Presente! Osterpredigt

Ostermorgen in einer einfachen Kirche in Lateinamerika. Die Leute stehen dichtgedrängt. Eine Liste mit Namen wird vorgelesen, einer nach dem anderen. Manchmal schluchzt jemand auf. Es ist die bedrückende Liste mit Namen von Menschen, die getötet sind oder verschwunden: erschossen, mit Folterspuren tot aufgefunden, auf einen Lastwagen gezerrt und nie wieder aufgetaucht, festgenommen und in Gefängnissen verschwunden. Carlos, Eva, Oscar.

Nicht einmal ein Grabstein sollte an sie erinnern; die Lebenden sollten eingeschüchtert werden, ihr Zusammenhalt auseinanderbrechen. Aber sie sind nicht ausgelöscht. Name um Name erklingt. Und auf jeden Namen antwortet die ganze Gemeinde im Chor: Presente. Presente, das heißt: ist da, ist anwesend, ist hier unter uns. Nicht ausgelöscht, nicht durchgestrichen, nicht vergessen, nein, presente. Eure Namen, eure Gesichter – ihr seid unter uns lebendig, eure Kraft. Die Rechnung der Bedrücker geht nicht auf: Sie können den Körper foltern und töten. Aber die Gemeinschaft können sie nicht zerstören und den Geist, der in ihr lebt. Carlos presente, Eva presente, Oscar presente.
Der Priester beginnt zu predigen: Mit Jesus war es genauso. Sie haben ihn gefoltert und ans Kreuz gehängt am Karfreitag. Aber was er begonnen hatte, ließ sich dadurch nicht austilgen, im Gegenteil. Die Nachricht von ihm breitete sich noch mehr aus. Jesus ist auferstanden, Jesus ist hier, Jesus presente, riefen seine Freundinnen und Freunde am Ostersonntag, und sie wurden immer mehr. Carlos presente. Eva presente. Oscar presente, Jesus presente.
An diesem Ostermorgen in einer einfachen Kirche in Lateinamerika haben Menschen die Kraft, der Trauer, der Angst und der Einschüchterung zu trotzen. Ich glaube, sie sind in Wirklichkeit freier als die, die ihnen drohen. Und ich glaube, unter ihnen ist der Geist jenes ersten Ostermorgens zu spüren. Er macht ihnen Mut, dass sie nicht resignieren, er gibt ihnen Kraft zum Aufstehen. Er gibt ihnen die Kraft, dass sie den Haß überwinden.

Presente. Der Geist der Auferstehung ist auch bei uns lebendig. Viele Menschen hier in Sangerhausen sind in der Gefahr, dass sie innerlich abstumpfen, dass sie gleichgültig und interesselos werden. Manche Leute haben sich schon aufgegeben, sich, ihre Mitmenschen, diese Stadt, unsere Gesellschaft. Das ist eine Art innerer Tod, und er ist genauso gefährlich wie der äußere. Denn er kommt schleichend, und die einzelnen merken ihn gar nicht.

Widerstehen wir diesem Sog, der uns grau und gleichförmig macht! Gott ruft uns zum Leben. Er weckt Vertrauen und Hoffnung in uns, damit wir der Passivität und Lieblosigkeit zu widerstehen vermögen. Jesus brachte tote Augen zum Leuchten und stand für das Leben auf. Er lässt auch unsere Augen leuchten, dass auch wir aufstehen und uns nicht lähmen lassen von dem, was uns beschwert und hinunterzieht, das Schweigen, das Lamentieren, das Klagen, die Ängste. Presente. Er ist da.

Ich bin heute bewusst auf die Kanzel gestiegen. Über mir ist auf dem Kanzeldeckel der auferstandene Jesus zu sehen, um ihn herum niedlichen Putten. Sie halten Hammer, Zange, Lanze, zwei Nägel in ihren Händen. Es sind die Leidenswerkzeuge, mit denen Jesus gequält wurde. Dieser Kanzeldeckel ist in einer Zeit entstanden, 1593, in der Menschen tatsächlich gefoltert und gequält worden sind, auch in Sangerhausen. Am Karfreitag vor einem Jahr haben wir darüber nachgedacht, dass auch unsere Jacobikirche damit verflochten war. Der damalige Superintendent hat mehrmals Prozesse in Gang gebracht, indem er Menschen der Hexerei verdächtigt hat. Und der, der diese Prozesse geleitet hat, hat das prachtvollste Grab, im Chorraum rechts hinter dem kostbaren Gitter. Caspar Tryller hat immens viel gespendet für unsere Kirche, die Bemalung, den Altar. Als Amtsschösser aber hat er die Folterungen geleitet. Die Engel auf dem Kanzeldeckel halten die Werkzeuge in der Hand.
Doch über ihnen steht Christus, dem Tod entstiegen. Er hat die Hände nach oben gestreckt und ausgebreitet, jubelnd und segnend zugleich. Die Enden seines Gewandes werden vom Wind weggeblasen, Zeichen für Gottes Geist, der ihn umweht, Zeichen des Lebens. Presente. Er steht auf der Weltkugel. Denn was ihm widerfuhr, das soll für die ganze Welt gelten: Sein Tod war grausam. Folter und Verfolgung, Not und Leid – das gehört zu unserer Welt. Sogar unsere Kirche ist damit verflochten. Aber der Tod konnte Jesus nicht auslöschen. Er ist lebendig – und wir mit ihm. Sein Geist bläst alles kräftig durcheinander. Er bringt frischen Wind in unsere Welt, bis hierher nach Sangerhausen, bis in unsere Kirche, weht Hoffnungslosigkeit und Lähmung einfach weg. Presente. Er ist da.

Presente. Das soll auch nach jedem unserer Namen stehen. Das soll für jede, für jeden von uns gesagt werden: Julia, Claudia, Jonas, Gerda, Benjamin… … Presente, so wahr wie Jesus presente ist.

 

Predigt zu Ostern 2005

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