Blick über den Kanal

Meine heimliche Liebe gilt London. Big Ben, die Themse, die Doppeldecker-Busse, das Britische Museum, das Harrods-Kaufhaus, der Highgate-Cemetry mit dem Grab von Karl Marx… Auch wenn es mit meinem Englisch, gelinde gesagt, erbärmlich hapert – ich lasse mich gern treiben in dieser bunten und schrillen Stadt mit den vielen Gesichtern und unterschiedlichen Kulturen. Aus wievielen Ländern es Menschen auf „die Insel“ gezogen hat, läßt sich in der Metro erahnen: Inder, Chinesen, Afrikaner, Amerikaner… Völlig selbstverständlich klammern sie ihre Hände nebeneinander an die Haltestangen der überfüllten underground zur Hauptverkehrszeit.
London ist halt Weltstadt. Das Mutterland des einstigen britischen Imperiums ist schon lange Einwanderungsland, und London wurde zum Schmelztiegel der Kulturen wie Paris oder New York auch.
Diese Vielfalt von Kulturen und Lebensformen macht nicht nur den Reiz solcher Städte aus. Sie hat ihnen Weltniveau beschert – wissenschaftliches, künstlerisch-kulturelles, wirtschaftliches.
Wissenschaftlich gesehen spielt Deutschland auf vielen Gebieten längst keine Vorreiterrolle mehr. Die deutschen / jüdischen Gelehrten, die während der Nazi-Zeit emigriert sind, haben den USA zu einer Spitzenposition verholfen. Und die „Computer-Inder“ zieht es keineswegs zu uns, sondern nach Amerika.
Was „Deutschland ohne Juden“ und Einwanderer verlorengegangen wäre und seit 1933 verloren hat, das hat der Schriftsteller Bernt Engelmann schon 1988 im gleichnamigen Buch zusammengetragen und nachgewiesen. Es gibt zu denken, daß der Ruf nach Einwanderung inzwischen selbst aus der Wirtschaft kommt.

Davor freilich haben viele Leute Angst. Mindestens im Osten sind wir es nicht gewohnt, daß wir Tür an Tür wohnen (sollen) mit Leuten, die anders sprechen, aussehen, glauben und denken. Wir haben ja manchmal schon Schwierigkeiten damit, wenn sich „Einheimische“ einen ausgefallenen Haarschnitt zulegen oder sich sonstwie extravagant geben. Wirkt hier nach, daß die DDR uns auf Linie getrimmt hat und daß jede Abweichung mißtrauisch beäugt wurde?
Dazu kommt, daß die Politk bisher zu wenig Mühe darauf verwendet hat, wie Einheimische und „Fremde“ tatsächlich miteinander leben können. Das wird besonders in Großstadt-Vierteln mit hohem Einwanderer-Anteil deutlich. Kinder, die nicht richtig deutsch sprechen, haben weniger Chancen, gut in der Schule abzuschneiden und ins Berufsleben einzusteigen. So bleiben sie oft unter sich, auf niedrigerem sozialen Level. Sozialer Sprengstoff. Andererseits nehmen deutsche Eltern ihre Kinder von solchen Schulen aus der Angst, sie würden zu wenig gefördert – obwohl internationale oder zweisprachige Schulen aus allen Nähten platzen.

Manchmal packt mich die Sehnsucht nach London. In der U-Bahn käme niemand auf den Gedanken, über eine Farbige die Nase zu rümpfen oder von einem Inder weg zu rücken. In den klassischen Einwandererländern ist es selbstverständlich, daß jemand dazu gehört. Es nimmt auch niemand Anstoß, wenn Chinesen untereinander chinesisch sprechen oder Zugewanderte aus Lateinamerika spanisch. Alle wissen: Der Schmelztiegel verbindet sie am Ende alle miteinander.
Das haben die BewohnerInnen der großen Metropolen in der Vergangenheit immer wieder erfahren, und das verhilft ihnen zur Gelassenheit gegenüber Neuen, Anderen und Fremden. Dieses Vertrauen fehlt uns Deutschen. Wie unsicher wir uns unserer selbst sind, zeigt die Diskussion um eine „Leitkultur“.
„Integration“ ist ein mühsamer Weg. Nicht daß sie in den Weltstädten gelungen wäre. Das Sozialgefälle und all seine Folgen ist überall ein Riesenproblem. Und überall gibt es Rassismus und Leute, die Konflikte schüren. Die New Yorker Bronx ist selbst bei uns ein Begriff, obwohl sie besser ist als ihr Ruf. Aber weiter als wir sind sie schon. Manchmal wünsche ich mir, London wäre etwas näher.

Gott spricht: Ein Fremdling soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer unter euch, und du sollst ihn lieben wie dich selbst. (3. Mose 19,34)

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