ich keine Zeit. Wie oft mußte ich ins Konsistorium nach Dresden. Die Dienstbesprechungen mit den Pfarrern bei uns. Die Aufsicht über die Schulen. Der Kastenschreiber mit den Rechnungsbüchern. Das Stift St. Spiritus.
M Und wenn du aus dem Rathaus kamst, warst du regelmäßig geladen. „Familie Tryller hat überall ihre Finger drin“, hast du geschimpft.
S Und die Ratsherren sind zu feige, ihren Mund aufzumachen. Dabei sollten sie für das Gemeinwohl eintreten! Macht, Geld und Filz! Ich habe aufgeschrieben, was sich in Sangerhausen abgespielt hat. Und gepredigt. Dort vorn, auf dieser Kanzel!!
A Komm, lass uns hinschauen. Ob Küster Metze noch seinen Schlüssel hat? – Die Sanduhr fehlt ja auf der Kanzel. (Wie wollen sie dann wissen, wann eine Stunde vorbei ist?) – Sie predigen heutzutage wohl nicht mehr so lange? Oder steigen gleich gar nicht mehr auf die Kanzel?
S Was ist denn das für eine Tafel? Ein Epiptaph. (studiert sie) Das bist ja du: Anna Maria Müller. Ein Epitaph für dich, meine Liebe! Die tüchtige Pfarrfrau mit den 10 Kindern. – Philipp hat die Tafel aufgehängt.
A Ich habe ihn auch drei Jahre gestillt. Er war so schwach. Und am Ende ist er Professor geworden.
S Und schau nur die Orgel! Niegelnagelneu! Welch ein prächtiger Prospekt!
A Was hast du über die Orgel geseufzt: „Die alte Mühle ist so alt wie der schiefe Kirchturm, und so schief klingt sie auch.“ Die Reparatur 1604 hat eine Unmenge verschlungen. Nun haben sie sich endlich eine neue angeschafft.
S Hier hab ich ein Gesangbuch gefunden. Was kommt denn jetzt dran? 447 – Lobet den Herren… Holla, der neueste Hit, und sehr aktuell. Feuerflammen, Diebe, Räuber… Die Melodie ist von meinem Kommilitonen, Johann Krüger. Der hat ein paar Jahre nach mir in Wittenberg angefangen zu studieren. Flotte Töne komponiert er. Das singen sie hier tatsächlich? Bei mir haben sich die alten Leute so mokiert, daß ich immer die modernsten Lieder ausgesucht habe.
A Aber Samuel, für die Leute, die hier sitzen, ist das uralt. Du vergißt, daß ein paar hundert Jahre vergangen sind. Und es ist auch nicht das nächste Lied. Das steht auf dem Zettel. Und es erzählt die Geschichte von eben aus dem Johannes-Evangelium, wie alle das Brot teilen.
S Nun ja, nach 350 Jahren darf ich wohl ein wenig vergeßlich sein. Und dieses Lied – das ist wirklich eine neue Zeit.

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