Die Mauer weglachen. Andacht am 9. November 2009

Witze sind die Waffe der Unterdrückten. Sie haben etwas Subversives. Sie untergraben die Autorität, nehmen sie einfach nicht mehr ernst, pfeifen auf die Regierung, entlarven ihr hohles Gerede, nehmen ihr Ende vorweg.
Witze sind die Waffe der Machtlosen, die nichts in der Hand haben, die keinen Druck ausüben können, nicht streiken, nicht demonstrieren, denen die Möglichkeit oder der Mut zum offenen Protest fehlt. Sie sind gewaltlos, wie Kerzen und Gebete.
Wer einen Witz macht, wer darüber lachen kann, bewahrt sich einen Rest Menschenwürde und baut innere Distance zum Regime auf. Für einen Moment besiegt das Lachen die Angst. Für einen Moment kommt die Wahrheit ans Licht: Der Kaiser ist nackt. Für einen Moment sind die Rollen vertauscht, und die sonst das Sagen habe, kommandieren und anordnen, sie sind auf einmal sprachlos, perplex, aus dem Konzept gebracht.
Die Rollen sind vertauscht wie in dem Lied, das Maria für das Kind sang, das sie in ihrem Bauch trug, ein Lied für ihren ungeborenen Sohn von einer anderen Welt: Gott fegt die Stolzen weg samt ihren Plänen. Gott stürzt die Mächtigen von den Thronen und richtet die Unterdrückten auf.

Maria wagt sich, ein staatskritisches Lied zu singen, in einem besetzten Land, das vor Waffen starrte und in dem die Römer keinen Augenblick lang Zweifel daran ließen, daß die Machtfrage für sie gelöst war. Sie sang es in einem Land, an dessen Spitze ein König stand, der seine Ohren überall hatte und selbst die engsten Verwandten aus dem Weg räumt, wenn er nur den leisesten Verdacht hatte. Sie sang es, obwohl sie kurz nach der Geburt von den Soldaten aufgestöbert wurde und unter Lebensgefahr ins Exil fliehen musste.

Gott stürzt die Mächtigen von den Thronen und richtet die Unterdrückten auf. Diesen Geist hat Jesus schon im Mutterleib aufgesogen. Gott fegt die Stolzen weg samt ihren Plänen, die Funktionäre mit ihrem feisten Grinsen, die, die den Leuten ihre Rechte verweigern und sie zu Demutsgesten nötigen. Mögen sie noch so selbstgefällig hinterm Schreibtisch sitzen – im Witz ist der Moment nicht mehr fern, in dem sie einmal abtreten müssen.

Es ist gut, wenn wir heute lachen können, nach 20 Jahren. Es tut uns gut, wenn wir Wut, Scham, Angst, Reue herauslassen, wenn wir auslachen, was uns kleingemacht hat. Evangelium heißt Frohe Botschaft, die Bibel redet viel vom Jubeln.

Im Nachhinein können wir zugeben, wie lächerlich vieles aufgeblasene Getue war. Im Herbst 1989 ist der Witz des Volkes zum Vorschein getreten. Wir haben erlebt, wie die Mächtigen vom Thron stürzten. Der Tag heute ist Anlaß zu Freude. Wie könnten wir ihn besser begehen als mit Witz, mit Gelächter, mit Lachen, das uns befreit.

In der Andacht zum Mauerfall am 9.11.2009 haben wir dann politische Witze erzählen lassen und  in der Kirche zum Lesen aufgehängt.

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