Die Palme erzählt am Gründonnerstag

Ich bin eine Palme. Ich bin weit gereist, aus Jerusalem, genauer vor dem Stadttor von Jerusalem. Und ich habe viel erlebt.
An eins erinnere ich mich wie gestern.
Es war um diese Zeit, genau eine Woche vor Ostern, am Sonntag vor Ostern. Der Sonntag heißt heute Palmsonntag. Warum, das werdet ihr gleich hören. Das Passah-Fest stand vor der Tür. Viele Leute in Festgewändern waren schon an mir vorbei nach Jerusalem gezogen, um Passah zu feiern. Nur die römischen Soldaten an den Stadttoren guckten grimmig. Einen Aufstand, das fürchteten die Römer am meisten. Und im geheimen träumten viele Juden nämlich davon, frei zu sein. Ein neuer König David müsste kommen! Ein Befreier, von Gott geschickt.

Ich wiegte meinen Wipfel in der warmen Frühlingssonne hin und her, als lautes Rufen mich aus meinen Träumen riß. Zwei Männer mit Messern liefen von Baum zu Baum. Hier, rief der eine. Der andere hieb einen Palmwedel ab. Den da – und zack, war der nächste ab. So ging es von Baum zu Baum. Die Zweige legten sie sorgfältig mitten auf den Weg. Ich wunderte mich sehr. Hinter ihnen wälzte sich eine Masse von Leuten heran. Unter mir zog der vorderste seinen Mantel aus. Er breitete ihn mitten auf der Straße aus. Andere taten es ihm nach, auf einmal war der ganze Weg von Kleidern und Zweigen bedeckt. Es sah aus wie ein Teppich.

Auf einmal traten alle an den Straßenrand, und es wurde still. Ein Mann auf einem Esel ritt vorbei. Alle verbeugten sich. Dann fingen sie an zu jubeln. Halleluja. Hosianna. Gott sei Dank. Gelobt sei der Sohn Davids.
David, dachte ich? Das war doch der berühmte König vor langer Zeit. Sollte das der neue König David sein, der Retter, den die Juden sich erhofften??
Während ich überlegte, was die Römer dazu sagen würden, verschwand der Zug jubelnd und singend in Richtung Stadttor Jerusalem. Markwürdige Leute. Sicher wollten sie auch zum Passahfest. Es war ja der Sonntag davor.

Die Woche fängt ja gut an, dachte ich. Später hat der Tag sogar einen Namen bekommen. Palmsonntag. Wegen der Palmzweige, über die der Mann auf dem Esel geritten ist. Und ihr, ihr sagt sogar heute noch „Palmsonntag“.
Ab er es sollte noch mehr passieren in dieser Woche. Ich sah diesen Mann wieder – genau zum Passahfest. Und da erfuhr ich auch, wie er hieß: Jesus. Einer seiner Kollegen hatte nämlich am Palmsonntag ein Blatt von mir aufgehoben und in die Tasche gesteckt. So war ich das erste Mal bei einem richtigen jüdischen Passahfest dabei!

Am Gründonnerstag war es soweit, am Abend. In einem großen Raum war eine festliche Tafel vorbereitet. Der Mann und seine Freunde versammelten sich um sie. Öllampen leuchteten. Ein gebratenes Lamm wurde hereingetragen, Brot und Wein.
Jesus las aus der Bibel vor, wie Gott vor langer Zeit das jüdische Volk aus der Sklaverei befreit hat. „Unser Gott liebt auch heute Freiheit und Gerechtigkeit“, kommentierte jemand. Der Mann, also Jesus, sprach ein Dankgebet, und dann langten alle kräftig zu. Das Lamm wurde komplett alle. Am Ende rückte der Mann Brot und Wein in die Mitte. Er dankte Gott für das Essen. Dann hob er das runde Brot hoch und brach es in der Mitte durch. „Schaut es euch an! Damit wir alle davon essen können, müssen wir es vorher in Stücke brechen. Mir wird es ähnlich gehen wie dem Brot. Ich werde zerbrechen. Die Soldaten werden mich schlagen und töten. Ich nehme es auf für euch. Denkt daran, wenn wir das Brot essen!“

