Das andere Betlehem – Veränderung beginnt an der Peripherie

Es war viel los an diesem ersten Heiligabend in Bethlehem. Die Beamten schwitzen über Steuerlisten und Statistiken. Überall mussten die Abrechnungen noch fertig werden. Viele hatten Freunde und Verwandte zu Besuch, und die Gäste wollten alle versorgt sein. Die Kinder freuten sich über die Abwechslung und die Alten über Gesichter, die sie seit Ewigkeiten nicht gesehen hatten. Die Frauen backten Brot, die Kinder wurden ausgeschickt, Feuerholz zu suchen. Ein kleiner Junge hatte sich das Knie aufgeschürft und weinte. Die Nachbarn hatten eine neue Ziege angeschafft, die nun von allen Seiten begutachtet wurde. Kurzum – die meisten Leute waren mit sich beschäftigt, so sehr, daß sie gar nicht mitbekamen: Es gab noch ein komplett anderes Bethlehem. Ein Bethlehem und Leute, von denen sie gar nichts ahnten, obwohl sie manchmal Tür an Tür mit ihnen wohnten.
Das andere Bethlehem, das waren die Hirten draußen vor der Stadt. Oder Gestalten wie Maria und Josef, die an ihre Türen klopften. Ein Kind, das im Stall zur Welt kam, so arm war es.
Wahrscheinlich übersahen sie sie einfach. Dieses andere Bethlehem, es war das Bethlehem der Armen und der Randexistenzen, aller derer, die nicht so richtig dazupassen und die in jeder Gesellschaft übersehen werden. Auch uns ist es unangenehm, wenn wir auf die Schattenseiten unserer reichen Welt treffen. Wir ahnen, daß die Schatten, mit denen andere Menschen kämpfen müssen, etwas mit dem Licht und Glanz zu tun haben, in dem wir leben.
Die Hirtinnen und Hirten machten die Arbeit vor den Toren Bethlehems. Aber sie gehörten nicht dazu. Zu welchem Preis sie die Schafe für die Leute hüteten, interessierte die wenigsten. Vielleicht hätten sie sonst ein schlechtes Gewissen bekommen. Vielleicht hätte sonst die Angst in ihnen genagt, daß sie selbst abstürzen können, abrutschen in Armut und ungesicherte Arbeitsverhältnisse wie die Hirten.
Das etablierte Bethlehem und das andere, das war wie zwei Welten, wie Metropole und Slum und dennoch Tür an Tür. Kein Wunder, daß die einen ihre Häuser und Viertel zu Festungen verrammeln und die Augen verschließen, um die anderen nicht zu sehen.
Ja, an der Peripherie wohnt tatsächlich die Armut. An der Peripherie kehren Maria und Josef ein. Doch hier wird auch Jesus geboren. Der Stall wird zur Keimzelle für ein Wunder. Das andere Bethlehem, das ist das Bethlehem, in dem die Nacht hell wird und Engel ein Lied für Hirten anstimmen. An der Peripherie wächst Neues. Nicht das geschäftige Bethlehem, sondern das der Vergessenen und Armen wird zum Ausgangspunkt.
Die Rettung der Welt beginnt, lange bevor die Regierungen die Klimakonferenz in Kopenhagen einberufen haben. Sie beginnt an den Rändern, dort, wo die Probleme zuerst greifbar sind. Denn da zeigt sich zuerst: die alten Rezepte greifen nicht mehr. Und genauso entstehen neue Ideen selten auf Sachverständigenrunden in der Hauptstadt, sondern an der Basis. Sie wachsen, wo einzelne feststellen: es geht so nicht mehr weiter, und sich zusammentun, Neues ausprobieren, aktiv werden.
So ist es mit allen Fortschritten der letzten Jahrzehnte, ob es um Umweltschutz, Frieden oder weltweite Gerechtigkeit geht oder darum, wie an sozialen Brennpunkten Nachbarschaftsnetze entstehen. Sie haben klein angefangen, wurden ausgelacht oder gar nicht zur Kenntnis genommen. Denn zu allen Zeiten sind die Leute meistens mit sich beschäftigt und es ist immer viel los, genauso wie in Bethlehem. So bekommen sie oft gar nicht mit, was sich außerhalb ihres Gesichtskreises tut. Und doch wächst es allmählich zur Mitte und verändert sie. Selbst Worte wie Nachhaltigkeit, Energiesparen, regionales Wirtschaften sind inzwischen in aller Munde. Vor 20 Jahren wurden aus wenigen Mutigen tausende Demonstranten, die mit Kerzen riefen: wir sind das Volk!
Die Hirten jedenfalls haben sich sofort dafür interessiert, was ihnen die Engel berichteten. Es ist schon erstaunlich, daß sie wegen eines Babys noch in der Nacht ihre Arbeitsplätze verließen. Was sie dann finden, kennen sie allzu gut: einen klapprigen Stall, ein Armeleutekind. Doch diesmal, so spüren sie, werden die Hoffnungen nicht getrogen. Diesmal bricht etwas auf. Mit dem Kind ist der Hauch der Veränderung in die Hütten an der Peripherie eingezogen, der Hauch göttlicher Veränderung. Das Kind hat etwas angestoßen und das kann niemand rückgängig machen. Mitten in der Trostlosigkeit hat die Hoffnung Wurzeln geschlagen. Gott kommt nicht auf Gala-Dinners. Gott kommt zu Maria und Josef, zu Hirtinnen und Hirten. Das andere Bethlehem rückt in den Blickpunkt und es beginnt, Geschichte zu machen. Davon wird noch zu hören sein. Und die Leute, sie werden noch staunen.

 

Heiligabend 2009

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