Gottesdienst zum Tag gegen die Todesstrafe

Haben Sie mitbekommen, welcher Gedenktag gestern war? Nein?? Am 10. Oktober ist weltweiter Tag gegen die Todesstrafe. Kaum jemand weiß das. Auch ich habe es nur erfahren, weil auf dem Weimarer Kirchentag ein kleiner Stand war von Christinnen und „Christen für die Abschaffung der Folter“ (ACAT). Das gehört wohl dazu. Über Folter und Todesstrafe wird nicht gern geredet. Es ist ein Thema, über das wir schweigen. Und auch ihre Opfer werden verschwiegen. Sie sitzen in einsamen Kellern, in schallgeschützten Verliesen und Gefängnissen. Ihre Schreie dringen nicht nach außen. Die Öffentlichkeit bekommt nichts davon mit. Oft will sie das auch gar nicht. Es ist kein Thema, mit dem wir uns gern beschäftigen. Wer davon redet, kommt schnell selbst in Verdacht: Miesmacher zu sein oder eine Landesverräterin, die den Staat schlecht macht. Bei uns passiert so etwas ja nicht! Wenn kritische Menschen Zweifel äußern, können sie hören, sie würden die Verfolgung von Kriminalität behindern oder die gerechte Verurteilung schlimmer Verbrechen.
In mehr als der Hälfte aller Staaten gehört Folter zur Realität – auch in Ländern, die internationale Konventionen ratifiziert haben. Besonders viele Meldungen kommen derzeit aus Tunesien, Sri Lanka, USA, Sudan, Kolumbien, Israel, Mexiko, Nigeria, Indien, Philippinen und China.    Nur 96 Staaten haben die Todesstrafe ganz abgeschafft. Im Jahr 2008 wurden mindestens 2.390 Menschen in 25 Ländern hingerichtet und 8.864 Personen zum Tode verurteilt. Die tatsächlichen Zahlen sind wahrscheinlich noch viel höher. (www.amnesty.de)
Todesstrafe wird nicht nur für Mord verhängt. Sie kann schon ausgesprochen werden lediglich wegen Bankraub (Saudi-Arabien), Korruption (China), Homosexualität (Iran, Saudi-Arabien, Jemen, Sudan und Mauretanien), wegen Drogenhandel und z.T. sogar schon wegen Drogenbesitz (Indonesien, Malaysia, Singapur, Thailand, Taiwan) oder bei Fremdgehen (Saudi-Arabien, Iran, Afghanistan) (Quelle: wikipedia: Todesstrafe). Und sie trifft in erster Linie Angehörige von Minderheiten, Arme und Oppositionelle.

Im Zweifel gegen den Angeklagten. Zum Beispiel: Texas.

„Seit 1982 wurden in Texas 439 Menschen durch eine Giftinjektion exekutiert. So viele wie in keinem anderen US-Bundesstaat. Einer von ihnen war Cameron Todd Willingham. Er war 2004 wegen Brandstiftung und Mordes an seinen drei Kindern hingerichtet worden. Anfang September kam eine neue Untersuchung zu dem Ergebnis, dass Willingham das Feuer in seiner Wohnung, in dem seine drei Kinder umkamen, nicht gelegt hatte. Die Brandursache war vermutlich ein technischer Defekt. Willingham hatte bis zuletzt seine Unschuld beteuert.
In Texas kommt es immer wieder zu Hinrichtungen, bei denen erhebliche Zweifel an der Schuld der Verurteilten bestehen. Oft wurde ihnen die Gleichgültigkeit und Inkompetenz ihres Pflichtverteidigers zum Verhängnis. So wie Gary Graham. Der damals 17-jährige war 1981 angeklagt worden, auf dem Parkplatz eines Supermarktes in Houston einen Mann erschossen zu haben. Es gab sieben Augenzeugen, von denen vier den Täter nicht genau beschreiben konnten und zwei weitere aussagten, dass Graham mit Sicherheit nicht der Täter sei. Lediglich eine Zeugin identifizierte Graham als Täter.
Graham hatte vier Zeugen für sein Alibi, und die ballistische Untersuchung ergab, dass die tödliche Kugel nicht aus seiner Pistole abgefeuert worden war. Sein Pflichtverteidiger war jedoch von der Schuld seines Mandanten überzeugt. Er lud weder die Entlastungszeugen noch die Alibizeugen vor. Und er informiert die Jury auch nicht darüber, dass Grahams Pistole nicht die Mordwaffe sein konnte. Wegen der Aussage der einen Zeugin wurde Graham schuldig gesprochen. Nachdem er 19 Jahre in der Todeszelle gesessen hatte, wurde er trotz internationaler Proteste – auch von Amnesty – am 23. Juni 2000 hingerichtet. … Über 90 Prozent der von der Todesstrafe bedrohten Angeklagten sind arme Weiße oder Afroamerikaner, die sich keinen guten Anwalt leisten können.   … Zur Zeit sitzen in den texanischen Todestrakten 328 Männer und zehn Frauen.“ (Amnesty Journal 10/11 / 2009, 48)

