Engel

Da war diese seltsame Geschichte in der Adventszeit. Ich muß drei oder vier gewesen sein. Der Weihnachtsbaum auf dem Markt, riesig und leuchtend, hatte es mir angetan, und ich wollte ihn gern einmal in aller Ruhe betrachten. In der Dunkelheit eines Nachmittags machte ich mich schließlich auf den Weg in die Stadt. Allein. Wie ich über die große Straße kam, um den Baum mit großen Augen zu bestaunen, weiß ich nicht. Jedenfalls fand ich mich schließlich an einer großen Hand vor, die mich wieder nach Hause brachte. Kein Mensch kannte die Frau, auch meine Mutter nicht, als sie mich in Empfang nahm. Mein Ausbleiben war noch gar nicht bemerkt worden, die Exkursion war wohl nur kurz. Aber sie stieß auf allgemeine und tiefe Verwunderung: Nicht nur wie ich über die große Straße gelangte, sondern mehr noch über diese rätselhafte Fremde, die mich zurückgeleitet hatte. Sie wurde nie wieder gesehen in unserer Stadt, auch später nicht. Weil diese Gestalt so unerklärlich war, könne sie nichts anderes als ein Engel gewesen sein. Bis heute herrscht in der Familie diese Überzeugung vor.
Für ein Kind kann es eine tiefe Erleichterung und Entlastung sein, wenn es weiß: es gibt einen Schutzengel. Es ist nicht allein. Es ist auch dann nicht allein, wenn Mutter oder Vater oder alle, die es kennt, nicht da sind und es sich selbst helfen muß. Wenn es weiß, daß ein Schutzengel da ist, braucht es in schwierigen Situationen nicht aufzugeben.
Wenn ein Kind an einen Schutzengel glauben kann, dann ist das vor allem ein Schutz für seine Seele. Oder umgekehrt: Was muß in einem Kind schon zerbrochen sein, wenn sein Vertrauen darin, daß die Welt Gutes bereit hält, zerstört ist.

Ein Engel ist immer etwas Positives und Aufbauendes. Der Schutzengel leitet, beschirmt, wendet Böses ab, führt auf dem (manchmal schwierig zu findenden) richtigen Weg oder Ausweg. Er unterstützt und hilft auf – auch dann, wenn ein Kind das Gefühl hat, versagt oder etwas Falsches getan zu haben. „Das habe ich dir doch gleich gesagt“ würde nie aus seinem Munde kommen. (Es hilft ja auch nicht weiter.) Stattdessen hilft er, Fehler zu korrigieren.
Die Seele eines Kindes wird behütet, wenn es einen solchen Engel hinter sich weiß.

Engelkalender, -figuren, – sprüche, Tontopf-Engelchen – das alles verkauft sich seit einigen Jahren sehr gut. Selbst Atheisten sollen danach greifen. Ich glaube, es ist das Bedürfnis nach einem Behütet- und Geborgensein, das den Engeln zur Konjunktur verhilft. Der verborgene Wunsch steckt dahinter, nicht in der Masse unterzugehen, sondern als einzelne Person wertgeschätzt und wahrgenommen zu sein.
Die Engel sind letztlich ein Symbol für Gott und für das, was von ihm ausgeht. Mögen auch wir nicht nur behütet bleiben, sondern innerlich wachsen. Und mögen wir Schutz nicht nur für uns selbst reklamieren. Gott hütet die ganze Welt, und wir sind aufgefordert, dabei mitzutun.
Gott hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen.“ ( Psalm 91,11)

Weitere Predigten in der Advents- und Weihnachtszeit: hier

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2 Gedanken zu “Engel

  1. Ich hatte ein ähnliches Erlebnis. Als ich drei oder vier Jahre alt war, meine Mutter schlief, mein Vater war arbeiten, nahm ich Förmchen und Schüppe und ging im Nachthemd hinunter in den Sandkasten. Dabei ließ ich alle Türen offen und eine fremde Frau brachte mich zurück.

    Herzlichen Gruß
    Anna-Lena

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