Er reichte es weiter, alle brachen sich ein Stück davon ab. Aber ich merkte schon, wie sie sich wunderten. Das schien nicht zum Passahfest zu gehören. Mit dem Weinkelch ging es nämlich genauso sonderbar weiter. Der Mann hob ihn hoch und sagte: „Trinkt alle daraus. Auch mein Blut wird vergossen werden, so wie der Wein. Ich gebe mein Leben hin, weil ich euch liebe.“ Alle in der Runde tranken aus dem Kelch. Dann protestierte einer: Wieso sollst du sterben? Wir verraten dich nicht! Wir bleiben bei dir. Aber der Mann winkte nur ab.

Der Rest ist kurz erzählt: Noch in der Nacht, noch am Gründonnerstag wurde der Mann festgenommen. Einer seiner Freunde hatte ihn verraten. Dann wurde er verhört und verurteilt. Tod am Kreuz. Am Karfreitag soll er gestorben sein, nachmittags um 3. Das habe ich aber nicht mehr miterlebt. Ich habe den Mann das dritte Mal gesehen, kurz bevor er verurteilt wurde, am Karfreitag morgen. Das war zugleich das letzte Mal. Eine riesige Menschenmenge hatte sich vor einem Palast versammelt. Wie ich später erfuhr, war es das Haus des Gouverneurs der Römer, Pontius Pilatus. Die Leute waren aufgewühlt und wütend, es war ein ohrenbetäubender Lärm. Jetzt beginnt der Aufstand gegen die Römer, dachte ich. Aber die Soldaten griffen nicht ein. Erst nach und nach verstand ich, was die Leute riefen: Kreuzige, kreuzige ihn. Sie meinten Jesus. Sie wollten, dass er starb. Ich begriff das nicht. Ein paar Tage vorher hatten sie doch gejubelt. Halleluja. Gelobt sei der Sohn Davids! Dieselben Leute waren dabei, jedenfalls die beiden mit den großen Messern erkannte ich wieder und den, der zuerst seinen Mantel auf die Erde gebreitet hatte. Können sich die Menschen so schnell ändern – am Palmsonntag Halleluja rufen und am Karfreitag Kreuzige? Tatsächlich, Pilatus verurteilte ihn zum Tod.

Dann ging alles sehr schnell. Ein Soldat kam auf den Mann, in dessen Tasche mein Blatt – also ich  – steckte, zu. Er war ja ein Freund von Jesus. Sollte er auch verhaftet werden? Der Mann bekam es mit der Angst zu tun und flüchtete. Er duckte sich, schlüpfte zwischen den Leuten hindurch und rannte weg, so schnell ihn seine Beine trugen. In dem Gewühl fiel ich ihm aus der Tasche.

So kann ich nur weitererzählen , was ich später aufschnappte. Dass Jesus am Karfreitag um drei gestorben ist, sagte ich schon. Sein Leichnam wurde in eine Felshöhle gelegt. Am Ostersonntag früh kamen die Freundinnen von Jesus mit Salböl zum Grab. Aber die Felshöhle war leer. „Jesus ist nicht tot. Er ist auferstanden,“ sagten die Frauen. Erst wollte ihnen niemand glauben. Aber auch andere berichteten es, mit leuchtenden Augen. Die Leute in Jerusalem wunderten sich: „Haben sie denn gar keine Angst vor den Römern? Sie sind ja wie verwandelt! Als ob sie zu Ostern selbst auferstanden wären!“

Und das habe ich wieder mit eigenen Augen gesehen: Dass Leute aufgekratzt durch Jerusalem gelaufen sind und sich zugerufen haben: Jesus lebt.

Andacht am 24.3.2005 (Gründonnerstag)

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