Wer gefoltert wird, ist meistens allein. Die Mauern der Kerker sind dick. Niemand soll hören, was hier passiert. Er oder sie ist schon irgendwie schuldig. Es gilt nur noch ein Geständnis herauszupressen oder Kontaktpersonen zu finden. Und diese Menschen zu zerbrechen und andere abzuschrecken. Wo gefoltert wird, ist ein Leben nicht viel wert. Sadistische Triebe können sich ganz legal austoben.
Folter und Todesstrafe stehen völlig entgegensetzt zu der Lebenseinstellung von Jesus: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen deinen Kräften“. „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“. Folter geht das Risiko ein, Menschen zu zerbrechen. Sie geht gewaltsam über sie hinweg. Jesus zeigt uns, wie wir sorgsam und behutsam miteinander umgehen können. Liebe zu Gott und den Menschen steht bei ihm an erster Stelle.
Was ist Liebe? Wer ist mein Nächster? Ich liebe euch doch alle, hat Erich Mielke gesagt, der letzt Minister für Staatssicherheit der DDR. Es verwirrte ihn, daß die Leute ihm nicht glaubten. Die Inquisitoren waren fest davon überzeugt, Gott einen guten Dienst zu erweisen. Die Scheiterhaufen brannten zur Ehre Gottes.
Viele schlimme Verbrechen der Menschheitsgeschichte wurden im Namen höherer Werte begangen, im Namen Gottes, im Namen der Gerechtigkeit, der Liebe. Und auch die kleinen, die als Familiendrama durch die Medien gehen. Das Frauenhaus ist voll von Geschichten, in denen Menschen eingeschüchtert, erniedrigt, geschlagen wurden – aus „Liebe“. Solche „Liebe“ will andere festhalten oder in ein Konzept pressen. Sie sollen in ein Bild passen, und diese Bilder sind meistens Fesseln und nageln sie fest.
Doch Gott und die Menschen lieben heißt, andere freigeben und ihnen Freiheit zugestehen, bis hin zur Freiheit, anders zu sein. Wenn wir einen Menschen lieben, dann helfen wir dabei, daß er oder sie sich entwickelt und entdeckt, was in ihr / ihm steckt. Liebe und Respekt gehen Hand in Hand. Die Liebe steht dem oder der anderen bei, wenn es Zeit ist, sich zu verändern und zu wandeln und eine neue Richtung im Laben einzuschlagen. Liebe ist nicht ängstlich festhalten, sondern frei werden und frei geben. Furcht ist nicht in der Liebe, sondern wahre Liebe treibt die Angst aus, heißt es im 1. Johannesbrief (4,17f.) Liebe und tue, was du willst, hat der Kirchenvater Augustinus gesagt. Liebe und Freiheit gehören zusammen. Die Schwester der Liebe ist die Freiheit.
Gott und die Menschen lieben, das bedeutet für mich, für Freiheit einstehen, für Gedankenfreiheit, für die Freiheit, sich im öffentlichen Raum frei zu bewegen, das Recht auf Selbstbestimmung. Und für die Befreiung von Menschen. Öffentlichkeit und Demokratie sind die wirksamsten Mittel gegen Folter und Todesstrafe. Selbst Diktaturen fürchten den Protest der Weltöffentlichkeit.
Irina Ratuschinskaya, eine russische Lyrikerin, saß in der Sowjetunion im Gefängnis: „Als die ersten Briefe aus dem Ausland zu meinen Gunsten ankamen, haben mir die Wächter meine Kleider zurückgegeben. 200 weitere Briefe haben mir den Besuch des Gefängnisdirektors gebracht. Nach 3000 Briefen ließ mich der Präsident der Republik frei. Meine Freiheit verdanke ich der internationalen Solidarität. Deswegen höre ich nicht auf zu betonen: Man muss schreiben, noch und noch, man muss es, es ist sehr wichtig: man muss schreiben und Nachrichten verlangen.“ (www.acat-deutschland.de)

Folter, Unterdrückung und Verschwindenlassen, das ist für unzählige Menschen unserer Welt immer noch traurige Wirklichkeit. Auch Jesus wurde gefoltert. Er weiß, wie es ist, ausgeliefert zu sein und erniedrigt zu werden. Er gehört zu den vielen Opfern von Justizmorden. Aber sie haben ihn nicht zerbrechen können. Das hat vielen Menschen Mut gemacht. Er hat sich nicht zum Opfer machen lassen.
Gibt sein Tod Hoffnung? Er gibt Hoffnung, wenn wir aufstehen. Auferstehung beginnt, wenn wir aufstehen und protestieren und anschreiben gegen alle Tode dieser Welt. Der gefolterte, ermordete Jesus erinnert uns an seine Zellengenossen, daran, daß wir die Verschwundenen dieser Erde und die um ihrer Freiheit Beraubten nicht vergessen. Er kommt, um den Gefangenen zu sagen, daß sie frei sein sollen (Lk 4,18). Im Namen der Liebe zu Gott und den Menschen.

Predigt am 11.10. 2009 (18 Sonntag nach Trinitatis) über Markus 12,28-34

Predigten in der Karwoche: hier
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