1914: Friede auf Erden

[Hintergründe und Zitate nach: Klaus Wiegrefe. Wunder der Verbrüderung, Spiegel 45 / 2003, S.68f.
Michael Jürgs: Singen mit dem Feind. Spiegel 45 / 2003, S.68 u. 75]

Heute vor genau 90 Jahren wurde Friede auf Erden. Genau so, wie es die Engel den Hirten auf den Feldern von Betlehem gesungen hatten: Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens. Und zwar mitten im Krieg. Im 1. Weltkrieg.

Zu Weihnachten seid ihr wieder zu Hause, hatten die Generäle im August 1914 versprochen. Inzwischen waren allein an der Westfront 1 Million tot oder verwundet. Der Rest hockte verlaust und verfroren in den Schützengräben.
Die Armeeführung richtete sich auf einen längeren Stellungskrieg ein und lieferte Weihnachtsbäumchen an die Front, die Kerzen bereits an den Zweigen. Freundinnen und Eltern zuhause warteten vergeblich.

Soldatenbilder aus der Jacobikirche
Soldatenbilder aus der Jacobikirche

Und da brach der Frieden aus. Ein Jugendlicher schreibt seinen Eltern: „Es klingt kaum glaubhaft, ist aber pure Wahrheit. Kaum fing es an Tag zu werden, erschienen schon die Engländer und winkten uns zu, was unsere Leute erwiderten. Allmählich gingen sie ganz heraus aus den Gräben, unsere Leute zündeten einen Christbaum an, stellten ihn auf den Wall und läuteten mit Glocken. Alles bewegte sich frei aus den Gräben, und es wäre nicht einem in den Sinn gekommen zu schießen. Was ich vor ein paar Stunden noch für Wahnsinn hielt, konnte ich jetzt mit eigenen Augen sehen … Zwischen den Schützengräben stehen die verhassten und erbittertsten Gegner um den Christbaum und singen Weihnachtslieder. Diesen Anblick werde ich mein Leben lang nicht vergessen.“ (72) Andere tauschten Zigaretten und Tabak, wünschten sich frohe Weihnachten und ein gutes neues Jahr. Anderswo berichtet jemand: „Jetzt stellten wir auf unserem kilometerlangen Schützengraben noch mehr Kerzen auf als vorher. Es war die reinste Illumination … An einigen Stellen waren … Tannenbäume mit brennenden Kerzen gestellt, die Engländer klatschten begeistert … Ich war wie die meisten meiner Leute die ganze Nacht hindurch wach. Es war eine wundervolle, wenn auch etwas kalte Nacht.“ (72)
Ein englischer Friseur stellte einen Hocker auf den zugefrorenen Acker und schnitt Freund wie Feind die Haare. Anderswo spielten Soldaten Fußball zwischen den Fronten. Es sollen hunderte gewesen sein. Die Generäle waren machtlos.
Die Westfront zwischen Nordsee und Schweizer Grenze war knapp 800 km lang. Ein Spiegeljournalist hat das schier Unglaubliche recherchiert: Fast überall hörten hier die Soldaten zu Weihnachten 1914 auf zu kämpfen. Meistens bis zum 2. Feiertag, vereinzelt sogar bis in den Februar hinein.
Die Weihnachtsbotschaft hat Frieden geschaffen in einem grausamen und sinnlosen Krieg. Die Ruhe der Stillen Nacht hat Granaten und Geschütze verstummen lassen. Aus Feinden wurden Brüder. Das Bild des kleinen Kindes in der Krippe war stärker als die Feindbilder, die sich in ihren Köpfen eingenistet haben. Solche Kraft kann nur Weihnachten entfalten.

Nach Frieden sehen wir uns auch heute. Dass wir so unzulänglich sind, macht uns hilflos, Gewalt selbst in den Familien, Streit zwischen Nachbarn und Völkern. Die Schwachen geraten schnell an den Rand, so wie das kleine Kind in der Krippe, arm, obdachlos, ohne einen rechten Platz in der Welt.
Doch dieses Kind schreit nicht nach Vergeltung, Wiedergutmachung, Genugtuung. Es macht ihr ein Ende. Es liegt waffenlos und entwaffnend in der Krippe. Es zaubert ein Lächeln auf harte Gesichter. Es streckt die Hände aus, damit wir Frieden finden und uns versöhnen, mit uns selbst, in uns selbst, mit unseren Lieben, mit denen, die uns fremd geworden sind.

Aufeinander zugehen und die Hände reichen, das können auch wir heute. Natürlich können sich auch Leere und Entfremdung unter dem Christbaum breit machen. Natürlich können wir auch am Heiligabend unseren Alltag fortsetzen, und der kann so mörderisch sein wie der Krieg 1914. Wir können aber auch Stille Nacht singen und uns an die Geschichte von dem Kind erinnern. Wir können Kerzen leuchten lassen, Licht im Dunkel der Nacht und der Seelen. Wir können uns das Herz erweichen lassen.
Selbst den Soldaten damals, denen die Feindbilder von Kindheit an eingetrichtert wurden, selbst denen wurde das Herz warm, und sie ließen die Waffen sinken mitten im Krieg. Heute vor genau 90 Jahren wurde schon einmal Frieden auf Erden. Sollte dieses Wunder nicht auch heute wieder geschehen, bei uns, wo wir doch schon manche Feindbilder abgelegt haben?!
Ich wünsche uns, dass wir heute abend die Freude wiederfinden, nach der sich alle Menschen sehnen, damit sie uns verwandelt und verbindet. Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.

Heiligabend 2004
Weitere Predigten in der Advents- und Weihnachtszeit: hier
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